Was ist Europa?

Die Frage hat brisante Aktualität. Durch die wirtschaftlichen, politischen und geistigen Ereignisse der letzten Jahre ist vieles in Bewegung gekommen, was zu einer Neubesinnung zwingt. Die Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EG) und die Einführung des Euro, die Gründung einer Union europäischer Staaten (EU) und ihre Erweiterung durch osteuropäische Länder, auch durch die vieldiskutierte Aufnahme der Türkei, sind unerhörte Herausforderungen: nicht nur für das wirtschaftliche und politische, sondern grundlegend auch für das philosophische Denken, das sich um den historischen Sinn und die menschliche Vertretbarkeit des Geschehens zu bemühen hat. Ist Europa nur eine geographische und wirtschaftliche Größe – oder auch ein kultureller Begriff? Die an der Universität Bamberg eingerichtete „Forschungsstelle für interkulturelle Philosophie und Comeniusforschung“ widmet sich im Rahmen ihres langjährig betriebenen Forschungsprojekts „Kreativer Friede durch Begegnung der Weltkulturen“ mit Publikationen, Vorträgen und Lehrveranstaltungen dieser Frage. Dabei inspiriert eine Denkergestalt wie der große tschechische Philosoph, Theologe und Pädagoge Jan Amos Comenius, der durch seine „pansophische“ Friedens- und Freiheitskonzeption neue Perspektiven eröffnete. In seinem Geiste soll hier eine Antwort entworfen werden, die auf einen Dialog mit den Kultur- und Geschichtswissenschaften ausgerichtet ist. Zunächst: Geographisch bedeutet „Europa“ einen Kontinent, der wie eine „Halbinsel“ im Westen Asiens liegt und an den sich nach Süden über das Mittelmeer Afrika anschließt. Dieser relativ kleine Erdteil hat sich zu einem bedeutsamen „Kulturraum“ entwickelt. Das heißt, seine Menschen bilden in den Formen ihres Denkens und Empfindens und in den Formen ihres Ausdrucks (etwa in den Sprachen) einen gewissen geistigen Zusammenhang, der eine gemeinsame Geschichte hat und eine weltbestimmende Kraft entfaltete. Dieser Erdteil wird mit dem Namen einer mythologischen Gestalt bezeichnet, der besondere Fruchtbarkeit zugeschrieben wird. Dabei ist eine gewisse ursprüngliche Entsprechung seiner „Kultur“ zu der zugrunde liegenden „Natur“ nicht zu verkennen. Denn Kultur als Selbstausdruck des menschlichen Geistes verwirklicht sich immer auch als „Antwort“ auf die mit der Landschaft gegebenen Lebensbedingungen und auf die Herausforderungen durch die Beschaffenheit der Erdoberfläche und des Klimas. Deren Einfluß ist zwar nicht absolut determinativ zu verstehen, als wäre Kultur ein bloßes Sekundärphänomen von Landschaft und Natur. Er zwingt aber zur Auseinandersetzung und ist insofern dispositiv wirksam. So entwickelt sich Kultur gewissermaßen im Dialog des Menschen mit der Natur und mit sich selbst und seinen eigenen Zielen – und auch, darin eingehüllt, mit dem umfassenden kreativen Hintergrund des Seins. Nun: Gegenüber dem afrikanisch-asiatischen Festlandblock, der von riesigen Dimensionen ist und gewaltige Gegensätze umfaßt und der ein von Monsunen bestimmtes Großraumklima aufweist, verfügt der europäische Kontinent über eine relativ fein differenzierte Landbeschaffenheit und ein moderates Klima. Dies disponiert in besonderer Weise zu einem geistigen Habitus differenzierenden und ordnenden Denkens. So wundert es nicht, daß auf dem Boden europäischer Rationalität die Wissenschaften und die Technik entstanden, durch welche die Natur objektiviert, analysiert und dominiert werden soll – während man im afro-asiatischen Bereich ursprünglicher dazu neigt, die universelle Einheit von Mensch und Kosmos zu betonen und sich in ihren geistig erfahrenen Sinnzusammenhang zu integrieren; der Lebensakzent liegt dort nicht auf „rationaler Beherrschung“ der Natur, sondern auf „intuitiver Balance“ in der Ganzheit des Seins. Es wundert nicht, daß auf dem Boden europäischer Rationalität die Wissenschaften entstanden, durch die die Natur objektiviert werden soll, während man im afro-asiatischen Raum dazu neigt, sich in die universelle Einheit von Mensch und Kosmos zu integrieren. Auf der Ebene des sozialen Bezugs hat abendländische Mentalität wesentlich zu einer rationalen Formulierung von „Allgemeinen Menschenrechten“ geführt, die den einzelnen Menschen in seinen Rechten und Pflichten gegenüber den andern und der Gemeinschaft genau bestimmen und abgrenzen. Beides, die Herrschaft über die Natur durch Wissenschaft und Technik und der Besitz von Grundrechten durch eine unverfügbare Würde, hat seine letzte Grundlage in der christlichen Auffassung des Menschen als „Ebenbild Gottes“, die so als konstitutives Prinzip in die europäische Kultur einging. Dabei weist der europäische Kulturraum ursprünglich durchaus erhebliche Unterschiede auf, die zu den naturalen und klimatischen Gegebenheiten in interessanten Entsprechungen stehen. Die nördlichen Regionen mit ihrem härteren Klima verlangen ein anderes Verhältnis zur Natur als die südlichen, die von der Sonne begünstigt sind. So gab der Norden Anlaß zur Entwicklung eines abstrakt distanzierten Denkens (etwa in einer rein formalen Wissenschaftstheorie und Ethik), das die Natur optimal zu beherrschen und die Zukunft verantwortlich zu planen erlaubt, während der Süden eher Gelegenheit für konkretes Denken bietet, das sich den unmittelbaren Gegebenheiten hingibt; entsprechend könnte man sagen, daß dort die ökonomischen, hier die ästhetischen Werte eine zentralere Bedeutung genießen. Immanuel Kant und Max Scheler können als bedeutende Vertreter dieser Denkweisen genannt werden; ersterer vertritt eine „formale Pflichtethik“, letzterer demgegenüber eine „materiale Wertethik“. Ähnlich wie der Nord-Süd-Gegensatz blieb auch der Ost-West-Unterschied nicht ohne Einfluß auf die Kulturentfaltung, wie sich unter anderem an typischen Ausprägungen von religiöser Spiritualität zeigt. Dabei wirkten griechische Philosophie und römisches Rechtsdenken prägend mit, und zeitweilig auch eine dialektische Integrationskraft Deutschlands, das an der Schnittlinie der Gegensätze von Nord und Süd sowie von Ost und West im Herzen Europas liegt. So bedeutet Europa eine dynamische Einheit kultureller Gegensätze, wobei die Geographie eine bedeutsame Rolle spielt. Auf dieser Basis konnten in der Geschichte die Entscheidungen fallen und die Ziele und Wertvorstellungen wachsen, die Europa kulturell kennzeichnen. Die Beschaffenheit der „Natur“ verhält sich zu der auf ihr entstehenden „Kultur“ wie ein herausforderndes Potential, das vom menschlichen Geist wahrzunehmen und verantwortlich zu aktualisieren ist. Wie sich zeigt, charakterisiert sich die „kulturelle Spannungseinheit Europa“ durch die besondere Bereitschaft, sowohl die Natur als auch die zwischenmenschlichen Verhältnisse (und letztlich auch den metaphysischen Grund des Seins) gewissermaßen be-grifflich „in den Griff“ zu nehmen oder jedenfalls rational zu bestimmen. Mit dieser seiner kulturellen Potenz griff Europa auch auf andere Kontinente aus, vor allem auf Amerika, das so zunächst als die „Neue Welt Europas“ verstanden wurde – als ein zweites, in neue Dimensionen ausgeweitetes Europa. Dabei reduplizierte sich die angelsächsische und nord-europäische Kultur vor allem im Norden Amerikas, das heißt in Kanada und den USA, die „lateinische“ und süd-europäische Kultur aber im südlichen Teil Amerikas, dem sogenannten „Latein-Amerika“, das sich auf Mexiko, Zentral- und Südamerika erstreckt. So umfaßte die kulturelle Einheit „Groß-Europa“ nun geographisch eine „Alte“ und eine „Neue Welt“. Doch durch die Begegnung mit den dort vorgefundenen anderen naturalen und kulturellen Verhältnissen stand – und steht! – die importierte europäische Kultur unter der Forderung, sich zu wandeln. Die in Nord- und Südamerika etablierten Afrikaner, Nachfahren der Negersklaven, repräsentieren ein anderes Verhältnis zur Natur, zum Menschen und zum Göttlichen, das nicht auf den sich rational bemächtigenden Zugriff, sondern auf unmittelbare „rhythmische Partizipation“ angelegt ist. Ähnlich sind die vor allem in Latein-Amerika verbreiteten Indios, die Abkömmlinge von Einwanderern aus Asien, Zeugen einer Lebensweise, die in einer gewissen kontemplativen Einheit mit der Wirklichkeit ruht. Zwar sind durch Nichtachtung, Unterwerfung und Ausbeutung – Perversionen europäischer Kultur – die Angehörigen afrikanischer und asiatischer Kulturkreise teilweise menschlich entfremdet, doch geschieht auch eine Transzendierung der Grenzen traditioneller europäischer Kultur und eine Kreation neuer kultureller Identitäten – die innovativ auf das „Alte Europa“ zurückwirken. Ebenso, wenn auch nicht in der Weise wie auf Amerika, dehnte sich europäischer Einfluß auf Afrika und Asien aus. Neben bloßer Unterwerfung oder einer lediglich äußeren Kulturangleichung sind auch Phänomene wechselseitiger Assimilation und Integration von Kulturelementen zu beobachten, ja echter Kultursynthesen und kultureller Neuschöpfungen. So betrachten sich beispielsweise Japaner, wie mir der japanische Botschafter in Buenos Aires zu meinem Erstaunen in einem persönlichen Gespräch erklärte, nicht als „geistig weiterhin Asiaten, die sich europäische Wissenschaft und Technik als Instrumentarium angeeignet haben“, auch nicht als „Europäer auf ostasiatischem Boden“, sondern als eine neue Qualität menschlich-kulturellen Seins, die aus dem Material der alten Kulturen entsprungen ist – ähnlich wie das Kind nicht lediglich eine Fortsetzung oder neue Kombination der Ich-Identitäten seines Vaters und seiner Mutter, sondern ein neues unteilbares „Ich“ darstellt. So tendiert der kulturelle Weltprozeß heute auf eine universelle gegenseitige Durchdringung der traditionellen Kulturen gleich einem chemischen Gemisch generativer Elemente, und unter dem Druck der Umstände scheint ein „kreativer Sprung der Evolution“ zu Formen des Menschseins anzustehen, in denen die alten Kulturen in einem dreifachen Hegelschen Sinne „aufgehoben“ sind: in ihren für die Fortexistenz der Menschheit unverzichtbaren positiven Eigenschaften „aufbewahrt“, in negativen und defizitären Aspekten aber überwunden und so zu einer integraleren Menschlichkeit „emporgewandelt“. Es scheint, daß aufgrund der globalen Vernetzung der Menschheit eine Zukunft nur so möglich ist. Die europäische Kultur mit ihren Potenzen einer rationalen und technischen Strukturierung des Geschehens und ihren Wertvorstellungen zur Würde der menschlichen Person hat inzwischen alle Teile der Menschheit mehr und mehr „durchtränkt“; so könnte ihr für das Gelingen dieses „Geburtsprozesses“ eine vermittelnde, „mäeutische“ Funktion zukommen. Damit würde sie ihren Namen, der an „geistige Fruchtbarkeit“ appelliert, aktuell einlösen. Durch die theozentrische Orientierung des Islam könnte auch die EU, die mit dem Verzicht auf den Gottesbezug in der Präambel ihrer Verfassung die ontologische Fundierung der Menschenwürde und Menschenrechte verlassen hat, einen Impuls bekommen. Eine Bewährungsprobe steht mit einer Integration der islamisch dominierten Türkei in die Europäische Union an: Einerseits erscheint die dortige Gesellschaft infolge einer mangelnden Anerkennung des „Menschenrechts auf Religionsfreiheit“ nur begrenzt demokratiefähig; andererseits aber könnte durch ihre eindeutige theozentrische Orientierung auch die EU, die mit dem Verzicht auf den Gottbezug in der Präambel ihrer Verfassung gerade die ontologische Fundierung der Menschenwürde und Menschenrechte verlassen hat, einen herausfordernden Impuls bekommen. Der Islam zeigt damit einen Habitus, der sich dem Europas entgegensetzt: Denn er begünstigt und schätzt gerade nicht eine Vielzahl von individuellen Überzeugungen und autonomen Lebensformen, sondern fordert vielmehr deren Einheit. Die Prinzipien aller Bereiche des kulturellen Lebens werden aus dem Koran abgeleitet; dieser gilt auch als Gesetzbuch für den Staat, und es besteht keine Trennung von Religion und Staat. Man praktiziert nicht eine anthropozentrische, sondern eine theozentrische Ethik, und man will nicht den Pluralismus, sondern einen Monismus des kulturellen Lebens. Und so wie dieser unversehens zu einer intoleranten Haltung gegenüber Andersdenkenden führen kann, die dann seine Stoßkraft noch potenziert, so disponiert die Neigung zum Pluralismus zu einer grenzenlosen Toleranz, die lähmt und schwächt. Die ontische Wurzel könnte sein, daß nach islamischem Glauben „Gott“ in einem extrem monistischen Sinne verstanden wird: „Allah“ bedeutet nicht eine dreipersonale Einheit wie der christliche Gott, sondern nur eine singuläre Person. So besteht in der Welt von ihrer göttlichen Seinsgrundlage her nur die Disposition für Einheit und nicht auch für Vielfalt und Pluralität. Umgekehrt ist es gerade die christliche Auffassung Gottes als Ein Sein in der Gemeinschaft distinkter Personen, die dazu befähigt und motiviert, in der Welt sowohl eine Differenz und Vielfalt individueller Überzeugungen und kultureller Bereiche als auch ihre ontische Zusammengehörigkeit und Einheit anzuerkennen und zu achten – was eine „lebendige Ordnung“ grundlegen kann, die „Einheit in der Verschiedenheit“ und „Verschiedenheit in der Einheit“ besagt. Von hier aus öffnet sich der Blick auf eine unverzichtbare Aufgabe und Möglichkeit des christlichen Glaubens in bezug auf die künftige Kultur Europas. Der Niedergang der christlichen Kultur in ihrer traditionellen Struktur und der Aufstieg des Islam bedeuten eine existentielle Herausforderung für die Substanz des Christentums als konstitutives und kreatives Element Europas. Um aber dieser Perspektive zu entsprechen, erscheint es erforderlich, daß der Christ seine Identität nicht in einem defensiven Sinne gegenüber dem Islam versteht, sondern in einem dialogischen Sinne. Er muß aus einem selbstgenügsamen Selbstverständnis, das in sich selbst verschlossen ist, heraustreten und geistig in die Mentalität des Islam eintreten, um sie von ihren eigenen Voraussetzungen her zu verstehen. Von da aus könnte der Christ in eine reichere christliche Identität zurückkehren, die nun eine ausdrückliche Beziehung zum Islam einschlösse. Eine solche neue dialogische Identität bedeutete letztlich eine vollkommenere Verwirklichung des Auftrags des Christentums als Religion der Liebe. Und außerdem: Wenn der Christ sich dem Moslem in einer Haltung des respektvollen Verstehens und der Offenheit nähert, dann besteht – auf der Grundlage des Vertrauens in den gemeinsamen Gott! – Hoffnung, daß auch der Moslem sich mehr gegenüber dem Christen öffnet. Nur auf diese Weise öffnet sich Zukunft sowohl für das Christentum in Europa als auch für ein Europa, in dem das Christentum einen Ort und einen konstitutiven kulturellen Einfluß besitzt. Prof. Prof. h. c. mult. Dr. Dr. h. c. Heinrich Beck lehrte Philosophie an der Universität Bamberg und war Gastprofessor an zahlreichen Universitäten des In- und Auslandes. Foto: Meister des al-Mubashshir-Manuskripts, Sokrates und zwei Schüler, Buchillustration, 13. Jahrhundert: Dialog ist ein Grundmerkmal europäischer Kultur

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