Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

George Orwell wäre verblüfft

George Orwells legendärer Zukunftsroman „1984“ (1949) entstand unter dem Eindruck des Totalitarismus, wie er dem überzeugten Sozialisten vor allem in Gestalt des Sowjetkommunismus vor Augen stand. Er beschrieb die ins Absurd-Monströse vorgetriebene Allmacht eines Staates, der seine Bürger mit Kameras selbst im intim-privaten Bereich observiert, um ihre Loyalität zu überprüfen. Gespenstisch und jenseits wohl der Vorstellungskraft des 1950 verstorbenen Orwells ist, was sich im Zeitalter der digitalen Revolution nicht in totalitären Regimen, sondern in westlichen Demokratien abspielt. Tatsächlich weiten die Staaten unter der Generalklausel „Kampf gegen den Terror“ seit 2001 die Überwachung ihrer Bürger immer weiter aus. Orwells Heimatland Großbritannien darf sich glücklich schätzen, mit 4,2 Millionen Überwachungskameras an der Weltspitze zu liegen. Und begeistert melden Zeitungen den neuesten Schrei: Stadtbedienstete können – wie in „1984“ der „Große Bruder“ – Müllsünder oder Zecher, die gerade eine Schlägerei beginnen wollen, über „interaktive Kameras“ mit Lautsprecher ermahnen, ihr Verhalten anzupassen. Die eigentliche Revolution spielt sich jedoch im nichtstaatlichen, virtuellen Raum ab: Der Internet-Gigant Google, die größte Netz-Suchmaschine, bietet schon seit einiger Zeit über seine Seite „Google Earth“ die Möglichkeit, per Suchfunktion Satellitenaufnahmen von jedem Punkt der Erde anzusehen. Man kann seine Adresse eingeben und den Sonnenschirm auf der eigenen Terrasse identifizieren. Das allerneueste Tool von Google: „Street View“. Bislang kann man nur in New York, demnächst aber weltweit gewünschte Wege aus Autofahrerperspektive am Bildschirm „abgehen“ und dabei Straßenszenen mit gegen ihren Willen willkürlich fotografierten Bürgern ansehen. Und das ist erst der Anfang. Inzwischen besitzt fast jeder Deutsche ein Mobiltelefon, mit dem er fotografieren und filmen kann. Die Bilder werden in Echtzeit an Internetseiten weitergeschickt. Milliarden privater Aufnahmen kursieren im Netz. Der Voyeurismus wird durch Datenbanken wie „youtube“ und „myvideo“ angeheizt. Und immer mehr machen mit! Inzwischen entdecken Boulevardblättern die eigenen Leser als „Reporter“, die kuriose, aber auch delikate Aufnahmen von Bürgern und Prominenten gegen Entgelt an die Redaktionen weitersenden können, damit diese dann am nächsten Tag in Millionenauflage ausgeschlachtet werden. Ist das nicht Pressefreiheit? Ist das nicht Selbstbestimmung? Tatsache ist, daß man sich immer schwerer der Bilder- und Datenflut entziehen kann. Daten- und Persönlichkeitsschutz gerät zur Farce. Manchem dämmert es, daß er bei jedem Schritt, den er macht, bei jeder Kontobewegung, bei jedem Kauf, sogar bei jedem Schritt vors Haus eine Datenspur hinterläßt, die irgendwo wieder abrufbar ist. Und sei es nur als Spaßvideo bei youtube. Oder als Schatten auf einer Satellitenaufnahme bei Google Earth. Der Große Bruder, den Orwell als gespenstische Vision an die Wand malte, er ist längst da. Und das Schlimme ist: Hinter ihm steht kein Staat, keine Partei, sondern wir alle.

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