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Freigeist aus anderer Zeit

Die äußeren Stationen seiner beruflichen Laufbahn wirken deshalb so glänzend und einprägsam, weil Siedler ihr durch seine Persönlichkeit und geistige Unabhängigkeit einen unverwechselbaren Inhalt gab. Vom besonderen Ton seiner historischen und kunstgeschichtlichen Essays wird noch zu reden sein. Als Verleger veranlaßte er eine zwölfbändige „Deutschen Geschichte“ und eine zehnbändige „Deutsche Geschichte im Osten Europas“, und zwar zu einer Zeit, als die Wortführer in Deutschland die Nation bereits als historisch erledigt erklärten und die Beschäftigung mit den Vertreibungsgebieten als revanchistisch galt. Unter seiner Leitung erschienen Bücher von und über Willy Brandt und Franz-Josef Strauß, die damals als absolute Antipoden empfunden wurden. Ihre Gemeinsamkeiten erschienen Siedler wichtiger. Er brachte die zweibändige Bismarck-Biographie des in der DDR lebenden Historikers Ernst Engelbert heraus, dessen stringent marxistische Argumentation er zwar nicht teilte, dessen wissenschaftlichen Ernst er dennoch schätzte. Für Siedler ist die geistige Qualität wichtiger als die politische Gesinnung. Dieser freie Geist stammt nicht aus unserer Zeit, die Gegenwart ist ihm sogar feindlich. Siedler hat das Glück, auch in anderen Zeiten zu Hause zu sein. Beim Nachdenken über ihn fällt einem der alte Dubslaw von Stechlin ein, aus dem letzten Roman von Theodor Fontane: „Er hatte noch das ganz eigentümlich sympathisch Berührende all derer, die ’schon vor den Hohenzollern da waren'“. Auch Siedler war schon lange vorher da. Unter seinen Vorfahren befindet sich der Bildhauer Johann Gottfried Schadow, dessen berühmtestes Werk die Quadriga auf dem Brandenburger Tor ist. Ein anderer berühmter Ahne ist der Komponist und Musikpädagoge Karl Friedrich Zelter. Wenn Wolf Jobst Siedler die Straße Unter den Linden vom Brandenburger Tor in Richtung Schloßplatz abschreitet, besichtigt er auch Stationen seiner Familiengeschichte und begibt sich in eine Periode, die Deutschland mit einer vergleichbaren Intensität und in einem gleich guten Sinne prägte wie die Weimarer Klassik. Es ist die Spanne zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und dem deutschen Vormärz, als die Berliner Universität gegründet, moderne Verfassungskonzepte diskutiert, Reformen in Gesellschaft und Militär in Gang gesetzt wurden, die Salonkultur blühte und die Judenemanzipation stattfand. Dieses Preußen nicht als Museumsstück, sondern als verpflichtendes Erbe zu empfinden und weiterzugeben, ist gleichfalls Teil der Familientradition. Das Gefühl, in einer Endzeit zu leben, ist in viele Aufsätze Siedlers eingeflossen, weshalb ein enger Freund, der vor einem Jahr verstorbene Joachim Fest, in einem späten Buch an Siedler ein Zuviel an „Edeltrauer“ monierte, womit er wohl eine Art von Trauer meinte, die selber bereits nostalgisch geworden ist. Das leuchtet zunächst ein, doch Fest hat an der Fähigkeit Siedlers zu trauern, etwas verkannt und übersehen. Während Hofmannsthal sich das geahnte „Grauen“ nicht aussinnen mochte, hatte die Generation von Wolf Jobst Siedler gar keine Wahl. Es brach einfach über sie herein, sie mußte sich ihm stellen. Siedler hatte wenigstens das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, für die der Nationalsozialismus zu keiner Zeit eine Verführung darstellte, weshalb ihm am Ende wenigstens ein böses Erwachen erspart blieb. Schwere Wunden wurden ihm dennoch geschlagen. 1943/44 gerieten er und sein Freund Ernst Jünger, der Sohn des Schriftstellers, selber in Lebensgefahr. Ein Mitschüler hatte ihre Witze über Hitler und ihre Haßphantasien protokolliert und gemeldet. Mit größter Mühe konnte der Vater seines Freundes das drohende Todesurteil abwenden. Sie wurden zur Frontbewährung verurteilt. Jünger junior fiel, Siedler geriet verwundet in britische Kriegsgefangenschaft, die zwei Jahre dauerte. Viele zerbrechen an solchem Schicksal, andere verkapseln es in sich und verstummen, und wieder andere – wie ein Großschriftsteller unserer Tage – werden selbstgerecht bis zur Bösartigkeit. Und einige werden stärker und gegenüber ihren Mitmenschen nachsichtiger. Zu ihnen gehört zweifellos Wolf Jobst Siedler, der es sogar ablehnte, gegen seinen und seines Freundes Denunzianten juristisch vorzugehen. Zum Gefühl der Nostalgie, zur Verklärung des Vergangenen, sind solche Menschen gar nicht imstande, nur empfinden sie – ich zitiere aus Ernst Jüngers „Marmorklippen“ – jene „wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an die Zeiten des Glückes ergreift“. Und selbst diese Zeiten sind eine Mahnung, daß „wir das Maß des Lebens und der Liebe nicht bis zum Rande gefüllt gehabt (haben), doch keine Reue bringt das Versäumte zurück“. Siedler würde gewiß zurückweisen, von derart starken Gefühlsaufwallungen heimgesucht zu sein, doch ich glaube, daß das, was Fest seine „Edeltrauer“ nannte, in Wahrheit seine Art ist, seinem Leiden an Deutschland eine Form zu geben und die Schwermut über die vertanen, versäumten Möglichkeiten zu disziplinieren. Damit ist sie auf ganz eigene, untergründige Art zeitgemäß und bewegend. Und Disziplin brauchte Wolf Jobst Siedler, um einerseits die geschichtlichen Verluste klar zu benennen und sich trotzdem den nüchternen Blick für das Nötige und Machbare zu bewahren. Für Siedler kam nicht in Frage, den Verlust unter neuen, mutwillig herbeigeführten Verlusten zu begraben. Mit seinem Buch „Die gemordete Stadt“ ging er vor 40 Jahren in die Offensive gegen die planvolle Zerstörung humaner bürgerlicher Lebenskultur, die – nun im Zeichen vermeintlichen Fortschritts – an die Kriegszerstörungen und gigantomanischen Planungen der Nationalsozialisten anknüpften. Nach 1989 setzte er sich vehement für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ein und trug zum Beschluß des Bundestages bei, die zerstörte preußisch-deutsche Mitte zu reparieren. Es sei hinzugefügt, daß Siedler die Zukunft des wiedervereinten Berlins viel realistischer gesehen hat als Politiker und Wirtschaftsleute. Sein höher entwickeltes Geschichtsgefühl ließ ihn die Zeichen der Gegenwart und die der Zukunft klarer erkennen. Siedlers Temperament und seine Profession waren ganz andere als die Gerhard Löwenthals, aber einig waren sie sich in dem Willen, das Land und die Stadt gegen materielle Gefahren und gegen falsche Propheten zu behaupten. Fotos: Festveranstaltung: 250 Gäste, darunter Autoren und Freunde der JF kamen zur Verleihung des Gerhard-Löwenthal-Preises 2007; Laudator Thorsten Hinz

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