„Die wollen die Wahrheit nicht hören“

In der Neulangsower Remise in Seelow hängt ein Banner, das an „35 Jahre Kleintierzuchtverein Werbig/Neulangsow“ erinnert. In der Ecke stehen einige Pokale für erfolgreiche Kaninchenzucht und andere preisverdächtige Leistungen. Richard Priemuth betritt als erster das neue Gebäude. Der Stadtverordnetenvorsteher ist adrett gekleidet. Weißes, kurzärmeliges Hemd mit rosa Krawatte. Es ist sehr heiß an diesem Sommertag in Brandenburg. „Uns war ja die ganze Familiengeschichte nicht bekannt“, klagt Priemuth. Und weiter: „Auf Nachfrage hieß es nur, daß es Großbauern waren.“ Bei der Sitzung, die Priemuth gleich leiten wird, geht es um den Seibickeweg. Er soll schon wieder umbenannt werden. Die Seibickes waren eine Bauernfamilie aus der Umgebung von Seelow. Sie hatten einen Hof, leben aber längst nicht mehr in Brandenburg. Heute erinnern noch ein kleiner Teich und ein Angelverein an den Namen Seibicke. Aber ein Weg darf nicht auch noch nach ihnen benannt werden. Der Grund dafür ist das – aus Sicht der Stadtoberen – „schwarze Schaf der Familie“: Günter Seibicke (JF 25/07). Der ist zwar seit 64 Jahren tot, aber sein Verbrechen ist so schlimm, daß deswegen nicht einmal ein Feldweg nach seiner Familie benannt werden darf: Günter Seibicke war Ritterkreuzträger. Und so geht es bei der Versammlung im Seelower Ortsteil Neulangsow um mehr, es geht um die Frage, wie neu die neue Linkspartei wirklich ist. Und wie sowjetisch, wie „ostig“ es in den neuen Ländern manchmal noch zugeht – siebzehn Jahre nach dem Ende der SED-Herrschaft. Eine Woche zuvor hatte Matthias Platzeck in den Brandenburger Dom geladen. Gemeinsam begingen die Spitzen des Staates mit Kirchenvertretern und geladenen Gästen bei einem Gottesdienst und einer Festveranstaltung das Jubiläum „850 Jahre Mark Brandenburg“. Während Bischof Huber, dessen evangelische Kirche unter dem enormen Druck der früheren Machthaber sehr zu leiden hatte, in seiner Rede überraschend deutlich an die Verbrechen der SED erinnerte, kam dazu von Platzeck kaum ein Wort. Der SPD-Ministerpräsident lobte die Aufbaubemühungen. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, die gute Stimmung steigt, das war der Tenor seiner Rede. Die DDR wirkt bei Platzeck schon ganz weit weg. „Vor allem für die junge Generation, in deren Biographie die Wende von 1989 und der Zweite Weltkrieg genausowenig eine Rolle spielen wie die Geburtsstunde der Mark Brandenburg vor 850 Jahren, müssen wir diese Daten aufheben. Sie sind die Bezugspunkte, aus denen wir die Kraft schöpfen, die wir für alles Künftige brauchen.“ Bezugspunkte, aus denen sich „Kraft schöpfen“ läßt, gibt es in Seelow für die Linke reichlich. Da ist zum Beispiel das Kriegerdenkmal für die in der Schlacht gefallenen Rotarmisten. 1945 hatte es kurz vor Berlin bei Seelow das letzte größere Gefecht gegeben, das die Rote Armee vor allem wegen ihrer gewaltigen Überlegenheit an Menschen und Material gewonnen hat. 33.000 Rotarmisten mußten in dieser sinnlosen Schlacht für Stalin ihr Leben lassen und fanden im märkischen Sand Seelows ihre letzte Ruhe. An dem dazugehörigen Denkmal steht zu lesen: „Ewig unvergessen seid Ihr Sowjetsoldaten, eingemeißelt den Steinen, dauern die Namen, eingeprägt dem Gedächtnis, leben die Taten. Ihr gabt euer Leben, uns vom Faschismus und Krieg zu befreien, was in Euch brannte, soll in uns Fackel sein.“ Diesen martialischen Zeilen verleiht das militärische Ambiente Nachdruck: Vor dem Denkmal stehen ein Panzer, ein Raketenwerfer und zwei Kanonen, die mit deutschen Steuergeldern regelmäßig gehegt und gepflegt werden. Über dem Ganzen thront ein überlebensgroßer Sowjetsoldat aus Bronze, der seine Kalaschnikow lässig vor der Brust trägt. Unter ihm steht auf russisch: „Ewiger Ruhm den Helden, Gefallenen in den Kämpfen mit den faschistischen Eindringlingen für Freiheit und Unabhängigkeit der Sowjetunion.“ So ehren die Russen ihre Soldaten, die im Feindesland gefallen sind. Nach der Familie Seibicke aber darf keine Straße benannt werden, weil indirekt auch Günter Seibicke gemeint sein könnte. „Ich bin dagegen, daß eine Straße benannt wird nach einem Offizier, der sieben Schiffe versenkt hat, weil er damit geehrt wird. Es gab so viele Opfer im Krieg. Und er gehörte zu denen, die sich auch noch Verdienste erworben haben“, faßt Priemuth seine Meinung zusammen. Einwände läßt er nicht gelten, also zum Beispiel, daß die Straße ja nicht explizit nach Günter Seibicke benannt ist, sondern nur nach den Seibickes allgemein. So etwas hieß früher Sippenhaftung. Die DDR ist auf einmal gar nicht mehr so weit weg. Die vier Mitglieder der CDU-Fraktion sehen das anders. Fraktionschef Norbert Kositz sagt: „Der Familie ist Unrecht geschehen. Wir möchten, daß sich niemand über diese Menschen herablassend äußert. Seibicke ist schließlich mit seiner ganzen Mannschaft abgesoffen.“ Günter Seibicke kommandierte U-436 im Atlantik und torpedierte siebenmal erfolgreich den Gegner. Am 26. Mai 1943 wurde das Schiff jedoch für die gesamte Crew zum ehernen Grab, als eine britische Korvette das Schiff in der Biscaya versenkte. In die Reichsmarine war Seibicke schon 1931 eingetreten, also vor Hitlers Machtergreifung. Und auch danach hat er keine Nähe zu den Machthabern gesucht, schließlich war er kein NSDAP-Mitglied. „Der Name Seibicke hat immer noch einen guten Ruf bei uns. Das waren keine Nazis“, betont deswegen Kositz vor der Sitzung. Wie also kommen die Genossen von SPD und PDS darauf, daß Seibicke ein „Nazi-Offizier“ war, wie ihn der Berliner Tagesspiegel genannt hat? Die Abgeordneten geben keine Interviews, wollen nicht einmal fotografiert werden. Der PDS-Fraktionschef Klaus-Peter Schmidt nicht, die SPD-Stadtverordnete Cosima Lüdemann auch nicht. Soviel Diskretion wird Gründe haben. Gerade mal drei Sitze hat die CDU in der Seelower Stadtverordnetenversammlung. Dazugestoßen ist noch der politisch zwischenzeitlich heimatlose Falk Janke, der 2003 für die Schill-Partei gewählt worden ist. Er hat inzwischen eine eigene Partei gegründet (Die Rechte) und gehört zur vierköpfigen CDU-Fraktion. Der FDP-Mann dagegen gehört zur SPD-Fraktion, die damit über acht Sitze verfügt. Dazu kommen noch die sechs Sitze der PDS. „Wir heißen jetzt ‚Die Linke'“, verkündet der Fraktionschef Klaus-Peter Schmidt zu Beginn der Sitzung. Schmidt war früher ein hochrangiger Funktionär in der DDR-Schulverwaltung, sagt einer seiner Kollegen. Jetzt ist er Lehrer. Verglichen mit diesen „alten Seilschaftern“ wirken die sieben sozialdemokratischen Abgeordneten amateurhaft, aber nicht weniger entschlossen. Gegen Seibicke sind sich die Genossen von links einig. So scheitert die CDU schon mit ihrem ersten Antrag: Rederecht für Wolf-Dietrich Staupendahl. Mit 8:6 Stimmen (nicht alle Abgeordneten waren anwesend) schmettert die Volksfront aus SPD, FDP und Linken den Antrag ab, den Neffen Günter Seibickes zu Wort kommen zu lassen. Immerhin: Zwei Mitglieder aus der SPD-Fraktion stimmen dafür. Staupendahl steht trotzdem auf und versucht etwas zu sagen, wird aber sofort von Priemuth übertönt. „Sie haben hier kein Rederecht.“ „Es geht doch aber um die Familienehre …“ Der Rest geht im Tumult unter. Priemuth unterbricht die Sitzung. In einer kurzen Verhandlung bleiben die Linken hart: Staupendahl darf nicht sprechen. Eine Frau fragt in der Zwangspause den Abgeordneten André Höhne (CDU), der auch Bürgermeister der Seelower Ortsteils Werbig ist und für die Umbenennung der Feldstraße in Seibickeweg war: „Was soll denn das, daß die einen alten Mann nicht sprechen lassen? Die wollen die Wahrheit nicht hören.“ Der Seibicke-Neffe verläßt nun frustriert den Saal. Der Berliner hat sich extra auf den langen Weg nach Seelow gemacht, darf aber nichts sagen. Vor der Remise stehend macht er seinem Ärger Luft: „Mein Onkel hat nur seine Pflicht erfüllt. Ich mußte es doch auch, war selber bei der NVA.“ Das tragische Schicksal der Eltern von Günter Seibicke nach dem Verlust ihres Sohnes ging so weiter: „Mein Großvater Ernst Seibicke wurde beim Einmarsch der Roten Armee 1945 erschossen, als er sich schützend vor unsere Großmutter gestellt hat.“ Und auch der Hof wurde während und nach dem Gefecht total zerstört, später wurde er abgerissen. Staupendahl schimpft weiter: „Ich bin hierhergekommen, um den Namen meiner Familie reinzuhalten, der von dilettantischen Reportern in den Dreck gezogen wird.“ Und wie stand sein Onkel zu den Nazis? Für die NS-Propaganda war Seibicke nicht empfänglich: „Meiner Mutter hat er mal gesagt, Hitler und Stalin sind zwei geisteskranke Idioten, die sich gegenseitig fertigmachen“, erinnert sich Staupendahl. Zurück in der Remise, wo sich inzwischen leichter Schweißgeruch ausbreitet. Zwei Stunden lang geht es um Teichsanierungen, Kindergärtenplätze und um den nichtgemähten Sportplatz. Dann endlich um 20.23 Uhr kommt Tagesordnungspunkt 14: Beratung und Beschlußfassung zur Straßenumbenennung im Ortsteil Werbig. Erst vor acht Wochen ist die Feldstraße in Seibickeweg umbenannt worden. Straßenumbenennungen gibt es häufiger in der Stadt. Zum Beispiel verschwand erst letztes Jahr die Leninstraße. Noch immer gibt es eine Ernst-Thälmann-Straße (KPD-Chef) und eine Erich-Weinert-Straße (Chef des kommunistischen Nationalkomitees Freies Deutschland). Daran stört sich naturgemäß keiner – die Sozialdemokraten nicht und die Linken erst recht nicht. Und das, obwohl Oskar Lafontaine zuvor die Parole ausgegeben hat, die neue Linke müsse sich Willy Brandt und den in der DDR verfolgten Sozialdemokraten verpflichtet fühlen. Der Seelower Abgeordnete Falk Janke hatte sich 2006 also für den „Seibickeweg“ stark gemacht. Und sicherlich hat er auch an den U-Boot-Kommandanten gedacht, das sagt er selbst: „Die Jüngeren hier im Dorf, die so um die 30 sind, die reden eben viel über den Krieg. Mensch, da habe ich gesagt: Wir haben einen U-Boot-Kommandanten von hier. Benennen wir doch einen Weg nach dem!“ Allen sei bewußt gewesen, daß es auch den U-Boot-Kommandanten Seibicke gegeben habe, behaupten er und die anderen Abgeordneten der CDU-Fraktion. Erst als die Presse begann, gegen den „linientreuen Unterstützer des NS-Regimes“ (Berliner Zeitung) zu wettern, taten die Linken so, als seien sie getäuscht worden. Auch jetzt gebe es keinen Grund für eine Umbenennung, stellt Norbert Kositz fest. „Die ganze Art und Weise des Umgangs hat die Familie Seibicke inklusive des Wehrmachtsoffiziers nicht verdient. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie den Angehörigen nicht einmal anhören würden.“ Die anwesenden Dorfbewohner applaudieren. Kositz‘ CDU-Fraktionskollege Janke: „Seibicke hat sich für U-Boote entschieden. Ich glaube, daß kann man niemandem heute vorwerfen, daß er sich für moderne Technik interessiert.“ Der Familie wurde auch im und nach dem Krieg schon übel mitgespielt, erinnert er. „Ihre Zeit ist um“, ruft ihn die Abgeordnete Lüdemann zur Ordnung. Als Janke fertig ist, bekommt er noch einmal kräftigen Applaus der etwa zwanzig zuhörenden Dorfbewohner. Von den Linken spricht keiner. Von der SPD auch nicht. Es wird kein einziges Argument für die Umbenennung vorgetragen. Statt dessen ruft Priemuth die Abstimmung auf. Das Ergebnis: 10:4 gegen Seibicke. Ein Sozialdemokrat enthält sich. Um 20.35 Uhr heißt der Seibickeweg wieder Feldweg. Stichwort: Die Macht der Medien im „Fall Seibicke“ Zum Skandalthema wurde die Straßenumbenennung im Seelower Ortsteil Werbig durch einen TV-Aufmacher-Bericht des RBB: Straße nach Ritterkreuzträger benannt. Erst daraufhin zeigte sich Seelows Bürgermeister Udo Schulz (SPD) schockiert. Würde man den Namen beibehalten, könnte der Weg schnell zu einem Wallfahrtsort für nationalistische Kreise avancieren, erklärte er der Märkischen Oderzeitung. Werbigs Bürgermeister André Höhne (CDU) hielt an der Umbenennung fest und kritisierte dagegen die Berichterstattung der Medien. Erst dadurch sei das Thema aufgebauscht worden.

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