Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die Welt wird zu einer großen Stadt

Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen (Uno), stellte fest: „Mit dem 21. Jahrhundert beginnt das Jahrtausend der Städte.“ Und wie es beginnt. Noch 1900 lebten in den Industriestaaten 70 Prozent der Menschen auf dem Lande. Hundert Jahre später wohnten bereits 76 Prozent in Städten. Dieser Trend der Metropolisierung setzt sich unvermindert fort und findet in der Gegenwart seinen Höhepunkt. Denn erstmals leben heute mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Weltweit verlassen immer mehr Menschen die ländlichen Siedlungsräume, um ihr „Glück“ in der Stadt zu versuchen. Und gerade die enormen Bevölkerungswachstumsraten auf den Philippinen, in China, Indien oder in den Entwicklungsländern Bangladesch oder Pakistan lassen den Prozentsatz der über zehn Millionen Einwohner zählenden Mega-Städte ansteigen. Die urbane Realität sieht freilich sehr viel anders aus, als die zuwandernden Landflüchter sie sich erhoffen. Um die Wolkenkratzer geschäftiger Innenstädte wie Manila (Philippinen), Mexico City oder Karatschi (Pakistan) entfalten sich zwei Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten: die noblen Wohnsiedlungen der Reichen und die Armenviertel der Slums und Favelas, die zum Teil jenseitige Kriminalitätsraten aufweisen und meist zur dauerhaften Bleibe der Neo-Städter werden. Ein Blick auf die indische Metropole Mumbai (Bombay) genügt, und man kann die zwei Gesichter der „Megacities“ kaum übersehen. Denn während sich die indische IT-, Finanz- und Filmmetropole zu einem der gefragtesten und teuersten Dienstleistungs-Standorte der Welt entwickelt, sorgen deren Slums eher selten für Schlagzeilen. Doch die Stadt wird der Bevölkerungsexplosion nicht Herr, und so leben in der 14 Millionen-Metropole – Tendenz: steigend – über 50 Prozent der Menschen im Slum oder auf der Straße. Mit all den negativen Folgeerscheinungen wie katastrophalen Hygieneverhältnissen, enormer Umweltverschmutzung und sozialer Ausgrenzung. Gesundheitsrisiken der besonderen Art Doch die Probleme des modernen Stadtalltags lassen sich keineswegs auf den Gegensatz von Arm und Reich reduzieren. Der nach Konrad Lorenz einer degenerativen „Verhausschweinung“ gleichkommenden Selbstdomestikation des vorgeblich zivilisierten Menschen folgt nunmehr die lückenlose Verbetonierung des Städters als Korsage seiner wachen Sinne, als Ummauerung seines Bewußtseinshorizonts. Mit schwerwiegenden Folgen: Das Zusammenleben von Millionen Menschen auf kleinsten Flächen erzeugt Dichtestreß. Der Verhaltens- und Aggressionsforscher Lorenz konnte belegen, daß dieser angetan ist, im Menschen ähnliche Verhaltensstörungen hervorzurufen, wie Lorenz sie an seinen tierischen Probanden beobachtete. Sperrt man Tiere, die einander in Freiheit nicht an Fell oder Gefieder gehen, auf engem Raum zusammen, schränkt man folglich ihren natürlichen Bewegungsdrang ein, kommt es unweigerlich zu Aggressionshandlungen, die bei wildlebenden Artgenossen nicht zum Verhaltensrepertoire zählen. Tatsächlich kennt jeder das Unbehagen fortwährender Eingeengtheit. In überfüllten U-Bahnen, schier endlosen Verkehrsstaus kommt es unwillkürlich zu Verletzungen der Intimsphäre, des persönlichen Territoriums, das jedes Lebewesen in seinem unmittelbaren Umfeld beansprucht. Dieser als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfundene Zustand führt in den seltensten Fällen zur Verbrüderung der Beteiligten. Man rückt sich gegenseitig „auf die Pelle“, steht einander im Wege und „kriegt (klaustrophobische) Zustände“. Hinzu kommt ein nur als Lärm zu bezeichnender Geräuschpegel, wohin das Ohr auch lauscht. Jede längerfristig anhaltende Lärmeinwirkung von über sechzig Dezibel zieht unweigerlich Schädigungen nach sich. Müdigkeit, Erschöpfung, Aggression oder Krankheit sind die gängigen Reaktionsmuster. Nahezu jeder Großstädter leidet unter mindestens einem dieser Symptome. Dem nicht genug. Denn in jüngster Zeit findet auch die schleichende Kontamination der Städte durch Atemgifte vermehrt den Weg in die Schlagzeilen. Tatsächlich ist die metropole Luftqualität erschreckend. Bodennahes Ozon, Feinstaubbelastungen, selbst für Experten unbekannte chemische Verbindungen aus Müllverbrennungsanlagen, industrielle Schadstoff­emissionen erzeugen einen Cocktail, der sich möglicherweise zur Schädlingsvertilgung, gewiß aber nicht als Atemluft eignet. Gegenüber Vergleichswerten aus den neunziger Jahren ist in nahezu allen Ballungsräumen eine Zunahme von Atemwegserkrankungen (Bronchitis, Asthma, Allergien) im zweistelligen Prozentbereich festzustellen. Ein städtisches Gesundheitsrisiko besonderer Art ist seit Jahren unliebstes Sorgenkind von Zivilschutzbeauftragten. Im Falle von Epidemien/Pandemien, da Krankheitserreger rasch auf weite Bevölkerungsteile übergreifen, bietet die Großstadt ein reiches Betätigungsfeld für pathogene Keime. Binnen kürzester Zeit wären Millionen Menschen infiziert, mit hochdramatischen Konsequenzen, sofern es sich um eine nicht oder schwer zu behandelnde Seuche handelt – wie sie der für die kommenden Jahre erwartete Mutant aus den Erregern der „herkömmlichen“ Influenza und der Vogelgrippe darstellt. Fruchtbare Landschaften veröden Eine ähnliche Problematik ergibt sich im Falle von Naturkatastrophen. Zahlreiche Städte wurden in erdbebengefährdeten Gebieten errichtet, etwa Los Angeles, San Francisco oder Istanbul. Andere liegen in der unmittelbaren Nähe aktiver Vulkane oder an exponierten Küsten. Wie schwierig es selbst bei mehrtägiger Vorbereitungszeit ist, eine Großstadt zu evakuieren, zeigte sich am Beispiel von New Orleans. Nicht auszudenken, wie die Evakuierung einer Millionenstadt binnen weniger Stunden ablaufen sollte, angesichts der unvermeidlichen Massenpanik, verstopfter Ausfallstraßen. In jenen Städten, die in tektonisch besonders aktiven Regionen liegen, etwa an der kalifornischen Küste, wartet man seit vielen Jahren auf „das große Beben“. Alleine, effiziente Katastrophenschutz-Pläne konnten bis heute nicht ausgearbeitet werden, da sich Erdbeben – trotz hochentwickelter Überwachungstechnik – relativ kurzzeitig ankündigen. Die wirksamste Schutzmaßnahme wäre es demnach, sensible Bereiche von vornherein zu meiden und jedenfalls keine Millionenstädte auf bekannt instabilen Böden zu erbauen. Hier aber kommt dem Menschen sein an Überheblichkeit grenzender Zweckoptimismus, auch als Mangel an Information bekannt, in die Quere: Es wird schon nichts passieren – und wenn doch, dann ganz sicher nicht mir! Doch ob anthropogenen Ursprungs oder nicht, werden auch Erderwärmung und Anstieg des Meeresspiegels eines nicht mehr fernen Tages an manches Stadttor pochen. Einer im Fachmagazin Environment and Urbanization veröffentlichten Studie zufolge sind zwei Drittel der größeren Städte weltweit von steigenden Meeresspiegeln akut bedroht. Verschärft wird die Situation von der Massenwanderung aus verödenden Landflächen in die Ballungsräume der Küstenregionen. Schon heute leben dort über 180 Staaten verteilt knapp 650 Millionen Menschen. Besonders betroffen sind China, Indien, Bangladesch und Indonesien. Besonders bedroht sind auch, wenngleich vom Weltklimarat (IPCC) ignoriert, die von den skizzierten Entwicklungen indirekt betroffenen Völker Europas. So sind die Küsten Afrikas für die sich dort zu Millionen sammelnden Umweltflüchtlinge aus dem verdorrenden Inneren des Kontinents nur das Trittbrett für die Überfahrt in den „goldenen Norden“. Vorwiegend jung, männlich und fordernd, läßt das stetig wachsende Millionenheer erahnen, was die „Festung Europa“ erwartet. Parallel dazu wächst vielerorts bereits die zweite, dritte, vierte Generation im sterilen Umfeld lebloser, grauer Betonschluchten auf. Dies führt zu einer vollständigen Naturentfremdung, die mit dem weiterführenden Begriff „Entmenschung“ keineswegs überzeichnet ist. Wer aber stellt die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicher, wo Bauern zu Städtern werden? Und wer ist für Fragen der Landschaftspflege zuständig, wenn die zu pflegenden Landstriche entvölkert sind? Die landwirtschaftliche Kultur zerbricht, seit Generationen überliefertes Saatgut- und Handwerkswissen gehen unwiderruflich verloren – dem Bauern wie der ihn in die Vorstädte des globalen Metropolis zwingenden Gemeinschaft. Die Verstädterung des Menschen bringt viele sozialpolitische Unannehmlichkeiten mit sich, deren Tragweite erst allmählich und auch nur ansatzweise spürbar wird. Die Probleme werden sich zuspitzen, sobald die fortschreitende Desertifikation (Wüstenbildung) zur Verödung undenkbar weiter Landstriche führen und auch die verbliebene Landbevölkerung zur Abwanderung zwingen wird. Innerhalb der nächsten Jahrzehnte werden sich mehrere hundert Millionen von Klimaflüchtlingen auf den Weg Richtung Norden (Europa und USA/Kanada) begeben, wo man in den dortigen Städten vieles, „menschlichen Nachschub“ oft nicht brauchen wird. Die letztlich aus der Industriellen Revolution hervorgegangene Idee Großstadt ist zwar eine praktische Einrichtung der auf Verfügbarkeit und Gleichschaltung bedachten, globalisierten Konsum- und Fortschrittsgesellschaft, jedoch zumeist kein menschenwürdiger Lebensraum. Stichwort: Megacities Die Region Tokio ist mit 33 Millionen Einwohnern die größte „Megacity“, gefolgt von New York mit 17,8 Millionen, Sao Paulo (17,7 Mio.), Seoul 17,5, Mexico City 17,4. Aber diese Rangfolge wird sich ändern. Die Geschwindigkeit des Wachstums verlangsamt sich in den industrialisierten Gegenden Japans, Amerikas und Europas (Geburtenraten). Asiens und Afrikas Metropolen wachsen dagegen ungehemmt. Mumbai (Bombay) mit 14,4 Millionen rechnet im Jahr 2020 mit 28,5 Millionen Einwohnern, Lagos (Nigeria; 13,4) mit einem Anstieg (bis 2015) auf 23 Millionen. Quelle:citymayors.com Foto: Städtebaulicher Kontrast in Manila/Philippinen: In Südamerika, Asien und Afrika trifft man auf immer mehr Spiegelbilder zweier Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten

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