Der Hundert-Moscheen-Plan

Der Bau repräsentativer Moscheen erlebt seit Anfang der neunziger Jahre einen Aufschwung sondergleichen. Doch solche Vorhaben lösen nicht nur bei Nachbarn und Anwohnern in vielen Fällen heftige Reaktionen aus. Diese haben die Besorgnis, der Islam werde sich nicht mit dem Status der Gleichrangigkeit in einer inzwischen religiös-pluralen Gesellschaft zufrieden geben, sondern sich unter anderem durch sichtbare bauliche Präsenz in unseren Städten auf Dominanz ausrichten. Provisorische Gebetsplätze in ungenutzten Wohnungen Die Zahl der Gebetshäuser und Moscheen mußte zwangsläufig mit der Zunahme der muslimischen Bevölkerung steigen. Denn deren Entwicklung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt stetig nach oben, und so gibt es nach Angaben des Internetportals www.moscheesuche.de inzwischen 1.162 eingetragene Moscheen in Deutschland. Lebten 1962 nur um die 16.000 Muslime in Deutschland, waren es 1971 250.000 und 1972 schon 500.000. Bis 1981 stieg die Anzahl der Muslime auf 1,7 Millionen gestiegen, 2000 war die Drei-Millionen-Grenze überschritten. Nach Angaben des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland Stiftung e.V. aus dem Frühjahr 2005 lag die Zahl der Muslime mit deutschem Paß bei 950.000. Die Gesamtzahl aller Muslime betrug im Frühjahr 2005 circa 3.224.000 Personen. Damit gibt es in Europa nur noch in Frankreich mit 5.500.000 Personen mehr muslimisch-gläubige Menschen als in Deutschland. Vor allem der Bau zahlreicher Großmoscheen schürt Mißtrauen. Manch einer fürchtet sich vor einer Missionierung durch den Islam im christlich geprägten Deutschland. Vor allem die Gemeinde Ahmadiyya hat den Plan, 100 Moscheen in Deutschland zu errichten. Diesen Auftrag erhielt sie von ihrem geistlichen Führer Hazrat Khalifatul-Massih IV. Er wies die Gemeinde Ahmadiyya Deutschland zum 100jährigen Jubiläum im Jahre 1989 auf den Hundert-Moscheen-Plan hin und sagte: „Es ist mein Wunsch, daß Deutschland das erste europäische Land wird, wo Jamaat-e-Ahmadiyya (die Gemeinde Ahmadiyya, die Red.) die Fähigkeit (Gelegenheit) bekommt, 100 Moscheen zu bauen … Nun hoffe ich, daß Ihr Euch bemüht, dies zu verwirklichen. Dafür können Frauen und auch andere Menschen gewisse Aktivitäten unternehmen, beispielsweise kann man bei öffentlichen Veranstaltungen Stände aufmachen, Handel betreiben oder sogar mit Kleinproduktion anfangen. Das Ganze soll aber exklusiv für Moscheen-Fonds sein. Allah mag solche Aktionen, daß man sich für seinen Herren bemüht und falls das Geld dafür fehlt, sich um das nötige Geld kümmert … . Erst dann werdet Ihr sehen, wie Allah Euer Opfer anerkennt und Euch eine Belohnung im Diesseits und auch im Jenseits gewährt.“ Die Ahmadiyya-Gemeinde selber stellt heute den Plan des Baus von 100 Moscheen in Relation. Entsprechend konstatiert sie, daß sie „in Deutschland über 240 Gemeinden“ habe. Die meisten von ihnen seien „provisorische Gebetsplätze in umgenutzten Wohnungen oder gewerblichen Objekten, sogenannte Hinterhofmoscheen“. Es würde also in 100 ihrer größten Gemeinden nur „ein Provisorium durch eine reguläre Moschee ersetzt“. Dies sei für ihre Mitglieder ein wichtiger Schritt der Integration. Denn den Erfahrungen der Ahmadiyya zufolge rücken ihre Mitglieder beim Moscheebau mehr in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, was aber auch zu mehr öffentlicher Verantwortung führe. Die Ahmadiyya-Anhänger gelten unter Verfassungsschützern weder als gewaltbereit noch als extremistisch. Die Ahmadis werden eher als erzkonservativ und sehr missionarisch eingestuft, aber auch als friedliebend. Seit dem Jahr 2001 geht es Schlag auf Schlag So hat die Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland bereits einige Moscheen errichtet; die Fazl-e-Umar-Moschee in Hamburg existiert schon seit 1957, zwei Jahre später wurde die Nuur-Moschee in Frankfurt am Main eröffnet. Seit der Wiedervereinigung wurden nun folgende Moschee-Projekte abgeschlossen; die Baitul Shakoor in Groß-Gerau im Jahre 1992 für über 850 Personen, Baitul Hadi in Dietzenbach im Jahre 1993, Baitul Rasheed in Hamburg im Jahre 1994 und Baitul Zafar in Immenhausen bei Kassel im Jahre 1995. Im Jahre 2000 wurde die Ham’d-Moschee in Wittlich für 600 Personen eröffnet, danach folgte 2001 die Basharat-Moschee in Osnabrück. Seither ging es Schlag auf Schlag; Baitul Momin in Münster und die Noor-ud-Din-Moschee in Darmstadt im Jahre 2003. Und 2004 wurden – verkehrsgünstig und in städtischer Randlage – sechs neue Moscheen eingeweiht, darunter die Nasir-Moschee in Bremen für 400 Personen, die Tahir-Moschee in Koblenz für 550 Personen, die Aziz-Moschee in Riedstadt (Hessen), die Habib-Moschee in Kiel und die Baitul-Huda-Moschee in Usingen/Taunus. Kurz nach der Fertigstellung wurde im Dezember 2004 ein Brandanschlag auf die Baitul-Huda-Moschee der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Usingen verübt. Doch daß ausgerechnet auf die Usinger Moschee ein Brandanschlag verübt wurde, ist erstaunlich, denn von Baubeginn an haben sich der Bürgermeister der Stadt, die Vertreter der Parteien und Kirchen sowie die Bürgerinnen und Bürger Usingens ausgesprochen freundlich gegenüber den dortigen Muslimen gezeigt und dem Moscheebau Sympathie entgegengebracht. Nichtsdestotrotz waren und sind die Bauvorhaben für die Ahmadiyya-Gemeinde meist keine einfache Angelegenheit, formierte sich doch oftmals großer Widerstand innerhalb der Bevölkerung. Im hessischen Schlüchtern zum Beispiel feiert die Bürgerbewegung „pro Schlüchtern-ohne Ahmadiyya-Moschee!“, daß sie „mit tatkräftiger Unterstützung der gesamten Bürgerschaft den gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung von der Islamistensekte Ahmadiyya geplanten Bau einer ortsbildbeherrschenden Moschee verhindert“ hat. Kritik wird dem „rechten Rand“ zugeschrieben Im Gegensatz dazu stellt die Ahmadiyya in einer Dokumentation über den Moscheebaukonflikt in Schlüchtern die Bürgerinitiative in ein sehr negative Licht. Sie spricht von „ahmadiyya-feindlichen Thesen“. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat bestreitet die Behauptung der Bürgerinitiative, man hätte „klammheimlich“ in Niederzell ein Grundstück erworben, um hinter dem Rücken der Bürger einen Kalifatsstützpunkt zu errichten. Auch widerspricht die Ahmadiyya dem Vorwurf, sie sei undemokratisch und verfassungsfeindlich. Schon Anfang 2002 habe der hessische Verfassungsschutz gesagt, daß die Ahmadiyya eine Religionsgemeinschaft sei, „die nur dadurch auffällt, daß sie nicht auffällt. Die nachgewiesene Friedfertigkeit der Ahmadiyya sei allen Recherchen nach nicht vorgetäuscht.“ Auch bestreiten die Muslime, daß der Widerstand gegen den Moscheebau „aus der Mitte der Gesellschaft“ kommt. Denn die Bürgerinitiative betone so oft, sie komme aus der „Mitte der Bevölkerung“, daß schon deshalb diese Beteuerungen unglaubwürdig wirkten. Und sie zitieren die Zeit vom 9. Juni 2004: „Und doch, wie könnte es anders sein, der meiste Beifall kommt vom rechten Rand.“ Auch in der Bundeshauptstadt Berlin wird unterstellt, daß „vor allem Rechte“ gegen den Bau der dort geplanten Moschee im Stadtteil Pankow-Heinersdorf seien. Im Norden der Hauptstadt, in dem bislang kaum Muslime wohnen, hat die Ahmadiyya-Gemeinde ein rund 5.000 Quadratmeter großes Grundstück erworben, auf dem sie eine Moschee mit einem fünfzehn Meter hohen Minarett und einer zehn Meter hohen Kuppel errichten will (siehe die JF Ausgaben 17/06; 25/06, 35/06, 37/06). Anders als in anderen Städten fragten sich die Bürger in Berlin-Heinersdorf mit besonderer Hartnäckigkeit, warum gerade in ihrem Viertel eine Moschee gebaut werden soll, obwohl nur wenige Muslime dort ihre Adresse haben. Manche vermuten deswegen „Missionierungsversuche“ in ihrem Stadtteil. Andere artikulierten die Furcht, daß die Mitglieder der Gemeinde in die Nähe ihrer Moschee ziehen und das Viertel ein weiterer Berliner Problemkiez wird. Andere Anwohner wiederum befürchten, die Gemeinde verfolge extremistische Ziele. „Ich bin bereit, mit den Anwohnern zu sprechen, um Ängste vor uns abzubauen“, versprach dagegen der zuständige Imam Abdul Basit Tariq. Die Berliner Senatsinnenverwaltung hatte zuletzt zweimal ein von der Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger geplantes Begehren gegen den Bau der Moschee als verfassungswidrig abgelehnt, da es die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit verletze und gegen das Neutralitätsgebot des Staates verstoße. Trotzdem gehen in Berlin die Demonstrationen gegen den Moscheebau weiter. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Ziele der Demonstration („Gegen das Kalifat, gegen die Scharia, gegen den Mißbrauch der Religionsfreiheit, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“) kritisiert, denn in Berlin gebe es keine „No-go-Areas“ für Moscheen. Gesagt, getan. Begleitet von Protesten wurde am 2. Januar der Grundstein für den Neubau der Khadidja-Moschee gelegt (siehe Seite 6). Keinen örtlichen Widerspruch gibt es dagegen beim Bau der Ahmadiyya-Moschee im hessischen Wabern, der im Frühjahr fertiggestellt werden soll. „Es ist also bissle Besonderheit hier“, erklärt Bauleiter Saeed Gessler gegenüber der Hessenschau. „Wir sind hier eigentlich gut aufgenommen worden. Wenn es Widerstand gab, dann eher aus dem Kreis als aus der Lokalgemeinde Wabern. Wir hatten während der gesamten Bauzeit kein Problem hier.“ Der Grund dafür: Die Öko-Moschee mit einer Kuppel aus Lehmsteinen wird außerhalb Waberns in einem Gewerbegebiet gebaut. Laut einem Report der Hessenschau hatten sich Stadt und auch islamische Gemeinde den Standort so gewünscht, um Ärger zu vermeiden. Deshalb wird in Zukunft auch kein Muezzinruf über Wabern ertönen. Es herrscht Religionsfreiheit hier in Deutschland Nichtsdestotrotz wurden auch in Wabern die Moscheebau-Ambitionen der zumeist als „umstritten“ gekennzeichneten Ahmaddiyya zu Beginn mit großer Skepsis aufgenommen. Und bevor die Stadt ihre Zustimmung für das Bauvorhaben gab, informierte man sich beflissen bei einer Religionswissenschaftlerin, die, so Bürgermeister Günter Jung (SPD), „uns über das Wesen der Ahmadiyya in Kenntnis gesetzt hat und die letztendlich auch unsere Ängste genommen hat, die natürlich da waren. Sowohl bei den politischen Entscheidern als auch bei der Bevölkerung.“ Nun sind die Waberner Bürger gelassener, betont jedenfalls der Fernsehreport und läßt einige von ihnen zu Wort kommen. „Jeder soll leben, wie er möchte, mit seinem Glauben. Aber friedlich soll friedlich sein“, erklärt eine Bürgerin vor laufender Kamera. Eine andere unterstreicht: „Es herrscht Religionsfreiheit hier in Deutschland, es steht im Grundgesetz. Und das ist ganz klar für mich. Da gibt’s auch keine Frage, und da hab ich auch keine Angst.“ Ein älterer Herr gibt zu bedenken: „Nur, wenn wir da unten was bauen würden- wir würden es wahrscheinlich nicht genehmigt kriegen.“ Restbedenken existieren, gibt Bürgermeister Jung dann auch zu und verweist diese in eine Richtung: „Insbesondere an den Stammtischen.“ Stichwort: Koranschulen Der Islam in Deutschland ist vor allem auch eine junge Religion. Laut einer Umfrage des Zentral-instituts Islam-Archiv-Deutschland belief sich die Zahl der muslimischen Kinder im Jahr 2005 auf 850.000, von denen etwa 22 Prozent die von den verschiedenen muslimischen Verbänden und Moscheen angebotenen Korankurse und -schulen besuchen. Hier steht die religiöse Erziehung nach den islamischen Glaubensgrundsätzen im Zentrum des Unterrichts. Ähnlich wie in den Hunderten Moscheen in Deutschland wird auch in den Korankursen selten Deutsch gesprochen. Weitere Informationen im Internet unter www.pro-schluechtern.de ; www.moschee-schluechtern.de ; www.ipahb.de (Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer bürger e.V.) sowie www.ahmadiyya.de

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