Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

„Das ist irre, wie verrückt“

Herr Liebscher, vor 14 Monaten waren Sie Staatsfeind Nummer eins. Liebscher: Ja, wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint es mir so völlig absurd. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht. Ich war viel zu überrascht. Bewaffnete Polizisten, einer mit gezogener Pistole, haben mich aus dem Auto gezerrt und brutal abgeführt. Ich habe gar nicht gewußt, worum es geht, keiner hat mir was erklärt. Ich wurde herumgestoßen wie Vieh. Mein Gesicht war geschwollen, Tränen, und auch wenn ich dafür kein Attest habe, ich behaupte, ich hatte davon eine Gehirnerschütterung. Die Polizei sagt Sie hätten „aktiven und passiven Widerstand“ geleistet. Liebscher: Das stimmt nicht. Damit wollten sie sich nur rechtfertigen. Warum wurden Sie Ihrer Meinung nach so behandelt? Liebscher: Weil die Meldung von einem „rassistischen Mordversuch“ damals nicht nur durch ganz Deutschland, sondern um die ganze Welt ging. Da hat man sich wohl gedacht, da kann man an mir die Sau rauslassen. Auch die Augen- und Ohrenklappen, Fuß- und Handfesseln – nicht die orangefarbene Jacke, die gehörte mir -, die sie mir wie einem Guantánamo-Häftling verpaßt haben – damit wollte man wohl zeigen: Wir schlagen hart zu! Ihr Freispruch gilt als „Freispruch zweiter Klasse“, wie man sagt, aus „Mangel an Beweisen“. Liebscher: Ich war es nicht. Ich bin vor Gericht freigesprochen worden. Es gibt keine Beweise gegen mich. – Was wollen Sie eigentlich noch? Es kann nicht sein, daß man mich immer noch „irgendwie vielleicht für schuldig“ hält. Soll das denn nie aufhören? Habe ich kein Recht auf Gerechtigkeit? Ich habe als Fahrer für Kinder und Behinderte für einen Rocker gearbeitet. Deshalb bin ich ein Schläger? Ich habe auch die Böhsen Onkelz – die keine Rechtsradikalen sind – gehört wie Abertausende anderer normaler Menschen. Deshalb bin ich ein Rassist? Das ist doch absurd! Was ist eigentlich mit meinen Punk- und meinen Bob-Marley-Platten? Für Ermyas M. etwa sind Sie weiterhin der Täter. Liebscher: Das enttäuscht mich: Es tut mir leid, was ihm widerfahren ist, aber ich würde von ihm zumindest ein Wort des Bedauerns erwarten für das, was sie aus mir voller aller Welt gemacht haben. Wer ist dafür verantwortlich? Liebscher: Der damalige Generalbundesanwalt Kay Nehm. Auch von ihm heute kein Wort des Bedauerns. Von niemandem, auch von den Chefredakteuren der Zeitungen nicht. Hat Nehm sich nicht nur dem Druck gebeugt? Liebscher: Ach, mein Schicksal hat ihn nicht interessiert. Erinnern Sie sich nicht mehr an die ganz ungeheure öffentliche Empörung? Liebscher: Natürlich, ich verstehe ja die Aufregung, aber es war trotzdem nicht richtig. Wer ich wirklich bin und warum ich so etwas getan haben sollte, wollte keiner wissen. Ich war einfach nur der „Nazi-Schläger“. Sie waren der, den für eine kurze Zeit jeder „anständige Mensch“ gehaßt und verachtet hat. Liebscher: Ja, es ist unglaublich, nicht? Aber ich habe damals nicht darüber nachgedacht, ich wollte nur raus, meine Unschuld beweisen. Haben Sie nicht mal den Mut verloren? Liebscher: Natürlich gab es den Moment, ich war kurz davor, mich umzubringen, aber das wollte ich meiner Familie nicht antun, zumal es dann geheißen hätte, das ist ein Schuldeingeständnis. Aber als mir gesagt wurde, ich bekomme 15 Jahre bis lebenslänglich, da war ich am Ende. Und jeden Tag kamen sie mit neuen Indizien, und ich war es doch gar nicht, und trotzdem kamen sie mit immer neuen „Beweisen“, und alle machten sie mit. Das ist irre, wie verrückt. Ich habe in den Spiegel geschaut und mich angesehen, um zu mir zu sagen: „Du warst es doch gar nicht.“ Jetzt haben Sie es überstanden. Liebscher: Nein, es ist nicht vorbei. Ich muß mein Leben neu beginnen. Meine Beziehung ist am Bröckeln. Ich mußte während der Haft erhebliche Schulden machen. Und die Leute fragen immer noch: „Waren Sie es nicht doch?“ Ich wollte umziehen, habe die Wohnung nicht bekommen. Begründung: „Nicht an Sie, aus Rücksicht auf die Mieter.“ Wenn ich einen Hubschrauber sehe, sehe ich ihn immer auf mich zufliegen. Sie kommen mich holen, immer wieder. Björn Liebscher , 30, war im Ermyas-M.-Prozeß der Hauptangeklagte. Am letzten Freitag wurde er in Potsdam freigesprochen. weitere Interview-Partner der JF

AfD Fraktion NRW Stellenausschreibung Inneres
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles