Patriotische Starthilfe

Wenn am Freitag, den 9. Juni um 18 Uhr in München das Spiel Deutschland gegen Costa Rica angepfiffen wird, wird es kein Halten mehr geben: Denn dann regiert endgültig König Fußball. Schon jetzt steigt langsam die WM-Fieberkurve. Meldungen zur Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft schieben sich immer weiter nach vorne in den Zeitungen und Nachrichtensendungen. Urlaubsanbieter klagen über das Loch in der Zeit vom 9. Juni bis 9. Juli, weil die Deutschen drohen, massenhaft zu Hause bleiben zu wollen, um das Sportereignis daheim zu verfolgen. Dänische Ferienhausketten locken zögerliche deutsche Kleinfamilien mit einem Fußball-Symbol neben den in ihren Katalogen abgebildeten Häuschen, um dezent auf den möglichen Empfang deutscher Sportkanäle hinzuweisen. Endlich läßt der knauserige deutsche Konsument alle Zurückhaltung fahren und plündert den Sparstrumpf: Triste Plattenbauwohnungen verwandeln sich durch allerneueste Breitwand-Flachbildschirme in wahre Kinosäle. Und man wappnet sich bereits für erwartete deutsche Siege: Besorgt registrierte der Berliner Innensenator, daß Fans mit regelrechten Hamsterkäufen Sylvesterknaller en gros erwarben, um diese bis zur WM einzulagern. Entsprechend auffällig ruhiger als sonst verstrich der Jahreswechsel in der Hauptstadt. Wenn es im Sommer deutsche Tore hagelt, dann soll dies ohrenbetäubenden Widerhall auf den Balkonen der Republik finden. Doch nicht nur Böller werden gebunkert. Billigdiscounter boten bereits vor Weihnachten kleine „Deutschland-Fähnchen mit Holzstab“ an. Größere Formate werden später nachgeschoben. Sicher aber ist: Wenn die Jungs unter Teamchef Jürgen Klinsmann sich nicht völlig dämlich anstellen, dann ertrinkt das Land in einem Meer von schwarzrotgoldenen Fahnen. Auch den eingefleischten Fußballmuffel – der Autor dieser Zeilen zählt dazu – wird die Begeisterung der Landsleute nicht kalt lassen. Eines der letzten Gebiete, auf dem Deutsche patriotische Begeisterung zeigen können, ohne sich wortreich entschuldigen und rechtfertigen zu müssen, sind nämlich Länderspiele dieser Sportart, bei der 22 Männer zweier Mannschaften auf einem rechteckigen von Stadiontribünen umgebenen Rasenfeld einem Ball hinterlaufen und innerhalb von 90 Minuten versuchen, möglichst oft das Leder in je eines der beiden gegenüberliegenden Holztore zu lenken. Natürlich kann man das lächerlich finden. Wir selbstverständlich nicht. Denn: Die WM bietet die einmalige Chance für eine große Portion optimistischen Patriotismus und Begeisterung in einem Land, das sich in lethargischer Dauerdepression befindet. Erinnern wir uns an 1990, als Deutschland im Jahre der Wiedervereinigung mit dem Sieg bei der WM zusätzlichen patriotischen Schwung erhielt. Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer höchstselbst erklärte jetzt, das stagnierende Deutschland brauche eine „Initialzündung“. Schließlich gleicht das Land einem Auto, dem sich bei Minusgraden die Batterie entladen hat. Die WM kann nun quasi das Starterkabel sein, das den Motor wieder anspringen läßt. Hoffen wir es!

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