Superwahljahr

 

„Eindeutig gegen Polen“

Migration wird zur ethnischen Säuberung umgeschrieben!“ erklärte der in Bremen lehrende polnische Soziologe Zdzislaw Krasnodebski, und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sprach von einer „Bedrohung des jahrzehntelangen Versöhnungsprozesses zwischen Deutschen und Polen“. Als am vergangenen Freitag im Berliner Kronprinzenpalais die Ausstellung „Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ eröffnet wurde, schienen die Urteile vieler bereits festzustehen. Dies, bevor die konkreten Inhalte der Präsentation überhaupt in Augenschein genommen werden konnten. Es ist aber keineswegs nur die Ausstellung, es ist in erster Linie die Institution, die hinter der Ausstellung steht, es ist eine Person und es ist der Ort der Präsentation, an denen sich die unzähligen Vorab-Kontroversen entzündeten. Im Fokus der Kritik: als Initiatorin der Ausstellung die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV) und deren Vorsitzende, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) Erika Steinbach. Doch die CDU-Bundestagsabgeordnete zeigte sich ob all der Kritik ungerührt und unterstrich zur Ausstellungseröffnung noch einmal die Aufgabenstellung: „Das ZgV hat die Aufgabe, mit einem Dokumentationszentrum Ort der Mahnung zu sein und Vertreibung als Mittel von Politik jedweder Art weltweit zu ächten“, betonte sie und fuhr fort: „Viele der Geschehnisse sind in Vergessenheit geraten. Wir wollen mit unserer Stiftung, beginnend mit dieser Ausstellung, die Vertreibungsopfer dieser Vergessenheit entreißen. Wir wollen ihnen Fürsprecher sein. Alle Opfer von Genozid und Vertreibung brauchen einen Platz im historischen Gedächtnis Europas.“ Doch die hehren Worte von Ächtung und Versöhnung wollten viele Kritiker nicht hören. Tatsächlich interessierte sich von Beginn an die in- und ausländische Kritik an dem Projekt wenig für die Bemühungen um Differenzierung und Vielschichtigkeit. Nicht nur der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, sondern fast die gesamte rot-grüne Koalition ließen keinen Zweifel daran, daß sie die Errichtung eines ZgV und erst recht die Umsetzung des Projektes in der deutschen Hauptstadt kategorisch ablehnten. Noch stärker war der Widerstand in Tschechien und Polen: Mit der Errichtung eines solchen Zentrums werde „die Geschichte auf den Kopf gestellt, „Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern gemacht“, hieß es immer wieder. Prüfung auf Ausgewogenheit und Tragbarkeit In dieser aufgeheizten Situation, die einer Phantomdiskussion gleichkam, weil weder eine differenzierte Inhaltsangabe noch konkret faßbare Beispiele des Projektes ZgV vorlagen, entschloß sich die Stiftung Ende 2004, mit einer ersten, selbstfinanzierten Ausstellung den Kritikern des Projektes die Möglichkeit zu geben, sich ein konkretes Bild von den Absichten der Initiatoren zu machen. Ein Vorhaben, das allerdings – wie sich bereits vor der Eröffnung herausstellte – nur in begrenztem Maße glückte. Warschaus Bürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz erklärte gegenüber der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza: „Die Ausstellung richtet sich eindeutig gegen Polen“, und Polens Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski unterstrich: „Wir wünschen uns, daß alles, was mit den Namen von Frau Steinbach in Verbindung steht, so schnell wie möglich endet, denn daraus entspringt nichts Gutes für Polen, für Deutschland, für Europa.“ Parallel dazu ließ das Historische Museum Warschau zwei Exponate, die es der Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte, von einem Boten zurückholen. Achtzehn weitere private Ausstellungsobjekte aus Polen sind von der offiziellen Rückholaktion nicht betroffen und können auf einer Gesamtfläche von lediglich rund 400 Quadratmetern begutachtet werden. Hier kann der Besucher dann in chronologischer Abfolge elf unterschiedliche Vertreibungsvorgänge auf Gemeinsamkeiten untersuchen. Exemplarisch ausgewählt wurden unter anderem der vom Völkerbund sanktionierte „Bevölkerungstransfer“ zwischen Griechenland und Türkei zu Beginn der zwanziger Jahre, die Vertreibung der Juden aus Deutschland, die Vertreibung der Deutschen nach 1945 oder die „ethnischen Säuberungen“ im Jugoslawien der achtziger Jahre. In Anbetracht der beabsichtigten Vergleichsmöglichkeit, die nur innerhalb eines Raumes möglich ist, war es unumgänglich, die Informationen zu jeder einzelnen Vertreibung auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Entsprechend drängt sich dem Betrachter die Frage auf, ob die einzelnen Vertreibungen nicht ein viel zu komplexes Thema sind, um sie in derartiger Kürze auf begrenztem Raum darzustellen. Ob die hier präsentierten Informationen auch von Besuchern mit geringerer politischer und historischer Vorbildung zumindest hinreichend verstanden werden können, scheint fraglich. Hinzu kommt, daß infolge der notwendigen Beschränkung auf die wichtigsten Informationen die meisten Formulierungen zwar sehr sachlich, aber zugleich auch sehr steril klingen. Man merkt ihnen an, daß sie oft mehrmals über- und nachgearbeitet und auf ihre Ausgewogenheit und Tragbarkeit überprüft wurden. Die notwendige, von den Ausstellungsmachern eigentlich beabsichtigte Zuspitzung, die im Idealfall Nachfragen geradezu provoziert, fehlt den Texten daher vollkommen. Klar gegen Kollektivschuld und Kollektivstrafe Überhaupt wird jegliche noch so vorläufige Bewertung des vorliegenden Projektes dadurch erschwert, daß es nur einen minimalen Ausschnitt der beabsichtigten Gesamtschau beleuchtet. Die Ausstellung versucht eine vorsichtige Vermittlung zwischen unterschiedlichen Grundpositionen. Sie ist zudem bemüht, durch eine strikte Wissenschaftlichkeit keine allzu große Emotionen aufkommen zu lassen. Doch fragt sich, ob dies wirklich ausreicht und ob die durchgehende Nüchternheit mit Blick auf die Aufgabe, Vertreibungen weltweit zu ächten, wirklich das geeignete Mittel ist. Dennoch bietet die Ausstellung Sprengstoff, indem sie allein durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Vertreibungsvorgänge nationale Geschichtsklischees hinterfragt: Sie bezieht klar Stellung gegen das immer noch verbreitete Rechnen in Kategorien von Kollektivschuld und Kollektivstrafe. Und nicht zuletzt macht die Ausstellung deutlich, daß Vertreibungen nicht nur durch totalitäre Regime inszeniert und ausgeführt wurden, „sondern durchaus auch in vermeintlich zivilisierten Herrschaftsformen oder gar durch den Völkerbund“, wie es Steinbach in ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung ausdrückte. Allein schon aus diesen Gründen ist sie einen Besuch wert. Foto: Erika Steinbach, Vorsitzende der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, bei der Eröffnung: „Vertreibung als Mittel von Politik jedweder Art weltweit ächten“ Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, 11. August bis 29. Oktober 2006, Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, 10117 Berlin. www.z-g-v.de Bilder der Ausstellung Jugoslawien 1992: Warten auf den Transport ins Flüchtlingslager Ostsee 1945: Schiffsglocke der versenkten „Wilhelm Gustloff“ Zypern 1974: Das einzige Spielzeug aus der verlassenen Heimat Lettland 1952: Geige eines Deportierten aus Brettchen und Knochen Genf 1929: Das Internationale Nansen-Amt für Flüchtlinge entsteht

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