Dichten gegen die Ungerechtigkeit

Was uns den Meistern verpflichtet neben der Dankbarkeit, die wir ihnen für unsere Erlebnisse mit ihren Werken schulden, sind ihre Forderungen an sich selbst und an ihre Epoche, vor allem, wenn diese Postulate von ihnen noch nicht eingelöst werden konnten, also späteren Generationen auferlegt sind als Verpflichtung, sie ihrer Realisierung um wenigstens einen Schrift näher zu bringen, wenn möglich. Dem am 14. August fünfzig Jahre toten Brecht ist es zwar schon vor achtzig Jahren geglückt, während er seine „Dreigroschenoper“ schrieb, mit und dank Kurt Weill, ihr die vollkommene künstlerische Form zu geben. Doch was Brecht in dieses erste unvergängliche seiner Bühnenwerke an gesellschaftskritisch-moralischen Imperativen eingebracht hat, ist deshalb noch immer uneingelöst, weil Politik und Wirtschaft sich diesen Postulaten widersetzten, ganz besonders die Wirtschaft, da allein sie heute bestimmt, was Politiker und Gesetzgeber tun. Und man muß folgern: Es wächst die Entfernung, Brechts Ziel zu erreichen, daß „der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“, wie er das im größten seiner Gedichte „An die Nachgeborenen“ vermächtnishaft hofft. Denn seit der Jahrtausendwende, das weiß nun jeder, kann es in Europa niemals mehr Arbeit genug für alle geben. Wie also könnten in den acht Jahrzehnten seit der „Dreigroschenoper“ die zwei Hauptprobleme gelöst worden sein, die uns Brecht als die beiden vordringlichsten Arbeiten auch noch unseres Zeitalters aufgezeigt hat, nämlich: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Und zweitens – ebenso lustig formuliert wie todernst im Gehalt, gerade heute in unseren Jahren der blindwütigen Globalisierung – Brechts Frage: „Was ist der Einbruch in eine Bank, gemessen an der Gründung einer Bank?“ Die zeitlose Bedeutung dieser zwei Maximen wird belegt durch die Tatsache, daß Brecht mit ihnen nichts Neues sagt, sondern streng in der Tradition Lessings und Schiller nur für 1927 zeitgemäß wiederholt, was der Wegweiser unter den deutschen Dramatikern bereits mit zwanzig Jahren in sein „Samuel Henzi“-Fragment, eine Kampfschrift, eingetragen hat. Lessing schrieb: „Die Not heißt alles gut. Sie hebt das Laster auf!“ Und fünfzig Jahre nach Lessing hat dann Schiller, fast wörtlich wie „Erst kommt das Fressen“, so wütend wie couragiert aufbegehrt in seinem nie zu vergessenden Distichon „Würde des Menschen“: „Nichts mehr davon, ich bitt‘ euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen; Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“ Thomas Mann, der das 1955 zum hundertfünfzigsten Todestag Schillers als ehrfurchtgebietende Widerlegung des blöden Vorurteils zitiert, Schillers Idealismus sei weltfremd, spottet als Kommentator: „Das ist ja sozialistischer Materialismus, Gott behüte!“ „Gott behüte“ mußte er scheinbar ironisch hinzusetzten, weil er seine Rede auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zuerst in Frankfurt, dann in Weimar hielt. Doch war das gar nicht Ironie. Denn „Sozialistischer Materialismus“ – „sozialer“ zu sagen, genügt: Wenn auch dieser Begriff momentan nicht mehr nur in einem Teil, sondern in ganz Deutschland verpönt ist und gar in Theatern nicht einmal ignoriert wird – das, was er bezeichnet, hat von jeher große Dichter produktiv gemacht: selbst wenn sie, wie Gottfried Benn, über diese zwei Vokabeln gelacht hätten! Benn, seines 50. Todestags haben wir ja am 7. Juli gedacht, schrieb 1929, als die Welt mit dem Schwarzen Freitag schon einmal eine Arbeitslosen-Katastrophe in neuen Dimensionen erlitten hatte, in seinem Essay „Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit“: „Die Armen wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt (…) ob es nicht weit radikaler, weit revolutionärer (…) ist, zu lehren: so bist du und du wirst nie anders sein. (…) Denn die Visage hinhalten, wenn es losginge, das müßten doch die Trimmer, die Kumpels, die Proleten“. Was Brecht von Benn unterscheidet, ist in keiner Weise die Gesinnung – sondern allein: Wo Benn resigniert und meint, die kleinen Leute müßten dulden und den Mund halten, da ruft Brecht, gerade auch in seinen Gedichten, die Entrechteten zur Aktion. Das ist sehr viel und kann selbstverständlich praktisch-ästhetisch, wie von jeher, nur nach den Gesetzen geschehen, die auch Brecht selbst für Dramen und Gedichte so oft postuliert hat – nicht theoretisch in Essays, sondern in vielen Gedichten, in vielen Dramen selbst. Das muß aber doch heute festgehalten werden: Alle jene Wessis, die Autoren, auch Maler eines sozialistischen Materialismus oder Realismus – dasselbe! – bezichtigen, sind genau die gleichen Feuilletonisten, die eines Tages wie auf Verabredung in der Bundesrepublik entdekken, Brechts Meisterwerk seiner Amerika-Jahre „Das Leben des Galilei“, sei „nichts als Schulfunk“. Tatsächlich „entdecken“ die das allesamt gleichzeitig, um zu beweisen, daß sie sich nicht mehr lächerlich machen können: Es war dies in der BRD, der Schweiz und Österreich die Einleitung zu dem daraufhin stattgefundenen Exodus überhaupt der Dramatiker-Generation Max Frisch (1911-1991) bis Franz-Xaver Kroetz (geboren 1946) bis Botho Strauß aus den Theatern zugunsten der Alleinherrschaft der Regisseure nicht nur über die Bühne – nein: auch über die Texte, die sie weitgehend selber schreiben. Gefällt wurde das Pauschal-Todesurteil über Brechts „Galilei“ durch die Wortführer derer, die, wie schon Lessing voller Verachtung sagte, „nur dichten, um zu dichten“. Die nur Regie führen, um – das Gegenteil von Kunst ist Willkür – ihre eigenen Launen zu inszenieren. Lessing verachtete solche Machthaber, weil er als unser oberster Grundgesetzgeber – tatsächlich benützte Lessing schon das Wort: „Grundgesetz“ im Hinblick auf Dichtung – der Literatur die Aufgabe zugewiesen hat, aufzuklären. Was aber wäre Aufklärung, wenn nicht: Politik? Sofern ihr Vorspann die Troika ist: Wahrheit, Mitleid, Schönheit. Lessing ging als erster so weit – und auch Brecht betonte, er schreibe „Lehrstücke“ und als Lyriker in seiner „Hauspostille“ „Lehrgedichte“ -, seinen grundsetzenden Ukas zugunsten des „Unterrichtenden“ in der Dichtung zu erlassen. Lessing hat diese Freisetzung auch seines pädagogischen Eros durchaus nicht als einen Widerspruch zu seiner Maxime empfunden, Poesie habe „vollkommen sinnliche Rede“ zu sein. Menschen und Gegensätze, urteilte Lessing, denen „das Unterrichtende fehlet“, seien der „poetischen Nachahmung“ nicht wert. Denn „einem Charakter, dem das Unterrich-tende fehlet, dem fehlet die Absicht. Mit Absicht nachahmen ist das, was das Genie von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten, die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist.“ ……………………………. Holen wir uns von Brecht und anderen Klassikern die Legitimation, Postulate für das Drama den bedrückendsten Problemen der Volkswirtschaft, der Arbeitsämter zu entnehmen – Brecht hat das wie oft schon getan. Und Schiller ermutigt ausdrücklich dazu. ……………………………. Schärfer wurde l’art pour l’art, was Spengler ironisch als „Die Kunst für den Kunsthandel“ übersetzt hat, niemals in Bann getan. Oder nur noch von Bernard Shaw, Lessings bedeutendstem Nachfahren: „Zu meinem Glück hatte ich nie Erfolg, wenn ich nur spielerisch sein wollte. Alle meine Versuche, Kunst um der Kunst willen zu treiben, mißlangen. Es war, wie wenn man Nägel in Briefpapier hämmert. (…) Marx machte mich zum Sozialisten und bewahrte mich davor, ein Literat zu werden.“ Die Absicht, „uns zu unterrichten“ oder „Nutzen zu stiften“ als legitime Forderung an Literatur: Diese Maximen Lessings sind in Einklang mit Bernard Shaws Diktum „Hinter meinem ganzen Werk steht eine durchgearbeitete Theorie der schöpferischen Evolution“. Und wo Lessing die Kritik an der Realität nicht ausreichte, schuf er eine eigene Welt, die der Parabel, um als Evolutionär arbeiten, lehren zu können. Zwar hat uns Schiller mit seinem „Tell“ das „Drama der Widerstandsbewegung“, wie Theodor Heuss sagte, geschenkt, doch kann dieses Stück, das einen Volksauftand gegen ausländische Besatzer gestaltet, nicht ersetzten, was Lessing mit „Spartacus“ und „Henzi“ vorgehabt hat: Tragödien einer niedergeschlagenen Rebellion von Underdogs gegen ihre inländischen Ausbeuter. Was ja auch für uns Deutsche, seit Brecht „Tage der Commune“ schrieb, und seit dem Volksaufstand des 17. Juni 1953 das vermutlich bedeutendste Thema der Bühne bis heute blieb. Und deshalb ist heute das Gebot der Stunde: den Che Guevara Europas hervorzubringen! Zuerst in Drama, dann in der politischen Wirklichkeit: der den Arbeitslosen zur Integrationsgestalt werden muß! Was besagt das alles für uns hier und heute? Für das Drama? Daß es die Forderung der Stunde auch an uns ist, wie Goethe, wie Brecht sagt: „Gegenwärtig für jedermann“ die Wirklichkeit, das meint: die eigene Epoche darzustellen. „Auf ihren höchsten Gipfel“, erläutert Goethe, „scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sich in Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken.“ „Jedermann“. Ich habe sehr bewußt aus den ästhetischen Schriften Goethes eine mit jedermann für jedermann argumentierende Zeile ausgewählt, weil wir damit wieder bei Brecht sind, der in so vorgetäuschter Bescheidenheit , wie sie von jeher Dichtern, einst vor Königs-, heute vor Partei-thronen geziemt, dem Bundesland Salzburg einen neuen „Jedermann“ angeboten hat, der Entwurf ist im Nachlaß. Doch damals, als berechtigte Angst herrschte, aus dem Kalten Kriege entspringe der letzte, als Chruschtschow dem Weißen Haus drohte: „Am ersten Tag seines Krieges verbrennt die Bundesrepublik“ – damals war Brecht derart unerwünscht im Westen, daß Landeshauptmann Klaus noch froh war, den lästigen Bittsteller und Anbieter und sich Anbiedernden dadurch loszuwerden, daß er Brecht – weil Gottfried von Einem sich so sehr für ihn engagiert hatte – einen österreichischen Paß gab, womit Brecht den Mut fand, endlich in die Ostzone zu verschwinden und Ulbricht deshalb – allein deshalb – seine Dienste anzutragen. In jenen Nachkriegsjahren schrieb Österreichs bedeutende Feuilletonistin Hilde Spiel im Monat einen viele Seiten umfassenden Bericht über das Theater der Gegenwart, der den Namen Brecht nicht enthielt. Curd Jürgens‘ letzter Wunsch, in Salzburg doch einmal den Galilei zu spielen, wagte selbst ein Burgtheater-Direktor so mächtiger Freund Ernst Haeussermann ihm nicht zu erfüllen. Holen wir uns von Brecht und anderen Klassikern die Legitimation, Postulate für das Drama den bedrückendsten Problemen der Volkswirtschaft, der Arbeitsämter zu entnehmen – Brecht hat das wie oft schon getan. Und Schiller ermutigt ausdrücklich dazu. Denn wenn wir einen Arbeitslosen vor Augen haben: Ist er nicht entwürdigt in unserer Gesellschaft, die nun einmal – ob wir das gutheißen oder absurd finden – den Menschen „bewertet“ nach dem Maß seines „Stellenwertes“ im Arbeitsprozeß! „Stellenwert“ – was für ein aufscheuchend inhumanes Wort! Aber so denken wir alle, auch wenn wir es nicht eingestehen. Als gäbe nicht nur erst die Stelle einem Menschen seinen Wert, sondern bestimmte auch noch, welchen er hat. Und so ist das ja tatsächlich auch gemeint in unserer pervertierten Workaholic-Gesellschaft. Der große Gegenstand heute: Darstellung und Kritik unserer Vorbereitungsphase zu jeden Bürgerkrieg, den der Erzkonservative, der Basler Jacob Burckhardt 1878 als unvermeidbar vorausgesehen hat: „Einmal werden der entsetzliche Kapitalismus von oben und das begehrliche Treiben von unten wie zwei Schnellzüge auf den gleichen Gleisen gegeneinanderprallen“ – also die Revolution der wirtschaftlichen Entrechteten, gegen jene, die friedlich und freiwillig und vernünftig von ihren Rechten nichts abtreten werden: weil das noch niemals in der Geschichte geschehen ist! Demnach treibe den Autor – jeden Autor – an den Schreibtisch, was Brecht zum Schreiben angetrieben hat in seiner Zeit, die – ebenso wie heute unsere Zeit – eine schlechte für Lyrik war: „Das Entsetzen über die Reden des Anstreichers“ – heute über die Reden der sehr wenigen Könige unter den Unternehmern – nein: über die Entlassungspraktiken der Konzerne, über die neulich ein bedeutender Arbeitgeber und Stifter von vierzig Millionen Euro für Kultur; ein Drittel seiner Firma überschrieb er seinen Mitarbeitern, ein Drittel seiner Kulturstiftung – Erich Fischer – gesagt hat: „Es gibt keine Arbeitgeber mehr, es gibt nur noch Arbeitnehmer und Arbeitwegnehmer!“ ……………………………. Die Weltgeschichte arbeitet mit Überraschungen, die vorangegangene Generationen sich noch gar nicht vorstellen konnten. Keiner der Männer, die in Entwicklungen zu Revolution eingriffen, hatte die leiseste Vorahnung von diesem absolut Neuen. ……………………………. Bleiben wir bei den Schweizern als den wirtschaftlich Erfolgreichsten des 20. Jahrhunderts, nach einer Erfahrung Goethes: „Nur das Unzulängliche ist produktiv“; denn die Natur hat die Schweiz nur unzulänglich ausgestattet: Sie hat keine Bodenschätze, folglich keine Schwerindustrie, auch keine Autofabrik und dennoch keine Arbeitslosen, und 26 Prozent aller dort gut Verdienenden, sonst lebten sie nicht der Schweiz, sind Ausländer: eine Leistung ohne Beispiel. Doch in der Basler Zeitung schieb am 28. April 2006 Helmut Hubacher, seit Jahrzehnten dort der politisch meistrespektierte Kommentator: „Managergehälter bei UBS, Credit Suisse, Novartis, La Roche (…) ein Gehalt von 24 Millionen, auf jeden Tag umgerechnet sind das 65 Tausend Franken. Das ist eine verräterische Zahl. Die Hälfte der Steuerpflichtigen verdient in der Schweiz maximal 5.500 Franken im Monat. Also 66.000 Franken im Jahr. Viele liegen darunter. Der UBS-Chef kassiert demnach an einem Tag, was Hunderttausende nicht einmal im Jahr verdienen.“ Was waren – gemessen an diesen Königen der Gegenwart – jene vor 230 Jahren in Versailles zu Hofe gehenden „Dazugehörenden“ doch für Einflußlose: Latifundienbesitzer, doch praktisch ohne Mitspracherecht im Staat und mit nur wenig Bargeld. Übrigens ist mehrfach überliefert, daß auch die Herrschenden im Ancien régime (…) ihre Beseitigung keineswegs vorausgeahnt haben. Hannah Arendt schreibt: „Vor den beiden großen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts gab es einen eigentlichen Revolutionsbegriff nicht. Denn diese ist unlösbar der Vorstellung verhaftet, daß sich innerhalb der weltlichen Geschichte etwas ganz und gar neues ereignet, daß eine neue Geschichte anhebt. Dabei läßt sich nachweisen, daß keiner der Männer, die in den Ereigniszusammenhang eingriffen, der sich schließlich eben als eine Revolution enthüllte, die leiseste Vorahnung von diesem absolut Neuen hatte. Erst als die Revolutionen bereits wirklich zum Ausbruch gekommen waren, und lange bevor die Beteiligten die Chancen von Sieg oder Niederlage wirklich abschätzen konnten, wurde Handelnden wie Zuschauern gleichermaßen das Neue des Unternehmens und der eigentliche Sinn der Handlung selbst offenbar.“ Abermals der Beleg, die Weltgeschichte arbeitet mit Überraschungen, die vorangegangene Generationen sich noch gar nicht vorstellen konnten. Ja, unsere ethisch verankerten Grundgesetz-Väter konnten – auf den Trümmern des Hitler-Krieges und mit den Erfahrungen einer damals beispiellos wohltätigen Wirtschaft – sich überhaupt nicht ausmalen, daß diese Wirtschaft einmal zum Saturn werde, der seine Kinder frißt, wie Goya ihn gemalt hat. Und Brechts Verzweiflung: „Durch die Kriege der Klassen -Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.“ Über Brecht reden heißt, wenn man kein Drückeberger ist, auch über das Theater Brechts reden, das am Schiffbauerdamm. Als ich in Demut dort eine Rede zum 50. Todestag angeboten hatte – in der Demut, die heute einem „freien“ Schriftsteller ansteht, „frei“ natürlich in Anführungsstrichen, wenn er mit einem Theater-Gebieter sprechen will -, da ließ Herr Peymann sagen; er selbst sagte es mir nicht, so große Herren reden ja nicht mit Autoren, ich soll ihm diese Rede erst einmal „einreichen“. Meine Antwort an seine Freundin, die mir das durch ihre Sekretärin hatte ausrichten lassen: „Sag‘ Peymann, mein letzter Freundesdienst an ihm: ‚Einreichen‘ solle er nie mehr sagen, denn seit Herr Dr. Joseph Goebbels nicht mehr in Berlin ist – ist Peymann der erste und einzige hier, der von Autoren verlangt, ihm eine Rede erst ‚einzureichen‘, bevor er entscheidet, ob diese Rede gehalten werden dürfe!“ So hat die Macht diesen einst unkonventionellen Intendanten entstellt, ihn größentoll gemacht. Sie macht das mit jedem, der sie hat, bis er nicht mehr merkt, daß nicht er sie, sondern daß die Macht ihn hat. So ist das mit dem Wechsel der Herren in den wechselnden Epochen: Weil offiziell unser Land als Demokratie firmiert, entstand die Illusion, hier sei Demokratie auch außerhalb des Grundgesetzes. Das mußte uns ja, illusionsverblendet, glücksverschlafen in sechzig Jahren Wohlstand ohne Krieg zwischen den Staaten Europas, zu der Illusion verleiten, Krieg sei nur, wo geschossen wird – nicht aber, ein Beispiel, auch liquidiert wird in Berufen. Die Großväter fielen auf dem Schlachtfeld, die Enkel am Arbeitsplatz. Rolf Hochhuth ist Schriftsteller, Essayist und Bühnenautor und lebt in Berlin. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Der Stellvertreter“ (1963), „Soldaten“ (1967), „Eine Liebe in Deutschland“ (1978), „Wessis in Weimar“ (1992). Zuletzt erschienen: „Nietzsches Spazierstock“ (Rowohlt, 2004) und „Familienbande. Komödie – Requiem“ (Rowohlt, 2005). Brecht-Denkmal am Berliner Ensemble: „Es gibt nur noch Arbeitnehmer und Arbeitwegnehmer!“

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