Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Märtyrer sind zurückgekehrt

In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt“, so überschrieb die polnisch-katholische Sankt-Bene-dikt-Stiftung Plakate, die sie Ende Februar in den Straßenbahnen der Stadt Posen aufhängen ließ. Auf den etwa dreihundert großformatigen Postern waren christliche Märtyrer abgebildet, die in letzter Zeit in Pakistan, Ägypten, der Türkei oder Indonesien umgebracht wurden. Die Kampagne, die gleichzeitig zur Kreuzwegandacht auf dem Mickiewicz-Platz in Posen einladen sollte, erregte nun allerdings bei den Vertretern des Islam einen Sturm des Protestes. Der Vizepräsident des Verbandes der polnischen Moslems, Józef Konopacki, brachte die Plakataktion sogar in Verbindung mit dem Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen und sprach von einer „Provokation“. In Polen sind die Christen in einer bequemen Lage „Wir haben das im Geiste der christlichen Solidarität mit jenen getan, die für ihren Glauben leiden“, entgegnete der Vorsitzende der Sankt-Benedikt-Stiftung, Boguslaw Kiernicki, gegenüber Pressevertretern. „In Polen sind die Christen in einer bequemen Lage, aber in anderen Ländern ist das nicht so.“ Den Vorwurf der Provokation wies Kiernicki entschieden zurück: „Wir hätten uns niemals vorstellen können, daß die Darstellung christlicher Märtyrer jemanden verletzten könnte.“ Sankt-Benedikt-Stiftungsmitglied Piotr Pilarczyk erwiderte der Plakat-Kritikern: „Das sind keine anti-islamischen Plakate. Wir konzentrieren uns auf die Verfolgten, nicht auf die Verfolger.“ Gleichzeitig räumt Pilarczyk aber ein, daß die Täterrolle sich nicht ausschließlich auf Muslime beschränkt, sondern auch Christen sich der Verfolgung aus religiösen Motiven schuldig machen. „Das ist kein Weg zum Dialog mit dem Islam. Das sind Vorwände, um einen Konflikt zu schüren“, kritisierte hingegen der Warschauer Arabistik-Professor Janusz Danecki vom SWPS-Institut. „Die Menschen haben ein Recht, Opfer von religiöser Verfolgung zu zeigen. Diese Plakate jedoch werden im Zusammenhang mit dem letzten Aufstand der islamischen Welt, die durch die Mohammed-Karikaturen gekränkt wurde, wahrgenommen.“ Eine ähnliche Plakataktion in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Hauptstadt Warschau wurde nun nicht genehmigt. Ein Sprecher der Warschauer Verkehrsgesellschaft erklärte, daß die Werbefläche nicht zu Verfügung gestellt werde, weil sich zunächst die Emotionen um die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark legen müßten. Solche „Emotionen“ äußerten sich zwar nicht innerhalb Polens, aber die polnischen Streitkräfte haben derzeit mehrere tausend Soldaten im Irak stationiert. „Das Risiko, daß unsere Plakataktion politisch aufgefaßt werden könnte, hat uns nicht von der Pflicht befreit, daran zu erinnern, daß Menschen aus religiösen Gründen umgebracht werden“, erklärte Kiernicki zur erfolgten Absage aus Warschau. Mit der Überschrift der Plakataktion „Märtyrer des 21. Jahrhunderts“ bedient sich die Sankt-Benedikt-Stiftung übrigens eines Zitats des im vergangenen Jahr verstorbenen, aus Polen stammenden Papstes Johannes Paul II. „In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt, häufig unbekannt, gleichsam ‚unbekannte Soldaten‘ der großen Sache Gottes. Soweit als möglich dürfen ihre Zeugnisse in der Kirche nicht verlorengehen“, schrieb der Heilige Vater 1994 in seinem apostolischen Brief zur Vorbereitung auf das Kirchenfeierjahr 2000. „Wie beim Konsistorium empfohlen wurde, muß von den Ortskirchen alles unternommen werden, um durch das Anlegen der notwendigen Dokumentation nicht die Erinnerung zu verlieren an diejenigen, die das Martyrium erlitten haben“, so Johannes Paul II. Angesichts der traditionell der in der im polnischen Volk tief verankerten Katholischen Kirche (neunzig Prozent Katholiken, siebzig Prozent auch praktizierend) scheint es nicht verwunderlich, daß die katholische Stiftung sich an die Worte des Vatikans hält und diese auch aktiv in die Tat umsetzt. Von den 38,6 Millionen Einwohnern Polens bekennen sich nur etwa 30.000 zum Islam – meist Tataren im ostpolnischen Podlachien und in Podolien, das im 17. Jahrhundert kurzzeitig zum Osmanischen Reich gehörte. Katholische Aktivisten stößen in letzter Zeit übrigens häufiger auf Widerspruch – auch aus den eigenen Reihen. So befaßte sich die polnische Bischofskonferenz im Januar mit dem konservativ-katholischen Radio Maryja. Der in Thorn (Torun) ansässige und von polnischen Intellektuellen belächelte Sender von Pater Tadeusz Rydzyk erreicht täglich etwa vier bis fünf Millionen Hörer und ist damit der viertgrößte Polens. Im Wahlkampf 2005 hatte Radio Maryja einseitig die jetzige Regierungspartei, die konservative PiS von Präsident Lech Kaczynski, unterstützt. „Das Engagement in der Politik ist nicht Ziel der Kirche, man muß etwas tun, wenn das einige Geistliche vergessen“, mahnte daher der als „liberal“ geltende Bischof Tadeusz Pieronek. Die Märtyrer-Plakate sind im Internet abrufbar: www.christianitas.pl/c/podstrony/?id=663 Foto: Märtyrer-Plakate der Sankt-Benedikt-Stiftung in Posen: „Unbekannte Soldaten der großen Sache Gottes“

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