LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Der Heimat den Rücken kehren

Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Misere dieses Landes veranlaßt zunehmend viele Menschen, die Koffer zu packen und auszuwandern. Deutschland ist somit nicht nur ein Einwanderungsland, es ist gleichzeitig auch ein Auswanderungsland. Die Formel lautet: Fremde kommen rein, Einheimische ziehen weg! Laut Statistischem Bundesamt haben im Jahr 1991 genau 98.915, im Jahr 2004 schon 150.667 Deutsche das Land verlassen. Besonders groß ist dabei die Abwanderung von jungen Akademikern, ein Prozeß, der unter dem Schlagwort vom „brain drain“ in der Presse groß diskutiert wird. Wanderten noch 1990 etwa 29.000 Akademiker in die USA aus, so erhöhte sich diese Zahl auf 49.000 im Jahre 2000, eine Steigerung von immerhin 69 Prozent. Laut einer neuen Studie von Claudia Diehl vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden und David Dixon vom Migration Policy Institute in Washington kann zwar von einem Massen-Exodus von Akademikern nicht gesprochen werden, weil viele Akademiker nur temporär im Ausland arbeiten und wieder zurückkommen. Gleichwohl spricht die Studie von einer „kleinen, aber steigenden Anzahl von Immigranten auf Dauer“. Es tröstet auch wenig, daß viele Akademiker zurückkommen. Die Zeit, die sie im Ausland arbeiten, ist als produktive Zeit dieser Menschen weitgehend für das Auswanderungsland verloren, es fehlen für die Zeit der Auswanderung deren Leistung, Nachfrage, Steuerzahlung und Sozialversicherungsbeitrag. Auswanderung hat in Deutschland Tradition. Die neue Auswanderung zeichnet sich gegenüber älteren Formen dadurch aus, daß nicht die „Hefe des Volkes“, also die sozial an den Rand Gedrängten gehen, sondern die wirtschaftlichen und akademischen Leistungsträger. Auswanderung erfolgt in Wellen, die dann besonders groß sind, wenn „Push-Faktoren“ (Armut, Krieg, religiöse oder politische Verfolgung) und die „Pull-Faktoren“ des Aufnahmelandes (Prosperität, politische und religiöse Freiheit) sich überlagern und zusammenwirken. Man unterscheidet drei Phasen der Auswanderung: von den Anfängen des 17. Jahrhunderts bis 1815, dann vom Wiener Kongreß bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges und schließlich die Zeit nach 1918 bis heute. Bereits unter den ersten Auswanderern und Siedlern in Jamestown/Virginia im Jahre 1607 waren Deutsche, die zusammen mit den Niederländern kurz „Dutch“ genannt wurden. Im Laufe des 17. Jahrhunderts kam es dann zur ersten großen Auswanderungswelle insbesondere aus dem südwestdeutschen Raum in die neue Welt. Veranlaßt wurde diese erste Welle durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Nach der Regelung des „Cuius regio, eius religio“ bestimmte der Landesherr die Religionszugehörigkeit seiner Untertanen. Für alle Menschen anderer Religionszugehörigkeit erwies sich diese Regelung als regelrechter Auswanderungszwang. Dazu kamen die desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse, die in Südwestdeutschland durch die französischen militärischen Einfälle während des Pfälzer Erbfolgekrieges (1688-1697) verstärkt wurden. Als dann der strenge Winter 1708 auch noch in diesem Raum die Wein- und Obstkulturen vernichtete, kam es unter der leidgeprüften Bevölkerung zu einem Massenexodus, der mit seiner Sogwirkung das gesamte Mittel- und Oberrheingebiet bis in die Schweiz erfaßte. Zwischen 13.000 und 15.000 Menschen, zwei Drittel von ihnen Pfälzer, verließen ihre Heimat, um über London in die nordamerikanischen Kolonien auszuwandern. Den nunmehr einsetzenden Emigrationsstrom nennt Wolfgang Hippel die „bedeutsamste grenzüberschreitende Wanderungsbewegung europäischen Ursprungs während des 18. Jahrhunderts“. Dabei bildete die Auswanderung in den nordamerikanischen Kontinent zu dieser Zeit nur einen Nebenschauplatz der deutschen Auswanderung. Das Gros der Auswanderer übersiedelte in den von den Türken 1683/89 zurückeroberten Donauraum. ……………………………. Bereits vor dreihundert Jahren war die Auswanderungswelle aus Europa so groß, daß sich die Bevölkerung Nordamerikas zwischen 1700 und 1750 auf 1,2 Millionen verfünffachte – viele davon waren Deutsche. ……………………………. Die neuere Forschungsliteratur geht davon aus, daß gleichwohl über 100.000 Deutsche in dieser Zeit bis zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in die nordamerikanischen Kolonien übersiedelten. Etwa achtzig Prozent ließen sich in Pennsylvania nieder, der Rest verteilte sich auf die Neu-England- Staaten, New York, Virginia, Maryland, South Carolina und Georgia. Ab 1683 setzte eine kontinuierliche deutsche Auswanderungswelle insbesondere nach Pennsylvania ein, welche die Deutschen noch in kolonialer Zeit zur größten nichtbritischen Bevölkerungsgruppe in der neuen Welt werden ließ. Dabei entstand auch die erste größere deutsche Siedlung in der neuen Welt: Germantown in unmittelbarer Nähe zu Philadelphia. Zwischen 1749 und 1754 kam es zu einer zweiten deutschen Auswanderungswelle, als alleine im Hafen von Philadelphia 114 Schiffe mit über 36.000 Deutschen an Bord an Land gingen. Unter ihnen befand sich auch Gottlieb Mittelberger, dem wir einen detaillierten Bericht über die Situation in den nordamerikanischen Kolonien verdanken, den er 1750 in Buchform herausgegeben hat: „Reise nach Pennsylvanien im Jahre 1750 und Rückreise nach Teutschland im Jahre 1754“, ein Buch, das im Jan Thorbecke Verlag in der Reihe „Fremde Kulturen in alten Berichten“ 1997 neu herausgegeben wurde. Ausschlaggebend für diese erneute Auswanderungswelle waren im wesentlichen die ökonomischen Verhältnisse, die die krisenanfälligen Schichten der Kleinbesitzenden und „Grenzexistenzen“ zur Auswanderung veranlaßten. Ursächlich für diese Misere waren das Realteilungserbrecht, Mißernten, erhöhte Steuerbelastung für die fürstliche Hofhaltung, Frondienste, Kriegskontributionen und Ämterwillkür des Feudalstaates. In der Regel erfolgte der Wegzug als Familien- und Gruppenwanderung, die Einzelauswanderung lag unter zehn Prozent. Angestachelt wurde dieser Prozeß zusätzlich durch sogenannte „Neuländer“, amerikaerfahrene Emigrantenwerber, die mit teilweise geschönten Berichten zur Auswanderung animierten. Der Adel versuchte mit allerlei restriktiven Maßnahmen gegen den Unsinn vorzugehen, „in Americam zu ziehen“ (Generalreskript vom 8. September 1717), etwa durch „Abzugsgeld“, Verbot des Ankaufs von Immobilien von Emigranten oder ähnliches. Neuländer konnten des Landes verwiesen werden oder wurden sogar in Haft genommen. Neben seriösen Werbern betrieben viele reisende Makler ihre Anwerbung von Auswanderern als profitables Geschäft, die in Zusammenarbeit mit Schiffseignern, Handelsgesellschaften Provisionen und Prämiengelder erhielten. Schon damals gab es regelrechte „Schlepperorganisationen“. Da viele Auswanderer arm waren und das Geld für die Schiffspassage nicht aufbringen konnten, schlossen diese noch im Ausgangshafen mit dem Schiffseigner oder Kapitän einen zeitlich befristeten Dienstvertrag, in dem sie sich verpflichteten, die Kosten für die Überfahrt und geliehenes Geld nach ihrer Ankunft in einem Dienstverhältnis als Knecht abzuarbeiten, das sogenannte „Redemptioner-System“, eine Art „Kontraktknechtschaft“, die in der Regel vier bis fünf Jahre dauerte. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß die Besiedlung Nordamerikas mit Europäern ohne dieses System nicht möglich gewesen wäre. Bis zu zwei Drittel aller seit 1630 in die britischen Kolonien ausgewanderte Personen waren diesem System der Kontraktknechtschaft in der einen oder anderen Form unterworfen. Die Verschuldung der Auswanderer wurde dadurch verstärkt, daß sie sich alle Ausrüstungsgegenstände von der Matratze bis zum Eßgeschirr und Proviant selbst besorgen mußten, wobei sie in den Auswanderungshäfen rücksichtslosen Händlern und Geschäftemachern ausgeliefert waren. So begann für die meisten Auswanderer der Weg in die Freiheit mit verschärfter Unfreiheit und neuer Sklaverei. Die Überfahrt selbst war ein reines Martyrium. Sie dauerte sieben bis zwölf Wochen zumeist in einfachen Frachtschiffen, in denen ein Zwischendeck eingezogen wurde, um 300 bis 500 Personen pro Schiff über den Atlantik zu karren. Die Reise erfolgte zu dieser Zeit in zwei Etappen. Zunächst ging es von Rotterdam zu einem englischen Hafen wie Cowes auf der Insel Wight oder nach Liverpool. Von dort startete die eigentliche Atlantiküberquerung, denn England hatte getreu den merkantilistischen Prinzipien den Handel und Verkehr zu seinen Kolonien monopolisiert und machte mit der Not der Auswanderer glänzende Geschäfte. Die Situation an Bord während der Überfahrt war unerträglich. Viele Auswanderer litten an Mangelernährung, weil sie die Dauer der Überfahrt falsch einschätzten, die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar schlecht. So lag die durchschnittliche Mortalitätsrate bei Auswandererschiffen – Schiffbrüche nicht mitgerechnet – bei 3,8 Prozent, auch waren Todesfälle von über zehn Prozent keine Seltenheit. Von den Sterberaten an Land, wenn die Auswanderer mit letzter Kraft das koloniale Neuland erreichten, ist leider nichts bekannt, sie dürften indes noch höher gewesen sein als die Sterberate an Bord. So erließen die Kolonien schließlich recht unwirksame Vorschriften für den Transport von Auswanderern. Pennsylvania verabschiedete 1750 ein „Gesetz zum Verbot des Imports von Deutschen oder anderen Passagieren in zu großer Zahl auf einem Schiff“ und legte die Mindestgröße eines Zwischendeckplatzes für Personen über 14 Jahren auf 183 mal 46 Zentimeter fest. Die Auswanderungswelle aus der alten europäischen Welt war so groß, daß sich die Bevölkerung Nordamerikas zwischen 1700 und 1750 von knapp einer Viertelmillion auf 1,2 Millionen verfünffachte. Wesentlichen Anteil daran hatten die deutschen und deutschsprachigen Auswanderer. Die wohlhabendste Kolonie war Pennsylvania, nach dem Einwanderungsschub um 1750 machten die Einwohner dieser Kolonie deutscher und deutsch-schweizerischer Abstammung mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, 1790 war es noch gut ein Drittel. Damals sah sich die britische Kolonie mit einer „Germanisierung“ Pennsylvanias konfrontiert, und der noch von William Penn, dem Gründer Pennsylvanias, eingesetzte Gouverneur William Keith beklagte sich 1717 über „die große Zahl der Fremden aus Deutschland, die mit unserer Sprache und Verfassung nicht vertraut sind und die sich über das Land verteilen, ohne sich bei den Behörden zu melden und sich amtlich registrieren zu lassen“. 1727 äußerte James Logan, ein früherer Sekretär von William Penn, die Befürchtung, das Land könne sich zu einer deutschen Kolonie entwickeln, und Benjamin Franklin bemerkte 1751, Pennsylvania werde „in wenigen Jahren eine deutsche Kolonie werden: anstatt daß sie (die Deutschen) unsere Sprache lernen, müssen wir die ihre lernen oder wie in einem fremden Land leben“. ……………………………. Verstärkte Auswanderung ist immer ein Zeichen, daß im „Mutterland“ die Verhältnisse nicht in Ordnung sind. Denn es gehört schon eine Menge Courage oder Verzweiflung dazu, die alte Heimat zu verlassen. ……………………………. Die geringe Assimilierungsneigung der frühen deutschen Einwanderer hatte im wesentlichen mit ihrer Siedlungsweise zu tun. Die meisten deutschen Einwanderer siedelten im westlich an die Appalachen stoßenden Hinterland Pennsylvanias, weil dieses Land noch relativ unbesiedelt war und die Preise für die Landnahme erschwinglich waren. Sie siedelten als westliche „Grenzsiedler“ mit „Bibel, Pflug und Büchse“, was vor allen Dingen während des britisch-französischen Kolonialkrieges (1754-1763) nicht ungefährlich war. So bildeten sich kleine deutsche Kolonien in der britischen Kolonie ohne große Berührungspunkte mit anderen Siedlungsgemeinschaften. Benjamin Franklin beklagte sich, daß die Kinder dieser Siedler kaum Englisch lernten, daß sie Bücher aus Deutschland einführten, ja Bücher, Zeitungen, Rechtsvorschriften und Schuldscheine in deutscher Sprache drucken ließen und Orts- und Straßennamen deutsch waren. Trotz dieser Bedenken war Franklin allerdings nicht gegen die Aufnahme der Deutschen, „denn sie haben ihre Tugenden. Ihr Fleiß und ihre Sparsamkeit sind vorbildlich. Sie sind ausgezeichnete Bauern und tragen sehr zum Aufschwung eines Landes bei.“ Wie Jürgen Charnitzky in seinem Vorwort zu Mittelbergers „Reise nach Pennsylvanien“ darlegte, „führte die Pflege des sprachlich-kulturellen Erbes und handwerklich-bäuerlicher Traditionen unter den deutschen Einwohnern Pennsylvanias, allen Befürchtungen Franklins zum Trotz, weder zu einer ‚Germanisierung‘ der Kolonie noch zur Illoyalität der Deutschen gegenüber ihrer Regierung, sondern es verschmolzen deutsche und angloamerikanische Elemente zur eigenständigen Kultur des ‚Pennsylvania Dutch'“. Wie loyal die Deutschen gegenüber ihrer neuen Heimat waren, zeigte sich in voller Tragik während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Sie kämpften an vorderster Front gegen ihre eigenen Landsleute, die von Großbritannien vornehmlich in Hessen rekrutiert wurden, um dem amerikanischen Unabhängigkeitsstreben ein Ende zu bereiten. So kämpften Deutsche auf beiden Seiten gegeneinander, und die „German immigrants“ erwiesen sich letztlich als gute amerikanische Patrioten. Wie groß der Anteil der Deutschen allein an der amerikanischen Bevölkerung ist, läßt sich daran ermessen, daß in einem Bevölkerungszensus im Jahr 2000 in den USA 57 Millionen Amerikaner angegeben haben, deutsche Vorfahren zu haben. Verstärkte Auswanderung ist immer ein Zeichen, daß im „Mutterland“ die Verhältnisse nicht in Ordnung sind. Denn es gehört schon eine Menge Courage oder Verzweiflung dazu, die Koffer zu packen und die alte Heimat zu verlassen. Da es im modernen Deutschland schließlich alles andere als ein Bevölkerungsexplosion gibt, das Volk sogar schrumpft, müßte eigentlich genügend Platz und Entwicklungsmöglichkeit für jeden vorhanden sein. Doch man tut wenig, um den sich abzeichnenden „brain drain“ einzudämmen. Wissenschaft und Forschung befinden sich in vielen Bereichen in einem desolaten Zustand und eröffnen vielen Angehörigen der Intelligenz kaum Entwicklungschancen. Im Gegenteil: Hochschulstellen werden so ausgeschrieben, daß Bewerber mit „Migrationshintergrund“ bevorzugt eingestellt werden. Die Quittung ist verstärkte Auswanderung von potentiellen Leistungsträgern, was natürlich nicht durch verstärkte „Green Card“-Regelungen oder wenigsten eine die sozialen Sicherungssysteme bereichernde Einwanderung kompensiert werden kann. Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt zum Thema „Die neue Lust auf Heimat“ (JF 50/05)

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