Abgesang auf eine Verschwörungstheorie

Der Sommer 1993 war ziemlich kalt: Gerade 15 Grad mißt das Thermometer am 27. Juni in Bad Kleinen. Es nieselt. An diesem Nachmittag wird das Provinznest zur Kulisse des letzten großen Kapitels der RAF-Geschichte. Birgit Hogefeld und Klaus Steinmetz sitzen in einer Bahnhofskneipe. Sie wird seit neun Jahren mit einem Haftbefehl gesucht. Die 36jährige ist RAF-Terroristin, eine der letzten aktiven, die noch frei herumlaufen. Der 33jährige trägt einen Peilsender, ist einer von vielen V-Leuten, die auf die RAF angesetzt sind. Kurz vor 14 Uhr verläßt sie das Bahnhofscafé und geht zum Gleis 1/2. Dort steigt Wolfgang Grams aus dem Zug. Der 40jährige ist Hogefelds Freund – auch er wird wegen Zugehörigkeit zur RAF seit neun Jahren gesucht. Beide umarmen sich, gehen gemeinsam zurück in die Bahnhofskneipe, wo immer noch Spitzel Steinmetz auf sie wartet. Als die drei gegen 15.15 Uhr gehen, greift die Polizei in der Unterführung zu. Hogefeld wird von einem Zivilpolizisten verhaftet. Steinmetz ergibt sich sofort. Aber Grams sieht eine Chance, aus zu entkommen. Er rennt die Treppe nach oben auf den Bahnsteig 3/4, die sportlichen GSG-Leute hinter ihm. Vorneweg Michael Newrzella. Der 25jährige GSG9-Mann hat Grams schon fast erreicht, als der sich umdreht und vier Kugeln auf ihn abfeuert. Newrzella stirbt noch am selben Tag an seinen Verletzungen, ein weiterer Kollege ist verletzt. Medien verbreiteten die Theorie vom „Staatsmord“ Die anderen Polizisten gehen in Dekkung, feuern, was das Zeug hält. Grams wird verletzt, stürzt auf das Gleis. Dort liegt er – verwundet am Oberschenkel und am Oberarm. Die Polizisten pirschen sich an ihn heran. In Rage wegen seines toten Kollegen entwindet einer der Beamten Grams seine Waffe, hält sie ihm an die Schläfe und drückt ab. Hinterher versuchen das Bundeskriminalamt, der Verfassungsschutz, der Generalbundesanwalt und die Bundesregierung diesen Mord an einem RAF-Terroristen zu vertuschen. So ungefähr liest sich die Geschichte, die sich die RAF-Sympathisantenszene hinterher zurechtgelegt hat. Im Fall Bad Kleinen wurde die Theorie vom „Staatsmord“ sogar von weiten Teilen der Zeitgeist-Medien „gekauft“ und genüßlich weiterverbreitet. Eine Staatskrise ungeahnten Ausmaßes folgt, schreibt Butz Peters jetzt in seinem Buch „Der letzte Mythos der RAF – Das Desaster von Bad Kleinen“. Der Jurist und vormalige Moderator der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ hat den Fall Bad Kleinen neu aufgerollt. Die Entwicklung von Grams, Jahrgang 1953, verlief szenetypisch: Zwar war er zu jung für einen waschechten 68er, doch der Vietnamkrieg politisierte ihn früh. Der Vater war bei der SS, der Vater-Sohn-Konflikt also vorprogrammiert. Grams saß 1978 erstmals für 152 Tage in Untersuchungs-Haft (zu Unrecht), was seinen Widerstand noch angespornt hat. Ähnlich sah die Terroristenkarriere der drei Jahre jüngeren Birgit Hogefeld aus. Den Hungertod des inhaftierten RAF-Terroristen Holger Meins im Jahr 1974 bezeichnete sie als „die zentrale Weichenstellung für mein Leben“. Beide gehörten der „dritten Generation“ an. Die „neue“ RAF war auf sich allein gestellt. Die älteren RAF-Mitglieder waren in die DDR geflohen oder inhaftiert. „Treibende Kraft beim ‚Neuaufbau‘ der RAF ist Wolfgang Grams“, urteilt Peters rückblickend. Grams schickt beispielsweise seine Freundin Birgit los, Edward Pimental in einer Soldatenspelunke „aufzureißen“. Der amerikanische GI wird wenig später tot aufgefunden. Mit seinem Dienstausweis verschaffen sich die RAF-Leute Zugang zu einer amerikanischen Kaserne (Rhein-Main-Airbase). Dort zünden sie eine 240-Kilo-Bombe. Auf das Konto der Gruppe gingen zudem die Morde an Treuhandchef Detlev Rohwedder, Siemens-Manager Kurt Beckurts, den Diplomaten Gerold von Braunmühl, den Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Alfred Herrhausen. Erst nach der Wiedervereinigung verflüchtigt sich die Mordlust der letzten RAF-Generation. Die Lage entspannt sich. Die RAF gibt bekannt, keine Morde mehr verüben zu wollen. Als Grams und Hogefeld 1992 einen Freund in Rostock treffen, reden sie über ihre Träume jenseits des Katz-und-Maus-Spiels mit der Polizei. Sie erzählen über ihre „Sehnsüchte nach einem bürgerlichen Leben mit Familie und Kindern“, gibt der Freund später zu Protokoll. Die drei sitzen am Wasser und betrachten, wie Schiffsmasten auf der Warnow friedlich vor sich hinschaukeln. „Warum nehmt ihr jetzt nicht einfach die Pistolen und schmeißt sie in die Warnow?“ fragt der Freund. Die Chance war da. Aber Grams und Hogefeld haben sie verpaßt. Statt dessen rannten sie in ihr Verderben, als sie Kontakt zum V-Mann Steinmetz aufnahmen. Die Rekrutierung – oder was immer sie mit der Kontaktaufnahme auch geplant haben – endet mit dem Tod von Grams, der sich auf den Gleisen liegend selbst richtet. Er hoffte wohl – wie sein Vorbild Andreas Baader – durch die Selbsttötung den verhaßten Staat in Mißkredit bringen zu können. Autor Peters wechselt die Perspektive und schildert die Situation erst aus Sicht der Terroristen, dann aus der Perspektive der Behörden – angefangen mit Generalbundesanwalt Alexander von Stahl bis hin zu Michael Newrzella. Die GSG9 wollte schon früher zugreifen, brach den ersten Versuch, Birgit Hogefeld zu verhaften, aber ab, als sie erfuhr, daß Grams dazustoßen würde. Dann ereigneten sich die „Fehler“, die von den Medien hinterher begierig aufgegriffen wurden: Hogefeld studierte den Fahrplan. Die drei konnten nicht gemeinsam festgenommen werden. Ein Beamter hörte einen abgehackten Funkspruch, aus dem er schloß, der Zugriff sei bereits erfolgt, und ging vom Bahngleis nach unten. Dort stand er neben Hogefeld, als die GSG9-Beamten von vorne auf die Terroristen zugerannt kamen. Der einzelne Beamte konnte Hogefeld festnehmen, aber nicht Grams‘ Flucht auf das Gleis 3/4 verhindern. In der Summe läßt sich mit Fug und Recht von einem „verpatzten“ Polizeieinsatz sprechen. Warum griffen nicht drei „Reisende“ in Zivil zu – statt einer Gruppe GSG9-Leute, die mehrere Meter auf die zu Verhaftenden zurennen mußten? Warum stand niemand auf dem Gleis? Mußte Michael Newrzella sterben? Die Behörden versuchten zunächst die Anwesenheit des V-Mannes zu verschweigen. Als der Verfassungsschutz später preisgab, daß eine dritte Person involviert war, war es zu spät, um den Anschein der Vertuschung aus der Welt schaffen zu können. Zunächst dürften aber beim Bundeskriminalamt und bei der Bundesanwaltschaft die Korken geknallt haben. Von Stahl verkündete stolz den „größten Fahndungserfolg seit sieben Jahren“. Wenige Tage später entließ ihn Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wegen des Medienrummels um Bad Kleinen. Da hatte Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) bereits seinen Hut genommen. Dazu kam es, weil Bad Kleinen – so Autor Peters – zum „Schuttabladeplatz“ für Verschwörungstheorien wurde. Die Mordthese, einmal in Umlauf gebracht, fiel auf fruchtbaren Boden. Das Publikum glaubte die Geschichte, weil es sie glauben wollte. Im Mittelpunkt der Verbreitung der Mordthese stehen zwei Journalisten: Hans Leyendecker und Philip Siegel. Letzterer war als 27jähriger Reporter des Fernsehmagazins Monitor nach Bad Kleinen gefahren, um „sich umzuschauen“. Er kam mit der Story seines Lebens zurück. Dachte er. Dabei hatte er nicht viel in den Händen. Nur eine schriftliche Erklärung einer Frau, die Augenzeugin des Mordes gewesen sein will. Später hat sie beteuert, die Erklärung weder selbst geschrieben noch gelesen zu haben. Von einem Kopfschuß habe sie nicht gesprochen. 250 D-Mark erhielt sie für ihre Aussage. Für Monitor-Chef Klaus Bednarz stand indes fest: „Alles deutet auf Exekution.“ Bei dem zweiten, Hans Leyendecker, handelt es sich im Gegensatz zu Siegel um ein Schwergewicht des deutschen Journalismus. Der wohl bekannteste deutsche Enthüllungsjournalist hat hinterher immer wieder eingeräumt, falsch gelegen zu haben. Leyendecker hatte für seinen Spiegel-Artikel Kontakt zu einem angeblichen „Antiterrorspezialisten“. Diese anonyme Quelle will in Bad Kleinen dabei gewesen sein. Die Aussage strotzte jedoch von Fehlern: Sieben davon sind eindeutig identifiziert. Bis heute ist unklar, wer der Zeuge gewesen sein soll. Wenn es ihn gab, so könnte er seine Informationen (die nur Spekulationen sind) aus den Zeitungen vom Tag seines Gesprächs mit Leyendecker haben, hat Peters herausgefunden. Enthüllungsjournalist Leyendecker, der heute bei der Süddeutschen Zeitung arbeitet, sagt rückblickend: „Mein Gau war Bad Kleinen.“ Und: „Richtig wäre es gewesen, wenn man die Geschichte kleiner gemacht hätte: Mit den Zweifeln, mit den Fragen.“ Juristisches Nachspiel durch alle Instanzen Jahrelang haben die Eltern von Grams geklagt: Die Behörden sollten gegen die Mörder ihres Sohnes ermitteln, sollten gezwungen werden, Anklage zu erheben. Schließlich sollte der Staat wenigstens die Beerdigungs- und Überführungskosten zahlen. Bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof wurden sie abgewiesen. Das juristische Nachspiel dauerte bis 1999. Die Eltern behaupten steif und fest, ihr Sohn sei ermordet worden. Der Buchautor läßt durchschimmern, daß sie sich in ihrer verständlichen Trauer zu Handlangern der Verschwörungstheorie und der publizitätsverliebten Anwälte haben machen lassen. „Der letzte Mythos der RAF – Das Desaster von Bad Kleinen“ stellt eine Ergänzung zum RAF-Standardwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust dar, das stärker auf den Deutschen Herbst fixiert ist. Das überaus akribische Aktenstudium im zweiten Teil ist ein wenig langwierig – vor allem, wenn der Ausgang bekannt ist. Peters kommt zu folgendem Schluß: Was den Terroristen zwischen 1970 und 1993 nicht gelungen ist – das Desaster von Bad Kleinen hat folgendes bewirkt: Diese letzte große Aktion gegen die RAF hat die Glaubwürdigkeit des Staates mehr erschüttert als alle Rasterfahndungen und Einschränkungen von Bürgerrechten zuvor. „Es hätte so schön sein können“, zitiert Peters einen hochrangigen Beamten, der sich einen erfolgreicheren Verlauf der Aktion gewünscht hätte. Ist es aber nicht. Butz Peters: Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen. Wer erschoß Wolfgang Grams? Ullstein, Berlin 2006, 311 Seiten, gebunden, Abbildungen, 18 Euro Foto: Sanitäter versorgen am 27. Juni 1993 den tödlich getroffen Wolfgang Grams: Der Terrorist war ebenso wie die an diesem Tag verhaftete Birgit Hogefeld Mitglied der dritten RAF-Generation / Polizist Newrzella: erschossen

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