„Wir sollten der Welt unseren Schmerz zeigen“

Herr Kunkel, in Ihrem Roman „Endstufe“, um den im vergangenen Jahr eine heftige Feuilletonschlacht tobte, schildern Sie äußerst beklemmend die Vergewaltigungen durch die Rote Armee während und nach der Eroberung Berlins 1945. Ihre Lektorin beim Rowohlt-Verlag forderte jedoch von Ihnen, „wenigstes einen positiven Russen“ einzubauen. Das haben Sie verweigert – mit der bemerkenswerten Begründung: „Ich relativiere nicht.“ Kunkel: Wie Sie wissen, gibt es keine moralischen und amoralischen Romane, es gibt nur gute und schlecht geschriebene. Ein Roman sollte unter ästhetischen Gesichtspunkten, nicht unter ideologischen lektoriert werden. Die Notzuchtverbrechen der Rotarmisten von damals verstießen klar gegen das Kriegsvölkerrecht. Im übrigen schreibe ich keine Romane, in denen man „politisch ausgleichende Elemente“ ein- oder ausbauen kann, nur weil es dem Gusto einer Lektorin entspricht. Offiziell gilt gerade das Auslassen solcher Elemente als Relativierung – nämlich der „deutschen Schuld“. Kunkel: Die Lektorin argumentierte genau nach diesem Muster: Sie sah in der Tatsache, daß Deutschland 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte, eine Legitimation für alle Handlungsweisen der Roten Armee. Wörtlich sagte sie mir: „Das waren nicht einfach nur Frauen, das waren die Frauen der Nazis! Das waren die, die im Sportpalast nach dem totalen Krieg geschrien haben.“ Ich fand das unglaublich hohl. Schließlich hat sich der Rowohlt Verlag allerdings von Ihnen getrennt. Kunkel: Ich bedauere das sehr, aber es gab scheinbar keinen Konsens. Es ist traurig, daß die Vergangenheitsbewältigung bei uns so weit geht, daß bestimmte Intellektelle die Verpflichtung fühlen, sich mit Notzuchtverbrechern zu solidarisieren. Während es schon damals auf russischer Seite durchaus auch Offiziere gab, die derartige Übergriffe ahndeten. Wenn es diese gab, warum haben Sie nicht doch solch einen Offizier geschildert? Kunkel: Man kann von keinem Schriftsteller verlangen, die Dramaturgie seiner Geschichte irgendwelchen politisch korrekten Bedenken zu unterwerfen – auch wenn diese durchaus ihre Berechtigung in der Realität haben. Solche Formeln haben in der Kunst nichts zu suchen – „Endstufe“ ist ein Roman, kein Guido-Knopp-Programm. Sie bezeichnen den Einmarsch der Russen in „Endstufe“ zudem als „Rote Flut“. Ihre Kritiker bezichtigten Sie deshalb eines „Nazi-Jargons“. Kunkel: Das Wort paßt in den Kontext. Immerhin wurden allein in Berlin schätzungsweise etwa 130.000 Frauen Opfer einer wütenden Soldateska. Und das ist eine eher zurückhaltende Schätzung. Das hat durchaus etwas Apokalyptisches, eben wie eine Flut. Allerdings geht es in Ihrem Buch gar nicht wie in Jörg Friedrichs „Der Brand“ oder Günter Grass‘ „Im Krebsgang“ um das Leid, das der Zweite Weltkrieg auch nach Deutschland brachte. Warum haben Sie das Thema dann überhaupt aufgegriffen? Kunkel: „Endstufe“ ist ein Simulacrum: Unsere heutige Zeit, besessen von Technologie und Totalität der Lust, spiegelt sich in der amoralisch perfekten Landschaft des III. Reiches wider. Warum sollte man das nicht aufzeigen dürfen? Rowohlt-Chef Alexander Fest sprach von einem „Produkt triebhaften Protoplasmas“. Kunkel: Das hat er schön gesagt, finde ich. Es fiel dem Bildungsbürgertum schon immer leicht, eigensinnige, schöpferische Menschen als „amoralisch“ oder „entartet“ abzustempeln – triebhaftes Protoplasma eben. Was in einem Krieg ungehemmt zur Entfaltung kommt. Tatsächlich ist nicht der Deutsche oder der Russe die Bestie, sondern der Mensch. Was empfinden Sie mit Ihrer vitalistischen Sicht auf die Dinge angesichts einer so artifiziellen Deutung der Geschehnisse als „Befreiung“? Kunkel: Helge Schneider spricht statt von „Befreiern“ lieber von „Be-Freiern“. Das trifft wohl den Punkt. Kein Zweifel, daß der Hitler-Faschismus eine Seuche war, von der Deutschland befreit werden mußte. Aber Geschichte ist nicht nur etwas, was Historiker stoisch aufzeichnen, Zeitgeschichte ist vor allem das persönliche Erleben von Menschen. Und diesbezüglich gibt es bei uns in Deutschland eine merkwürdige Gefühlskälte. Was meinen Sie? Kunkel: Wir pflegen in Deutschland in solchen Fragen eine erhebliche Distanz zur eigenen Empfindungsfähigkeit. Eine echte Trauerarbeit um die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges hat sechzig Jahre nach dem Kriegsende noch immer nicht stattgefunden. Wie könnte sich diese Trauer einstellen? Kunkel: Wenn man in Deutschland endlich bereit wäre, sich den Ereignissen von damals einmal emphatisch zu nähern und nicht nach ideologischen Maßstäben. Immerhin sind sieben Millionen Deutsche im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen, das waren nicht alles nur Hitlers Soldaten. Jetzt muß man nicht gleich wieder losschreien: „Aber zwanzig Millionen Russen!“ Ja, das ist allen bewußt. Und es tut uns sehr leid. Aber es ist doch irgendwie unnatürlich, daß diese Nation ihre sieben Millionen nach 1945 quasi einfach verscharrt hat. Dieses merkwürdige „Einfach-über-Leichen-Gehen“, diese Gefühlskälte gegenüber den eigenen Wunden – könnte es das nicht sein, was für das ewig-miese Image der Deutschen im Ausland verantwortlich ist? Sind das Roboter, diese Deutschen? Wo sind ihre Tränen? Oder zumindest ein Quentchen schwarzer Humor? Die übliche Reaktion auf Forderungen wie die Ihre nach „Normalisierung“ ist der Vorwurf, damit böten Sie nur „den Rechten“ ein Forum und leisteten der Geschichtsklitterung Vorschub. Kunkel: Es ist traurig, aber jeder, der heute eine eigene Meinung hat, macht sich automatisch verdächtig. Es sei denn, er hat eine Lobby im Rücken. Diese Paranoia wird dank der um sich greifenden Political Correctness immer größer, und ihr Grad beschreibt ein spürbares Ausmaß an Restriktion, das sich leider in unserem Land entwickelt hat. Der Sinn allen Schreibens ist es aber, eine eigene Sicht der Dinge zu finden – das erst macht einen Schriftsteller für den einen zum Visionär, für den anderen zum Kotzbrocken. Die merkwürdige Kulturhegemonie in diesem Land fordert dagegen PC-Schriftstellerei und ideologisch reines Kulturplasma – wie es neuerdings wieder an sogenannten Literatur-Instituten hergestellt wird. Allen anderen sitzt der vorauseilende Gehorsam wie die Gedankenpolizei im Nacken. Vordergründig geht es in „Endstufe“ um eine paar SS-Leute, die heimlich Amateur-Sexfilme drehen. Sie sagen, diese Filme habe es tatsächlich gegeben, Ihre Kritiker bestreiten das. Entscheidend aber ist doch allein, wie die offizielle Kritik auf Ihren Umgang mit der von Tabus umhegten NS-Zeit reagiert haben. Kunkel: Es ist doch logisch, daß es solche Filme in einer kasernierten Gesellschaft wie der des Dritten Reiches, mit Millionen Soldaten, SA- und SS-Männern gegeben hat. Ich habe selbst mit vielen Zeitzeugen gesprochen. In Deutschland wird das Dritte Reich jedoch nur von einigen „medial auserkorenen Hohepriestern“ verwaltet. Man möchte das Nazi-Phänomen wie einen Tumor behandeln, den man säuberlich aus der deutschen Geschichte herausseziert, in Formalin einlegt und dann in einem großen Glas ganz oben im Regal, wo kleine Kinder nicht hinkommen, aufbewahrt. Sie haben gesagt: „Wir sind doch in der Schule so genau über die Verbrechen der Nazis aufgeklärt worden, daß ich bald das Gefühl habe, jeden einzelnen Nazi per Handschlag zu kennen.“ Kunkel: Das war natürlich überspitzt formuliert, um zu sagen, daß der Geschichtsunterricht, den ich genossen habe, wohl etwas einseitig war. Geht es wirklich um „Aufarbeitung“? Verständnis? Man möchte doch in Wahrheit immer wieder dasselbe eindimensionale, holzschnittartige Bild über den Nationalsozialismus rekapituliert sehen. Man möchte sich immer wieder über eine völlig fremde, unmenschliche Gesellschaft ereifern, in der alle scheinbar nur ein Ziel hatten, nämlich im Gleichschritt nach Rußland zu marschieren und dort mit Maschinengewehren auf kleine Kinder zu schießen. Eine differenziertere Sichtweise wäre dagegen wesentlich passender. Ist es vielleicht nicht nur das Bild, das wir uns vom Dritten Reich machen, sondern auch das Bild, das wir uns von den Deutschen an sich machen? Kunkel: Es gibt einen Mangel an „anderen“ Bildern. Sehen Sie, im Zusammenhang mit „Endstufe“ meine ich auf ein interessantes Detail gestoßen zu sein. General Schukow ließ beim Einmarsch 1945 in Berlin nicht nur Waffen, sondern auch Fotoapparate requirieren. Heutzutage gehört das übrigens zum Standard-procedure der US-Army: no cameras – no evidence … möglicherweise, damit die Berliner keine Bilder von den Übergriffen der Roten Armee machen konnten. Dieser Bildermangel entrückt uns gleichermaßen wahre Sachverhalte aus dem Gedächtnis. Während wir all die offiziellen Bilder kennen, die dokumentieren, welches Leid andere Nationen erdulden mußten. Ich bedauere das, denn ich glaube, diese privaten Bilder würden aufklären und helfen zu verstehen. Ich glaube nicht, daß sie dazu führen würden, den Haß auf das moderne Rußland zu schüren, denn es sollte doch jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein, daß die Soldaten der Roten Armee damals völlig verhetze Stalinisten waren, so wie die jungen Deutschen eben von der Propaganda-Maschine Goebbels verhetzt waren. Die Russen, die ich kenne, haben keinen Haß mehr auf die Deutschen, obwohl dort die Bilder der Verwüstung durch die Deutsche Wehrmacht durchaus noch immer präsent sind. Bilder von dem, was die Deutschen erlitten haben, würden allen, vor allem aber uns selbst zeigen, was Hitler und der Krieg für die Generation unserer Eltern und Großeltern gebracht hat. Man kann den jungen Deutschen heute nur raten: Zeigt der Welt Euren Schmerz, zeigt, daß Ihr verletzlich seid, zeigt, daß Ihr verwundbar seid und Gefühle habt, so wie alle anderen Europäer. Teilt Euren Schmerz und zeigt auch das Salz in Euren Wunden. Foto: Sowjetische Soldaten belästigen eine Frau in Dresden: „Das waren doch (nur) die Frauen der Nazis!“ Thor Kunkel, „Endstufe“ (Eichborn, 2004) Thor Kunkel , Jahrgang 1963, studierte bildende Kunst in Frankfurt, San Francisco, London und Amsterdam. Der Schriftsteller löste im vergangenen Frühling mit seinem Roman „Endstufe“ eine heftige Debatte aus. weitere Interview-Partner der JF

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