Nachrufe

Ein Patriot Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ – das war das Credo Wolfgang Venohrs und der Titel eines Buches, dessen Autoren er zur Zeit der Nachrüstungsdebatte zusammengeführt hatte, als große Teile des Establishments der Realpolitiker die Teilung Deutschlands für einen Dauerzustand hielten. Seine These war: Die deutsche Einheit kommt entweder durch Vernichtung auf einem atomaren Schlachtfeld oder durch eine politische Lösung – Rückzug der Besatzungsmächte und Selbstbestimmung des deutschen Volkes. Der Einsatz für die zweite Alternative einte uns Autoren. Dazu, daß diese Alternative 1990 Realität wurde, haben viele beigetragen: Die Landsleute in der DDR („Wir sind ein Volk!“), Gorbatschow, Bush der Vater, der Bundeskanzler Kohl, der Außenminister Genscher – und Wolfgang Venohr. Wie einer der Autoren des Buches 1990 einmal sagte: „Wir werden nicht in den Geschichtsbüchern stehen, aber wir haben viel dazu beigetragen.“ „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ wurde auch von Oppositionellen in der DDR gelesen. Für mich war Wolfgang Venohr ein deutscher Patriot par excellence im Sinne der „Kinderhymne“ Brechts: Deutschland – „das liebste mag’s uns scheinen, so wie anderen Völkern ihrs“. Theodor Schweisfurth Prof. Dr. Theodor von Schweisfurth lehrte am Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht sowie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Vorkämpfer Unvergessen und bleibende Erinnerung ist für mich der 1982 auf Initiative von Wolfgang Venohr als Herausgeber erschienene Sammelband „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ (Lübbe Verlag). In einer Zeit, da nur noch wenige daran glaubten, die deutsche Wiedervereinigung könne in absehbarer Zeit erreicht werden, brachte er acht Publizisten, Historiker und Juristen zu einem gemeinsamen Sammelband zusammen, in dem sie sich für die deutsche Einheit einsetzten, ohne die kein dauerhafter Friede in Europa erreichbar sei. So war Wolfgang Venohr ein Vorkämpfer der deutschen Einheit, und als solcher hat er seinen Platz in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wolfgang Seiffert Prof. Dr. Wolfgang Seiffert war Direktor des Instituts für osteuropäisches Recht in Kiel und lehrt heute am Zentrum für deutsches Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Leidenschaft Wirklich kennengelernt als Generationsgenossen habe ich Wolfgang Venohr durch seine beiden Bücher „Erinnerungen an eine Jugend“ (1997) und „Die Abwehrschlacht“ (2002). Bei allen unterschiedlichen Wegen, die wir gegangen waren: Hier erzählte einer das Generationsschicksal so plastisch, fesselnd und unverstellt, wie es der Historie der Nachkommenden nicht möglich ist – ein Mann, der von der Geschichte im allgemeinen und von der Geschichte unserer Zeit so fasziniert war wie man selber, auch ebenso altmodisch, da er an Vaterland und Res Publica leidenschaftlich festhielt, als die meisten – in Politik, Medien und Kultur – nur noch an individuelle „Selbstverwirklichung“ dachten. Über die alte Bundesrepublik gingen unsere Urteile freilich auseinander, er hielt sie lange Zeit für einen „koddrigen Rheinbund“, wie sich der Berliner ausdrückte, ich wollte in ihr vor allem den „Kern- und Treuhandstaat für Gesamtdeutschland“ sehen, die sie dann ja auch wurde, ohne daß indes die Geschichte ihr Schlußurteil schon gesprochen hätte. Nun ist der große Patriot zur Großen Armee abberufen worden. Er wird uns sehr fehlen. Klaus Hornung Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politische Wissenschaft an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Identität Mit Bestürzung vernahm ich die Nachricht vom Ableben unseres Autors und Verbündeten gegen den Zeitgeist, Wolfgang Venohr. Wir hatten die Ehre und Freude, aus seiner Feder vier wichtige Bücher verlegen zu können, beginnend mit dem „Fahnenmarsch – Erinnerungen an eine Jugend“, „Napoleon in Deutschland“, die Wiederauflage seiner Biographien über „Stauffenberg“ und „Friedrich Wilhelm I.“. Mit all diesen Büchern hat Wolfgang Venohr ein Stück Geschichtsbewußtsein und deutsche Identität gefestigt und wird daher auch für spätere Zeiten immer genannt werden als einer der wenigen, die in den Zeiten der Auflösung Mut und Zuversicht gegeben haben. Herbert Fleißner Dr. Herbert Fleissner war Geschäftsführer der Buchverlage Langen Müller Herbig. Respekt Wolfgang Venohr gehörte zu den heute immer rarer werdenden Gestalten, die zwar in der Zeit leben, sich jedoch nicht dem Zeitgeist ergeben. Das spürte jeder, der ihm persönlich begegnete oder seine schriftlichen Zeugnissen beachtete. Da wurde man einer Haltung gewahr, die der griechische Geschichtsschreiber Thukydides in das Bekenntnis gefaßt hat: „Groß ist meine Achtung vor den Menschen, aber noch größer meine Liebe zur Wahrheit.“ Entsprechend stand Wolfgang Venohr in seinen historiographischen Arbeiten für die ganze geschichtliche Wirklichkeit ein und depravierte die Vergangenheit, zumal jene des 20. Jahrhunderts, nicht zu einer Lieferantin von Stoff für wohlfeile Verdikte über die Väter-Generation. Mich tröstet über seinen Tod hinaus die feste Überzeugung: Genauso wie Wolfgang Venohr mit seinem Buchtitel „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ recht hatte, wird ihm die Nachwelt früher oder später auch für sein Beispiel als furchtloser Zeitzeuge und Chronist Dank und Respekt zollen. Alfred Schickel Alfred Schickel ist Gründer und Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI). Orientierung Wolfgang Venohr gehörte zu den inzwischen wenigen deutschen Publizisten, die dank ihrer persönlichen Erfahrungen in bewegter Zeit, eines reichen zeitgeschichtlichen Erfahrungswissens und einer profunden historischen Bildung die Orientierung im Nebel des Zeitgeistes nicht verloren haben, so daß er mit seinen Arbeiten zur preußischen und zur Zeitgeschichte selber zuverlässige Orientierung bieten konnte. Er vermochte in bester wissenschaftlicher Tradition Geschichte so darzustellen, „wie sie eigentlich gewesen ist“, und widersprach damit dem allgemeinen Trend, sie so darzustellen, wie sie nach dem jeweils vorherrschenden Interesse eigentlich gewesen sein müßte. Klaus Motschmann Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politische Wissenschaften an der Hochschule der Künste in Berlin. Widerstand Wolfgang Venohr verstand es, die Geschichte – fern aller wissenschaftlichen Spröde – so darzustellen, daß man verstand: Unsere deutsche Lage ist nicht hoffnungslos. Besonders sein Buch „Napoleon in Deutschland“ läßt erkennen, daß unsere Vorfahren vor 200 Jahren ganz ähnlichen Verhältnissen ausgesetzt waren wie wir heute. Das gibt uns den Mut zum Widerstand. Was damals zum Erfolg geführt hat, kann heute nicht sinnlos sein. Hans-Joachim von Leesen Hans-Joachim von Leesen lebt als freier Publizist in Kiel.

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