Menetekel an der Schultafel

Mehr als 17 Millionen Fernsehzuschauer haben die Übertragung der Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler gesehen, als er am vergangenen Donnerstag die Auflösung des Bundestages und die Festlegung der Neuwahlen auf den 18. September verkündete. Allenfalls Fußballänderspiele wecken ein ähnliches Zuschauerinteresse. Das zeigt die Ahnung im Volk von der Krise, in der wir stecken. Die Schuldenuhr des Staates rast. Verkeilt im Getriebe des Gemeinwesens haben sich Demographie, Migration und Hyperbürokratisierung. Die Hilflosigkeit der politischen Klasse, die den Staat gegen die Wand gefahren hat, wird durch hektische Betriebsamkeit kaschiert. Daß man Haus und Hof durch politische Experimente verzockt und Nachwuchs, Erziehung und Bildung auf den Hund hat kommen lassen, versucht man hinter einer Nebelwand von windigen Ausreden zu verbergen. „Europa“ und „Globalisierung“ sind zwei der Nebelkerzen, mit denen man nationale Handlungsunfähigkeit zu vertuschen versucht. Die Delegierung von Souveränitätsrechten nach Brüssel und das Einreißen der letzten Handelsschranken entlassen die Politiker scheinbar aus der Verantwortung. Merkwürdigerweise nimmt die Bürokratie parallel zur Auflösung staatlicher Kompetenz nicht ab, sondern zu. Heerscharen von Beamten verwalten offenbar das Nichts! Nehmen wir ein Beispiel, wo sich die Verantwortung nicht abschieben läßt: unsere Sprache. Die Verantwortung für die Pflege der deutschen Sprache hat – noch – nicht Brüssel, nicht die Weltbank, nicht die Uno. Die Verantwortung tragen die deutschen Kultusminister. Und sie haben es tatsächlich geschafft, ohne äußeren Zwang die Einheit der Schriftsprache im Rahmen einer dilettantischen „Rechtschreibreform“ zu zertrümmern. An diesem einen Debakel, dieser stümperhaften „Reform“ kann man das gesamte Ausmaß der deutschen Krise ermessen. Wenn etwas Deutschland groß gemacht hat, dann seine Sprache als Kern seiner Kultur. Für ihren Reichtum und ihre Pflege wurden wir von aller Welt bewundert. Soeben haben Bayern und Nordrhein-Westfalen verkündet, die Inkraftsetzung der Reform auszusetzen, während das Ungetüm in den restlichen Bundesländern zum 1. August nun verbindlich wird. Welche Sprache soll ein Auslandsstudent eigentlich lernen? Das Schriftdeutsch, das in Bayern gelehrt wird, oder das aus Niedersachsen? Historiker, die sich mit dem Implodieren großer Kulturen beschäftigen, sind immer wieder überrascht, wie eine entwickelte Gesellschaft sehenden Auges die Erosion seiner Fundamente hinnimmt, obwohl sie noch die Energie hätte, den Untergang abzuwenden. Es ist nicht zu hoch gegriffen, den Pfusch der Rechtschreibreform als Zeichen an der Wand für unser Land zu sehen. Wie wollen wir an die Spitze der Industrienationen zurückkehren, all die anderen notwendigen Reformen bewältigen, wenn dieses Land es nicht einmal schafft, eine der größten Fehlentscheidungen der letzten Jahre zu korrigieren, um die Einheit seiner Sprache zu retten? – Wir werden von erbärmlichen Versagern regiert.

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