„Deutschland ist eine Freude wert“

Herr Bundespräsident, hochverehrte Festversammlung, ich bedanke mich, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ivan Divis, „Gefängnis Pankratz“: „Bei diesem worte überläuft mich sofort Romadur … Das war das erste nämlich, was mir die tante mit butter und brot zu essen gab, als sie uns freigelassen hatten. Ich taumelte und sprang aus den straßenbahnen sie fuhren mir zu langsam. Mutter ging eben in den keller nach kohle, und als sie mich heraufkommen sah, sank sie zusammen. Diese meine lausigen buchstaben! Alle buchstaben sind lausig, nur die musik lebt, mein vater lebt auch, und ich begreife nur nicht, warum wir das nicht immer alle feiern miteinander.“ Der tschechische Dichter Ivan Divis war zwanzigjährig mit einigen seiner Freunde in Prag in die Fänge der Gestapo geraten, und einer der Freunde wurde erdrosselt, ein anderer erstochen. Wenn Divis fragt, warum sie, die dem entkamen, das nicht immer alle feiern miteinander, meint er gewiß nicht Feste feiern, sondern ein gesteigertes Wahrnehmen der eigenen Existenz und der Existenz der anderen, das verbindet, ein unterschwelliges Gefühl elementarer Dankbarkeit und eine dem Leben zuarbeitende, seinen Glanz intensivierende Trauer, was ein Fest, das diesen Glanz ins Bewußtsein hebt, nicht ausschließt. Divis‘ Frase nach dem Feiern ist keine Randfrage. Er ist darüber beunruhigt, wenn nicht entsetzt, daß man weiterlebt, als sei das, was geschehen ist, nicht geschehen. Wir begehen Feiertage. Aber feiern wir? Auch wir Deutschen, meine Damen und Herren, sind dem, dem Divis und die Seinen entkamen, entkommen – jedoch auf der anderen Seite, Schuldige jeden Grades, Unschuldige, Kinder, und das bedeutet, daß wir doppelt und dreifach entkommen sind: dem nationalsozialistischen Regime, dem Verhängnis, noch mehr untilgbare Schuld auf uns zu laden, und noch verheerenderer Vergeltung. Mit uns entkamen all jene, die damals noch nicht geboren waren, denn sie sind bis heute davor bewahrt wor-den, daß sich diese Hölle von neuem auftat, und sie verfügen über das politische Instrumentarium, sich und andere auch künftig davor zu bewahren. Wir begehen Feiertage. Aber feiern wir? Als unsere Familie noch in der DDR lebte, lehnte es das zuständige Volkspolizeikreisamt ab, mir die Einladung für einen Kollegen aus dem sozialistischen Ausland zu beglaubigen, die dieser benötigte, um uns besuchen zu können. Meine Bitte, mir den Grund für die Ablehnung zu nennen, wurde zurückgewiesen: Die getroffene Entscheidung bedürfe keiner Begründung. Ich verlangte den Leiter des Volkspolizeikreisamtes zu sprechen. Der Wortwechsel mit ihm war kurz. Was in diesem Staat wie einzuschätzen sei, sagte der Offizier, bestimme einzig und allein die in ihm herrschende Arbeiter- und Bauern-Macht. Ich hätte bisher geglaubt, Teil dieser Arbeiter- und Bauern-Macht zu sein, entgegnete ich rhetorisch. Er konterte: Auch wer Sie sind, bestimmen nicht Sie, sondern wir. DDR-Seelenalltag, unauslöschlich in der Erinnerung derer, die ihn an sich selbst erfahren haben. Nachdem wir in die Bundesrepublik übergesiedelt waren, kam Anfang der achtziger Jahre mein Vater aus der DDR zu Besuch, und obwohl ihn seine Staublunge und sein schwer in Mitleidenschaft gezogenes Herz – er hatte Jahrzehnte unter Tage gearbeitet – alle paar Schritte innehalten ließen, bestand er darauf, sich nützlich zu machen. Also bat ich ihn eines Tages, zum Briefkasten zu gehen und Briefe einzuwerfen. Nach wenigen Minuten kam er zurück und rief vor dem Haus nach mir. Er war erregt. Ich hab meinen Ausweis vergessen, sagte er und bat mich, ihm aus der Innentasche seines Jacketts den Reisepaß zu bringen. Wozu er ihn brauche, fragte ich. Na, wenn man mal angehalten wird, sagte er. Ich versuchte ihn zu beruhigen: Seit Jahren sei ich in unserem Ort keinem Polizisten begegnet. Man kann nie wissen, antwortete mein Vater. Wohl war er sich bewußt, daß er sich in einer anderen Welt befand als der, aus der er kam, doch sowenig ein Bundesbürger erschrocken wäre, weil er hätte zwischen Wohnung und Briefkasten ohne Ausweis angetroffen werden können, sowenig konnte sich mein Vater vorstellen, daß man nicht überall auf der Welt ständig darauf bedacht sein mußte, kontrolliert zu werden. Mehr als dreißig Jahre DDR hatten Mentalität geprägt. Ich weiß, es gab Drastischeres, Aktenkilometer dokumentieren es, aber in diesem Seelenalltag offenbarte sich das Totalitäre des politischen Systems mit am zynischsten. Als meine Eltern in der DDR schon zu gebrechlich waren, um noch reisen zu können, und es uns untersagt war, sie zu besuchen, wollte ich sie, damit wenigstens sie mich wieder einmal zu Gesicht bekämen, auf ein Interview in der Fernsehsendung „Report“ aufmerksam machen. Am Sendetag, dem 8. März 1988, telegrafierte ich ihnen morgens aus Baden-Baden: 21 Uhr. Herzlichst Reiner. Das Telegramm wurde ihnen am nächsten Tag unmittelbar nach der vormittäglichen Wiederholung von „Report“ zugestellt. Gewiß, es gab auch Gutes. Wo Menschen zusammenleben, gibt es immer auch Gutes, sie könnten sonst nicht leben. Das Schlechte an dem Guten nur war, daß es als Rechtfertigung alles Schlechten diente und noch dient. Außerdem war das Gute nicht in allem gut. In den vielbeschworenen Kindergärten wurde zur Diktatur erzogen. Diese Welt, meine Damen und Herren, ist als Staat aus Deutschland verschwunden, und diejenigen, die diesen Staat letztlich zum Verschwinden brachten, waren Deutsche, die eine gewaltlose demokratische Revolution wagten, eine Revolution gegen eine sozialistische Diktatur, und die dabei ihre persönliche Freiheit und ihr Leben riskierten, denn sie konnten sich weder der Gunst der Stunde noch der entscheidenden Weichenstellung Gorbatschows sicher sein, der nach einer telefonischen Bürgschaft Helmut Kohls die sowjetischen Truppen in den Kasernen ließ. Wir begehen Feiertage. Aber feiern wir? Wahrheiten, die als banal empfunden werden mögen Manche Wahrheiten, die auszusprechen als banal empfunden werden mag, sind die wunderbarsten Wahrheiten, die in diesem Land heute ausgesprochen werden können. Wir leben seit fast fünfzig Jahren im Frieden. Die Mehrheit der Deutschen lebt nahezu ebenso lange in einer rechtsstaatlichen Demokratie, die ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit garantiert, und heute sind alle Deutschen Bürger des einen Deutschlands. Dieses Deutschland ist Heimat der Deutschen und Wahlheimat derer, die auf Dauer zu uns kamen und kommen, vorausgesetzt, sie wählten und wählen als Tor die deutsche Sprache, und für Verfolgte und an Leib und Leben Bedrohte ist es Zuflucht und Herberge. Dieses Deutschland bedeutet für die Länder, an die es grenzt, Frieden, und diese bedeuten Frieden für Deutschland. Die Erreger nationalen Mißtrauens, nationalen Dünkels, nationaler Komplexe und nationalistischer Ideologien werden nie gänzlich auszumerzen sein, sie pflegen sich einzukapseln und bei erstbester Gelegenheit wieder virulent zu werden, doch dürften die pluralistischen Nachkriegs- und Spätnachkriegsdemokratien über die agilsten immunologischen Schutzmechanismen dagegen verfügen. Das Europa der Demokratien läßt hoffen, daß auch unsere Kinder und Enkel im Frieden leben werden und der Terrorismus an übernationale Grenzen stößt. Wir begehen Feiertage. Aber … In dem Gedicht von Ivan Divis heißt es: „… alle feiern miteinander.“ In einer großen deutschen Tageszeitung wurde das Sympathisieren mit eher rechts- denn linksliberalen Kreisen negativ akzentuiert. Nicht, daß die Rede gewesen wäre von rechts und links, man unterschied prononciert zwischen rechtsliberal und linksliberal, also zwischen zwei Geisteshaltungen, die die Mitte des politischen Spektrums bilden und gewissermaßen Tuchfühlung haben, und der subtil ehrenrührige Kontext, in den das Sympathisieren mit rechtsliberalen Kreisen gestellt war, machte den ideologischen Fundamentalismus deutlich, der bereits in der innersten Mitte der Gesellschaft ein Miteinander aller ausschließt: Rechtsliberal ist man nicht nur nicht, mit Rechtsliberalen sympathisiert man auch nicht. Wir fühlten uns erstmals als freie Menschen Ich bin dem Rechts-Links-Denken zutiefst abgeneigt, aber wenn ich mich ihm schon unterwerfen muß, kann ich nur sagen: Ein politisches Gemeinwesen mit Rechtsliberal als linkem Rand wäre ebensowenig eine Demokratie wie ein Gemeinwesen mit Linksliberal als rechtem Rand. Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt schreibt, an der Erhaltung des Lebensstromes wirkten ein konservatives und ein progressives Konstruktionsprinzip, und in dieser Auseinandersetzung dürfe es keinen Sieger geben. Erst wenn wir das begriffen haben und bereit sein werden, diesen Widerstreit auszuhalten und dabei einander zu achten, werden wir in uns eine der Voraussetzungen kultiviert haben, nicht nur Feiertage zu begehen, sondern alle miteinander zu feiern. Was mein Verhältnis zum Land meiner Geburt, meiner Sprache, meines emotionalen und intellektuellen Zuhause, also zu jenem Stück Erdoberfläche betrifft, auf dem ich mich zu orientieren vermag ohne Stern, hatte ich noch nie Schwierigkeiten mit Ausländern, sondern immer nur mit Deutschen. In Rio de Janeiro fuhr uns Mitte der achtziger Jahre ein junger deutscher Germanist zur Universität und fragte uns, ob wir denn in der präfaschistischen Bundesrepublik überhaupt leben könnten. Während der gesamten Fahrt bemühte er sich, uns über das Wesen des deutschen Volkes aufzuklären, und als wir auf dem Campus ausstiegen, hätten wir uns zum einen als Freigänger eines Gefängnisses fühlen müssen, deren Zwangsrückkehr in Kürze bevorstand, und zum anderen hätten wir uns an die Brust schlagen und beteuern müssen, daß wir uns schon immer geschämt haben, Deutsche zu sein. Wir aber fühlten uns nach unserer Übersiedlung aus der DDR erstmals als freie Menschen und kannten in der DDR wie in der Bundesrepublik, in der wir damals schon neun Jahre lebten, eine Anzahl Deutscher immerhin so gut, daß wir überzeugt sein durften, die Gattung Mensch brauche sich ihrer nicht zu schämen. In Tokio, ebenfalls in den Achtzigern, wurde ich aus dem Auditorium heraus gefragt, ob ich meinte, daß Deutschland für immer geteilt bleiben müsse. Ich antwortete mit der Gegenfrage, ob, wenn Japan nach dem Krieg geteilt worden wäre, die Mehrheit der Japaner das von ihrem Land meinen würde. Nicht wenige Menschen in der DDR, sagte ich, sähen in der Wiedervereinigung die einzige Hoffnung, daß, wenn auch nicht sie selbst, so doch ihre Kinder oder Kindeskinder die Grundfreiheiten erlangten, die ihnen zur Zeit verweigert würden. Ein japanischer Kollege, der als Stipendiat in West-Berlin gewesen war, stellte jedoch die Meinung eines anderen deutschen Schriftstellers dagegen, und ich bekam simultan aus dem Japanischen fast wörtlich die Äußerung des damaligen Vorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller der Bundesrepublik und, wie die Rosenholz-Dateien belegen, Mitarbeiters des Staatssicherheitsdienstes der DDR übersetzt, die jener 1982 in Ost-Berlin getan und die mich veranlaßt hatte, aus dem Schriftstellerverband auszutreten: Alles, was auf den Wunsch nach Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates hinauslaufen könnte, sei unzulässig. Ein Glück, daß unsere Freunde in der DDR weit weg waren von Japan, sonst hätten sie sich einmal mehr als abgeschrieben betrachten müssen. Erlauben wir uns ein Gefühl elementarer Dankbarkeit Ich halte es mit Johann Gottfried Herder, der auf die Frage, was „Nation“ sei, antwortet: „Ein großer, ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern sowie Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen, und wenn es eine bloße Meinung von Seelenkräften und Verdiensten gilt, für diese Dulcinea gegen andre Nationen den Speer brechen?“ Und in einem späteren seiner „Briefe zur Beförderung der Humanität“ schreibt Herder, „Vaterländer gegen Vaterländer“ sei „der ärgste Barbarismus der Menschensprache“. Barbarismus aber ist auch, dem eigenen Land und dem eigenen Volk die Liebe zu entziehen. Und wer seinem Volk die Liebe entzieht, kann nicht mit ihm feiern. Keine und keiner meiner slawischen oder jüdischen Kolleginnen und Kollegen, mit denen uns Freundschaften verbinden, die bereits das halbe Leben währen – keine und keiner von ihnen käme auf den Gedanken, von irgendeinem Volk der Welt zu verlangen, daß es auf Knien lebt. Ein Volk, das sich gegenüber anderen Völkern versündigt hat, muß niederknien können, in der Seele und auch sichtbar, wie es Willy Brandt für uns symbolisch getan hat. Dann aber auf Knien zu verharren, würde bedeuten, der menschlichen Augenhöhe verlustig zu gehen und weder weit genug zurück- noch weit genug nach vorn blicken zu können. Aus der DDR schrieb ich einmal meinem Kollegen Jan Skcel in Brünn, ich sei „ziemlich am Boden“. Er antwortete: „Ich mußte unsere Akademie der Wissenschaft (Abteilung Handschriften) ersuchen, mir Deinen Brief zu entziffern … Uns beunruhigt die Bemerkung …, daß Du am Boden bist (war es ‚Boden‘?). Sieh zu, daß du von diesem Boden bald wieder aufstehst. Und uns würde es gar nicht gefallen, wenn Du Dich irgendwo auf einem Boden herumwälzen würdest, wir haben Dich gern schön aufgerichtet.“ Meine Damen und Herren, haben wir den Mut, uns von unseren Freunden ermutigen zu lassen, uns schön aufzurichten und schön aufrecht zu leben! Folgen wir Ivan Divis‘ indirekter Aufforderung, miteinander zu feiern, die eigene Existenz und die Existenz der anderen gesteigert wahrzunehmen und uns ein Gefühl elementarer Dankbarkeit zu erlauben! Dieses Deutschland ist eine Freude wert. Ich danke Ihnen. Reiner Kunze , Schriftsteller und Lyriker, 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren, durfte nach Jahren der kritischen Auseinandersetzung mit dem SED-Regime 1977 in die Bundesrepublik übersiedeln.

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