„Das glücklichste Volk der Welt“

Zu aufgeregt zum Schlafen 9.11., Abends vor dem Fernseher, Pressekonferenz Schabowski. Sie zieht sich hin, alle sitzen etwas schläfrig vor dem Fernseher. Gegen Ende der Pressekonferenz die Äußerungen, die den letzten Anstoß für den Fall der Mauer geben. Auf ein Mal sind wir alle munter, schweigen – schauen uns an. Das Telefon klingelt, Vater – damals Polizist – bekommt einen Einsatzbefehl und weg ist er. Ratlosigkeit und Hoffnung. So langsam kommt die Bedeutung dieser Äußerung: Nach zehn Jahren Wiedersehen mit Eltern bzw. Großeltern, nach 20 Jahren Wiedersehen mit Geschwistern, Onkel und Tanten. Keine Heimlichkeiten mehr, keine geheimen Telefonanrufe von fremden Apparaten mehr, um mit den Großeltern zu sprechen. Das Telefon klingelt, der Vater meldet sich, Reisefreiheit gilt für alle! Wieder Ruhe, einzig der Fernseher läuft. Zu aufgeregt zum Schlafen, zu verwirrt zum Denken, keiner kann es fassen. Immer wieder Zweifel, ob das Wirklichkeit ist. Das Telefon klingt wieder. Die Großeltern aus Stuttgart – Tränen, Freude, Hoffnung. Und dann kommen die Fernsehbilder, die ich niemals im Leben vergessen werde und die mich heute noch zu Tränen rühren. Berlin – die Menschen spazieren einfach an der Mauer vorbei, als hätte es niemals Todesstreifen, Mauertote und SED-Verbrecher gegeben. Heute – die Zustände sind nicht rosig im Vaterlande. Die Sozialisten, ob rot oder braun, marschieren mit dreißig Prozent in den sächsischen Landtag, die SED-Krake sitzt noch immer in allen Teilen der Gesellschaft. Die etablierten Parteien sichern Pfründe und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ist oft nur Makulatur, mißbraucht von Menschen ohne Rückgrat aber dafür glatt geschliffen. Und dennoch, es war das Beste, was jemals von Deutschen vollbracht wurde und mir jeden Tag Vorbild ist, gegen Diktaturen – im großen wie im kleinen – zu kämpfen. Jörg Krause Skepsis und Hoffnung Mitten im Herbsturlaub erreichte mich ein Anruf meiner Mutter: „…schalte das Radio ein, in Berlin ist die Grenze offen.“ In den Reportagen war vom Fall der Mauer noch keine Rede, schon gar nicht von einer möglichen deutschen Wiedervereinigung. War die nicht schon längst aufgegeben worden? An die „Brüder und Schwestern“ drüben dachte kaum noch jemand. Vielleicht mit Ausnahme der Deutschen Burschenschaft, die zum Beispiel am 17. Juni in der Münchner Fußgängerzone Flugblätter zum Thema Deutschland verteilte. Das war schon an der Grenze der Rechtsradikalität oder der Debilität, schließlich hielten führende Sozialdemokraten den Gedanken an eine deutsche Wiedervereinigung für schwachsinnig. Das noch existierende „Kuratorium Unteilbares Deutschland“ umwehte schon so etwas wie der Hauch einer resignierten Exilregierung. Und nun: die Grenzen offen? Wie lange? Kommt die Nationale Volksarmee doch noch zum Einsatz, um die Löcher in der Mauer wieder zu stopfen? Vielleicht reicht es aber zu einer sozialistisch abgespeckten Regierung, die der Bevölkerung etwas mehr Freiheiten gewährt? Das waren so meine Gedanken an jenem heute schon historischen Herbsttag. Vor ein paar Jahren wurde ein Vetter von mir an der Mauer in Berlin-Schönholz erschossen, danach verbrannt, seine Asche verstreut, um alle Spuren zu verwischen. Das DDR-Regime war doch typisch deutsch: autoritätshörig, zum Denunziantentum neigend, feig. Keine Spur von Widerstand wie im religiös geprägten Polen. Trotz meiner skeptischen Gedanken freute ich mich doch über diese unerhoffte Nachricht. Jetzt konnte vielleicht meine Prophezeiung in Erfüllung gehen: „Kommt es jemals noch zu einer Wiedervereinigung, dann kommt diese vom Osten und niemals vom saturierten Westen.“ Peter Muschol Mauer weg, ein Deutschland Schnelle Entwicklung der Dinge in der DDR.“ Dies notierte ich am 10.11.1989 in meinem Tagebuch über die Ereignisse des nächtlichen Mauerfalls. Ich entsinne mich, daß mich die Bilder, die das Fernsehen ausstrahlte, zu Tränen rührten. Meine Verwandten in Sachsen hatte ich seit 1963 nicht mehr besuchen können. Vorher war ich hin und wieder in den Semesterferien nach Leipzig gereist. Dort nahmen im Herbst 1962 zwei vermeintliche Studentenfunktionäre (nach den Unterlagen der Gauck-Behörde: Stasi-Offiziere) Kontakt zu mir auf, da ich „als Quelle für WO (Westdeutschland) vorgesehen“ war. Als ich bei meinem Besuch im Frühjahr 1963 die Zusammenhänge erahnte, reiste ich sofort ab. Nun, nach dem Mauerfall, schien auch für mich ein Verwandtenbesuch wieder möglich zu werden. Noch eine andere Möglichkeit tat sich auf. Ich arbeitete 1989 an einer Biographie über eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Wichtiges Aktenmaterial vermutete ich im Zentralen Staatsarchiv Potsdam, eine Anfrage war aber unbeantwortet geblieben. Im Frühjahr 1990 konnte ich nun mit einer Genehmigung des DDR-Innenministers in Potsdamforschen. Seit meinen Schülertagen hatte ich mich stark für die Wiedervereinigung engagiert. In den Jahren zunehmender Nationsvergessenheit der BRD-Gesellschaft war dies gelegentlich mit Anfeindungen und Benachteiligungen verbunden. Am 11. November 1989 schrieb ich in mein Tagebuch: „Hoffentlich geht die Dynamik (auch die emotionale! ) [der Ereignisse] über alle diese Hemmnisse hinweg. ‚Mauer weg – e i n Deutschland!‘ Wofür wir so lange gearbeitet und auch Nachteile hingenommen haben, davon ist jetzt schon ein wenig Wirklichkeit geworden. Hoffentlich treibt’s nun weiter.“ Fazit: Wir bekamen zwar die Wiedervereinigung, doch die erhoffte nationale Gesundung unseres Volkes trat noch nicht ein. Manfred Müller Euphorie in Nebel und Kälte Die Erinnerung dürfte im kollektiven Gedächtnis tiefe Wurzeln geschlagen haben. Daß sie persönlich ist, nimmt ihr nichts vom Nimbus dessen, was bald als historisch beschrieben wurde. Schon Wochen zuvor waren 400 Flüchtlinge am Bahnhof der Grenzstadt ausgestiegen. Im sonnigen Herbst 1989 waren wir sehr nah dran am Geschehen. Mir scheint, als ob der freudige Ausruf „Wahnsinn“ schon vor dem 9. November bei uns in aller Munde gewesen sei. Als die Meldung verkündet wurde, daß „die Mauer auf“ wäre – viele aus unserer Wohngemeinschaft saßen an diesem dunklen, leuchtenden Abend vor dem Gemeinschaftsfernseher -, war das ungläubige Staunen vielleicht schwächer als an entfernteren Orten des Landes. Ein Bild dieses Donnerstagabends blieb, neben den Geschichtsbuchträchtigen, besonders haften: Egon Krenz hielt eine TV-Rede, deren wohl unfreiwillige Durchlässigkeit leicht ahnbar war: man müsse jetzt „hart arbeiten“. Zwei Tage später kamen die Trabis, mit ihnen 25.000 Besucher in die randvolle Innenstadt. Unvergeßlich die schwebende, euphorische Stimmung an diesem kalten, ein wenig vernebelten, doch sonnigen, schlichtweg vollkommenen Samstagnachmittag. Dem später vielzitierten Satz, daß die Deutschen jetzt das glücklichste Volk der Welt“ seien, konnte nicht widersprochen werden. Ein Ausnahmezustand, der durchaus schön nach Ost-Auto stank, ein seltener Glücksmoment. Frank Piontek

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