Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Pressekonferenz beim Impfgipfel
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Pressekonferenz beim Impfgipfel Foto: picture alliance/dpa/dpa-pool | Michael Kappeler

„Inzidenz von 100 wie 200“
 

Wirbel um Merkel-Äußerung: Regierung will Inzidenz-Formel nicht ändern

BERLIN. Die Bundesregierung hat dementiert, den für Einschränkungen maßgeblichen Inzidenzwert an die Impfquote anzupassen. Entsprechende Spekulationen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einer Pressekonferenz nach dem Impfgipfel am Montag ausgelöst.

Ausschnitte, die seitdem in sozialen Netzwerken kursieren, zeigen, wie Merkel im Zusammenhang mit der „Grundinzidenz“ eine Rechnung aufstellt: Wenn 50 Prozent der Bevölkerung geimpft würden, „dann bedeutet im Grunde eine Inzidenz von 100 in der Gesamtbevölkerung, daß für die nicht Geimpften (…) eine Inzidenz von 200 besteht“. Auch bei einer Impfquote von 50 Prozent bestünde also „immer noch ein erhebliches Risiko für unser Gesundheitssystem“.

Infektionsrisiko steigt für Nicht-Geimpfte bei gleichbleibender Inzidenz

Der Inzidenzwert gibt an, wie viele Personen pro 100.000 Einwohner sich binnen sieben Tagen mit dem Coronavirus infiziert haben. Ist niemand geimpft, besteht bei einer Inzidenz von 100 theoretisch für alle das gleiche Ansteckungsrisiko. Wird derselbe Wert bei einer Bevölkerung gemessen, die zu 50 Prozent geimpft ist, ist das Risiko für Nicht-Geimpfte im Schnitt doppelt so hoch.

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Eine Sprecherin des Bundespresseamts sagte der Bild-Zeitung, es gebe keine Pläne, die Inzidenzwerte anzupassen. Der Wert ist relevant für deutschlandweite Einschränkungen, da bei Erreichen einer Inzidenz von 100 an drei aufeinander folgenden Tagen die sogenannte Bundes-Notbremse ausgelöst wird und in den betreffenden Landkreisen oder Städten härtere Maßnahmen gelten.

Der Epidemiologe und frühere Mitarbeiter der UN-Weltgesundheitsorganisation, Klaus Stöhr, erklärte gegenüber dem Blatt: „Mathematisch ist die Berechnung richtig, für die Seuchenbekämpfung ist sie aber nicht relevant.“ Doch selbst wenn die gemeldete Inzidenz steige, „sinkt das Infektionsrisiko mit der Impfquote“. Würde die Bundesregierung die Inzidenz-Formel anpassen, „würde die Lage verfälschen und das Infektionsrisiko überhöhen“.

Satz auch Eckpunktepapier sorgt für Verunsicherung

Auch ein Satz im Eckpunktepapier des Impfgipfels sorgt für Verunsicherung. „Ziel ist die Aufhebung aller Schutzmaßnahmen, sobald eine Gemeinschaftsimmunität der Bevölkerung erreicht ist“, heißt es darin. Wann eine solche Herdenimmunität eintritt, darüber sind sich Epidemiologen unsicher. Manche sprechen von 50 Prozent durchseuchter Bevölkerung, andere von 90 Prozent.

„Durch die ansteckendere britische Mutante, die inzwischen auch in Deutschland dominiert, ist der Anteil der Immunität, die man fürs Stoppen braucht, gestiegen, die anfangs vermuteten etwa 60 Prozent reichen nicht mehr, vermutlich sind es jetzt 70-80 Prozent“, teilte das Robert-Koch-Institut mit.

Die Bundesregierung hatte zuvor angekündigt, bis zum Sommer solle jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden. Allerdings warnen Beobachter vor konkreten Angaben, da es etwa bei der Impfstoffbeschaffung unvorhersehbare Probleme geben könnte. (ls)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Pressekonferenz beim Impfgipfel Foto: picture alliance/dpa/dpa-pool | Michael Kappeler
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