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Angela Merkel und Peter Tauber
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem neuen Generalsekretär Peter Tauber auf dem Bundesparteitag der CDU: Eine Partei geht in Rente Foto: picture alliance / dpa

CDU
 

Vom Zeitgeist verweht

Jünger, weiblicher und bunter soll die CDU werden, mehr im Internet will sie machen und vielleicht eines Tages den Kanzlerkandidaten per Urwahl bestimmen. Damit will der neue Generalsekretär, Peter Tauber, Überalterung und Verfall der schon lange nicht mehr in der Tradition Konrad Adenauers stehenden, aber immer noch größten politischen Formation in Deutschland stoppen. Was Tauber anrührt, droht jedoch nicht nur zum ethischen Allerlei zu geraten. Der schon wiederholt unternommene Versuch, dem Zeitgeist hinterherzulaufen, dürfte in diesem Fall zum Untergang der CDU führen.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Hatte die CDU 1990 noch 789.609 Mitglieder, so waren es Ende 2012 nur mehr 476.347. Das ist ein Verlust von 39,7 Prozent, und vor diesem Hintergrund ist es auch kein Trost, daß die andere große Volkspartei, die SPD, in diesem Zeitraum 49,4 Prozent ihrer Mitglieder verlor.

Bewährte Strukturen in Deutschland lösen sich auf

Es sind nicht nur die Mitgliederverluste, die der CDU zusetzen. Diejenigen, die in der Partei bleiben, werden immer älter, die Rekrutierungsfähigkeit für den Nachwuchs sinkt dramatisch: So nahm die Mitgliederzahl der Jungen Union seit 1990 von 200.000 auf 120.000 ab. Hinzu tritt eine Vergreisung: Waren 1991 erst 29,7 Prozent der Parteimitglieder über 60 Jahre alt, so sind es jetzt 48,2 Prozent. Damit ist ein CDU-Mitglied im Durchschnitt so alt wie die Parteivorsitzende Angela Merkel: 60 Jahre. Die Lage ist dramatisch: „Es geht darum, daß die CDU als Volkspartei überlebt“, sagt Vorstandsmitglied Mike Möhring, Fraktionschef in Thüringen.

Die Chancen stehen schlecht. Bewährte Strukturen in Deutschland lösen sich auf. Von den Kirchen bis hin zu den Freiwilligen Feuerwehren wird Nachwuchsmangel beklagt. Die Deutschen werden entweder zu Privatiers oder zu desinteressierten Lethargikern, die sich bestenfalls noch vor dem Großbildschirm von Bundesliga oder Weltmeisterschaft begeistern lassen.

Ein altes Rezept, welches sich noch nie bewährte

Taubers Rezept ist nicht neu und hat sich noch nie bewährt. Schon vor zwei Jahren hatte eine Gruppe um den Hamburger CDU-Landesvorsitzenden Marcus Weinberg die Partei dahin bringen wollen, wo sie unter dem früheren Bürgermeister Ole von Beust gewesen war. Der 2010 zurückgetretene von Beust habe bewiesen: „Die CDU kann auch Großstadt“, meint Weinberg.

Der „urbane Masterplan“, der Tauber vorschwebt, ist dem von Weinberg ähnlich und schnell skizziert. Die neuen Wertepräferenzen lauten Gleichberechtigung, Genderismus, Vielfalt, Toleranz, Individualismus, flexible Familienbilder, Migration, multikulturelle Identitäten und gleichgeschlechtliche, mit der Ehe gleichberechtigte Partnerschaften mit Kindesadoption.

Wertegerüst von Energiewende und Homo-Ehe

Der frühere Umweltminister Norbert Röttgen, der mit dem Konzept der modernen Großstadtpartei bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen antrat, hält sogar die ideologischen Kämpfe zwischen Union und Grünen für beendet und sieht einen Konsens bei Atomenergie, Energiewende und Homo-Ehe. Das ist das Wertegerüst, welches das avisierte Bündnis mit den Grünen tragen soll. Schwarz-Grün ist eine Lieblingsvorstellung in der CDU, seitdem der jahrzehntelange Partner FDP in der Versenkung verschwunden ist. Das Problem dabei: Röttgen verlor die Landtagswahl haushoch.

Wahlplakat der CDU (1957): Neues Wertegerüst von Energiewende und Homo-Ehe Foto: Wikimedia/CDU mit CC-Lizenz https://tinyurl.com/3hth25
Wahlplakat der CDU (1957): Neues Wertegerüst von Energiewende und Homo-Ehe Foto: Wikimedia/CDU mit CC-Lizenz https://tinyurl.com/3hth25

Die Medien sind jedoch begeistert: Die „CDU sucht den Sound der City“, freute sich das ehemalige SED-Zentralorgan Neues Deutschland, und die Welt sekundierte „Adieu, alte CDU“. Die Leipziger Volkszeitung lobte Tauber für den „Angriff auf die Adenauer-CDU“. Die Süddeutsche jubelte über eine schon im neuen Geist erstellte Familienstudie der Adenauer-Stiftung, diese breche „mit so ziemlich allem, was konservativen Politikern bisher heilig war“.

Der Erfolg will sich nicht einstellen

Der Erfolg des Wandels, der schon lange vor Taubers Amtsantritt in Gang kam, will sich jedoch nicht einstellen. Im Gegenteil: Die CDU stellt nach der Wahlniederlage in Düsseldorf in keiner der zehn größten Städte Deutschlands mehr den Oberbürgermeister.

Der Publizist Georg Paul Hefty erkannte schon vor mehreren Jahren einen rasenden Verfall traditionsreicher Normen in Großstädten, so daß CDU und CSU keine Chance hätten, ein verbindliches Programm für die dort lebende gesamteuropäisch-diffuse Wählerschaft anzubieten. Die in Großstädten stattfindende „unbegrenzt individuelle Auslegung des Wertekanons“ (Hefty) konnte man zum Beispiel in Stuttgart beobachten, wo der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn den „modern“ daherkommenden CDU-Bewerber locker aus dem Feld schlug. Die moderne Großstadtpartei sind die Grünen, aber nicht die CDU.

Nur 15 Prozent der Wahlberechtigten leben in Großstädten

Die CDU hat noch aus einem zweiten Grund keine Chance, mit einer Ausrichtung auf moderne Großstadtpartei erfolgreich zu sein. Nur 15 Prozent der Wahlberechtigten leben in Städten mit über 400.000 Einwohnern, also in Gebieten, die gemeinhin als richtige Großstadt gelten. Wollten die Christdemokraten hier zu punkten versuchen, müßten sie alle bürgerlichen Positionen konsequent streichen und selbst sonntägliche christlich-konservative Lippenbekenntnisse vermeiden. Neben Merkel wären dann Ursula von der Leyen und der sich offen zu seiner Homosexualität bekennende Jens Spahn die Spitzenrepräsentanten der Partei.

Genau wegen dieser Repräsentanten und der programmatischen Linksausrichtung kommen immer weniger Bürger in die CDU. Im nächsten Schnitt wird sie immer weniger gewählt werden, besonders in den Mittelstädten und auf dem Land, wo 85 Prozent der Deutschen wohnen.

Sechseinhalb Jahrzehnte hat die CDU die Geschicke der Bundesrepublik maßgeblich bestimmt – alle Daten zeigen, daß sie jetzt der Rente entgegensieht. Taubers Jungbrunnen-Projekt wird nicht helfen.

JF 28/14

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem neuen Generalsekretär Peter Tauber auf dem Bundesparteitag der CDU: Eine Partei geht in Rente Foto: picture alliance / dpa
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