Markus Krall Freiheit oder Untergang
Organspendeausweis

Organspendeskandal
 

Auf Leber und Tod

Organspendeausweis
Organspendeausweis: Wo Mißbrauch möglich ist, wird der Sterbende zum menschlichen Ersatzteillager Foto: Wikipedia/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Viele, die in Deutschland auf ein Spenderorgan hoffen, hätten sich sicher gewünscht, daß nach den Skandalen 2012 im neuen Jahr etwas Ruhe in die Organspende-Praxis einkehrt. Dem sollte nicht so sein. Nach München, Göttingen und Regensburg darf sich nun zum Jahresbeginn 2013 auch das Klinikum in Leipzig in die Liste der Transplantationszentren einreihen, in denen es „Unregelmäßigkeiten“ bei der Vergabe von Spenderorganen gegeben hat.

Unregelmäßigkeiten ist ein hübscheres Wort für Betrug, Manipulation, Korruption, vielleicht auch Bestechung. Zwar bemüht man sich derzeit von seiten der Klinik, des Gesundheitsministeriums und auch der Bundesärztekammer, den Fall als gelöst, bedauerlich, aber nicht beispielhaft einzustufen. Wissen tun wir jedoch kaum etwas. Ob Geld geflossen ist? Nicht einmal der medizinische Vorstand am Klinikum Leipzig will das ausschließen. Er könne sich das bei den nun suspendierten Kollegen nicht vorstellen, so Professor Wolfgang Fleig. Nun, bis vor zwei Wochen konnte er sich auch nicht vorstellen, daß die lieben Kollegen Patientendaten manipulieren; sie haben es dennoch getan.

Wo Betrug möglich ist, da findet er auch statt

Letztendlich ist es auch relativ egal, ob ein Arzt allein für die Reputation oder zusätzlich auch gegen Geld manipuliert hat. Die Frage ist doch nicht die des Motivs, sondern wie das möglich war und wie man es in Zukunft verhindern kann. Oder macht es die Sache weniger schlimm, wenn ein Arzt „nur“ für seine persönliche Eitelkeit und eine bessere Plazierung auf der Focus-Ärzteliste manipuliert, anstatt direkt gegen Geld? – Eben.

Wo Betrug, Manipulation und Korruption möglich sind, da finden sie auch statt. Punkt. Ärzte sind nicht bessere Menschen, auch wenn sie gemeinhin immer noch gerne als „Halbgötter in weiß“ bezeichnet werden. Sich hier an einzelnen Ärzten und ihren persönlichen Motiven abzuarbeiten, lenkt leider nur von den grundsätzlichen Fragen und Problemen der Organspende-Praxis ab.

Kontrollmechanismen erwiesen sich als untauglich

Fakt ist, in drei von zehn überprüften Kliniken sind in den vergangenen Jahren Manipulationen aufgedeckt worden. Nun sollen auch die restlichen 47 Transplantationszentren in Deutschland einer Prüfung unterzogen werden. Selbst die Bundesärztekammer rechnet damit, daß es neue Skandale geben wird.Wie deren Präsident Frank Ulrich Montgomery angesichts dieser Prognose zu der Einschätzung kommt: „Die Transplantationsmedizin in Deutschland war wohl noch nie so sicher wie derzeit“, bleibt sein Geheimnis. Tatsache ist nämlich auch: Je mehr untersucht wird, um so mehr kommt ans Licht.

Es ist offensichtlich, daß die bisherigen Kontrollmechanismen, die angeblich so etwas verhindern sollten, sich als untauglich erwiesen haben. Schade, daß bei der Neuregelung des Gesetzes 2012 die Chance auf Besserung vertan wurde. Hat es denn bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in den vergangenen Jahren noch nicht genug Skandale gegeben, als daß man hätte reagieren müssen? Die Vorwürfe reichen von Veruntreuung von Geldern bis dahin, daß vom Vorstand Ärzte gedeckt wurden, die ohne ausreichende Qualifikation Organe in Deutschland entnommen haben.

Den Bock zum Gärtner gemacht

Immer noch hat der deutsche Gesetzgeber keine Kontrollmöglichkeit über die Organisation, die die Organspende in Deutschland regelt. Kontrolle ausüben kann nur der Stiftungsrat der DSO; der ist mit führenden Köpfen der Deutschen Transplantationsgesellschaft besetzt, die selbst ein massives Eigeninteresse an möglichst vielen Spenderorganen hat. Da sitzt der Bock mitten im Garten.

Vergessen wird angesichts dieser Vergabe-Skandale ja auch gerne die Frage, woher die Organe kommen und unter welchen Bedingungen sie entnommen wurden? Wird das auch kontrolliert, oder arbeiten wir uns weiterhin nur an den Formalitäten der Verteilung ab? Nach wie vor findet in Deutschland keine offene Debatte statt über die Frage, wann ein Mensch tatsächlich tot ist. Das Hirntodkriterium wird von der Ärzteschaft wie eine heilige Kuh gehütet, obwohl es in der Wissenschaft ernstzunehmende und ausführliche Auseinandersetzungen zu dieser Frage gibt.

Selbst das Hirntodkritierum wird mißachtet

Selbst der amerikanische Professor Alan Shewmon, der einst das Hirntodkriterium in Harvard mit entwickelt hatte, sagte vor dem Deutschen Ethikrat aus, die Definition von damals sei heute nicht mehr haltbar. Es ist keine Mindermeinung ewiggestriger Traditionalisten und christlicher Fundamentalisten, wenn man darauf hinweist, daß die Transplantationsmedizin ethische Probleme mit sich bringt, die wir lösen müssen.

Längst ist man in anderen Ländern weltweit bereits dazu übergegangen, selbst das Hirntodkriterium nicht mehr ernst zu nehmen, und beginnt bereits nach dem Herzstillstand eines Patienten, Organe zu entnehmen. In den Niederlanden, in Frankreich, in Österreich, in Amerika – überall hat man den Herztod als Zeitpunkt der Organentnahme eingeführt. Nicht, weil man neuerdings medizinisch glaubt, der Mensch sei schon bei Herzstillstand tot. Nein, einfach nur, weil dadurch mehr Organe zu bekommen sind.

Wer jedoch Todeskriterien aus utilitaristischen Erwägungen beliebig je nach Notwendigkeiten hin und her schiebt, öffnet das Tor zu Manipulationen und Geschäften ganz anderer Art und degradiert einen Sterbenden zum menschlichen Ersatzteillager.

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Birgit Kelle ist Journalistin und Vorsitzende des Vereins Frau 2000plus

JF 03/13

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