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„Döner-Morde“
 

Eine mysteriöse Terrorgruppe

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Ceska 83, Kaliber 7,65: Mit einer solchen Pistole wurden die sogenannten „Döner-Morde“ begangen Foto: Wikipedia/Jan Hrdonka (CC-Lizenz) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Der Fall wirft kein gutes Licht auf die deutschen Sicherheitsbehörden. Entweder hatten sie wirklich keine Ahnung, wer für eine der größten Mordserien in der Geschichte der Bundesrepublik sowie ein gutes Dutzend Banküberfälle verantwortlich ist, dann hätten die zuständigen Ermittler wohl auf ganzer Linie versagt. Oder aber sie wußten um die Täter, ließen diese aber – aus welchen Gründen auch immer – unbehelligt agieren, was zweifellos der weitaus größere Skandal wäre. 

Es ist jedenfalls nur schwer zu erklären, wie Uwe Böhnhardt (34) und Uwe Mundlos (38), unterstützt von Beate Z. (36) und seit 2007 offenbar auch durch Holger G. (37) als Mitglieder einer Gruppierung namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) seit 1999 über ganz Deutschland verteilt neun ausländische Kleinunternehmer und eine Polizistin erschießen, einen Rohrbombenanschlag sowie zahlreiche Banküberfälle verüben konnten, ohne daß ihnen die Fahnder auf die Schliche kamen. Und das alles aus dem Untergrund heraus. Denn seit 1998 waren Böhnhardt, Mundlos und Beate Z. abgetaucht.

Die drei gehörten, wie auch der am Sonntag in Hannover festgenommene Holger G., Mitte der neunziger Jahre der rechtsextremen Szene Thüringens an und bewegten sich im Umfeld der „Kameradschaft Jena“ sowie dem „Thüringer Heimatschutz“. Nach einer Razzia im Januar 1998, bei der in einer Garage, die Z. angemietet hatte, unter anderem vier Rohrbomben und etwa 1,4 Kilogramm TNT sichergestellt wurden, entschieden sie sich, unterzutauchen. 

Wie ihnen das trotz Observierung gelang, ist das erste Rätsel in dem Fall. Denn nicht nur die Polizei und das LKA kannten die Gruppe, auch der thüringische Verfassungsschutz war bestens über den „Thüringer Heimatschutz“ informiert. Dessen Kopf, Tino Brandt, stand auf der Gehaltsliste der Verfassungsschützer und wurde unter dem Decknamen „Otto“ als V-Mann geführt. Brandt, der es vor seiner Enttarnung 2001 bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der NPD Thüringen brachte, soll sich laut früheren Weggefährten öfter damit gebrüstet haben, von seinem Kontaktmann beim Verfassungsschutz vor Durchsuchungen oder anderen polizeilichen Maßnahmen gewarnt worden zu sein. Möglich, daß auch das Trio rechtzeitig vor dem Haftbefehl einen Hinweis bekam. 

Seltsamer Selbstmord

Recherchen hierzu gestalten sich schwierig. Die rechtsextreme Szene ist Medien gegenüber mißtrauisch und wenig auskunftsfreudig. Einer, der bis zu ihrem Untertauchen zu den engsten Vertrauten der drei gehörte, schließt eine Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz jedoch kategorisch aus. „Dafür waren die viel zu überzeugt“, sagt er der JUNGEN FREIHEIT. Weiter möchte er sich über seine früheren Kameraden allerdings nicht äußern. Kontakt habe er seit ihrem Verschwinden ohnehin nicht mehr gehabt. „Den hatte keiner von uns. Wir dachten alle, die haben sich ins Ausland abgesetzt und dort eine neue Existenz aufgebaut. Irgendwo weit weg und nicht in Zwickau.“ 

Genau dort aber, weniger als 100 Kilometer entfernt von Jena, soll Beate Z. bereits seit 2001 gewohnt haben – ab 2008 dann zusammen mit Böhnhardt und Mundlos – völlig unauffällig, bis sie laut Bundesanwaltschaft am 4. November die gemeinsame Wohnung in Brand setzte, um dadurch Beweise für die Taten des NSU zu vernichten. 

Einige Stunden zuvor hatten sich ihre beiden Komplizen, Böhnhardt und Mundlos, nach einem Überfall auf eine Sparkasse in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, weil ihr Fahrzeug von der Polizei entdeckt worden war. Nach einem Bericht der Bild-Zeitung starben die beiden durch mehrere Gewehrkugeln – eine eher unübliche Selbstmordmethode. Zudem stellt sich die Frage, wie es ihnen gleichzeitig gelang, noch das Wohnmobil in Brand zu setzen. Ebenso, warum die zwei Männer, die kaltblütig mindestens zehn Menschen ermordet haben sollen, keinen Fluchtversuch unternahmen.

Immerhin fanden sich in ihrem Wohnmobil mehrere Waffen, darunter auch eine Maschinenpistole und eine Handgranate – und die zwei Dienstwaffen der im April 2007 mit einem heimtückischen Kopfschuß in Heilbronn getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter und ihres schwer verletzten Kollegen. Durch den Fund steht für die Ermittler fest, daß Böhnhardt und Mundlos für den Mord an der 22 Jahre alten Beamtin verantwortlich sind. Nur – wenn die beiden keinerlei Skrupel hatten, zwei Polizisten in ihrem Streifenwagen am hellichten Tag in den Kopf zu schießen, warum eröffneten sie dann nicht in Eisenach das Feuer auf den Polizisten, der sich ihrem Wohnmobil näherte? Zu verlieren hatten sie ja offenbar nicht mehr viel.

„Ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte“

Ebenso rätselhaft stellt sich die brutale Serie von Morden an acht türkischen und einem griechischen Kleinunternehmer dar, die Böhnhardt und Mundlos zwischen 2000 und 2006 begangen haben sollen. Die Tatwaffe – eine Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter – fand die Polizei in den Trümmern der von Beate Z. mittels einer Brandbombe zerstörten Zwickauer Wohnung. Dazu mehrere DVDs, auf denen sich die beiden in einer zynischen Version des Rosaroten Panthers mit den zehn Morden sowie einem Nagelbombenattentat in Köln aus dem Jahr 2004 rühmen, bei dem in einem überwiegend von Türken bewohnten Viertel 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. 

Der Nationalsozialistische Untergrund sei „ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte“, heißt es in dem 15minütigen Film. „Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt.“ Die DVD war offenbar als Tatbekenntnis gedacht – vier Jahre nach dem letzten Mord. Zwei Exemplare wurden Anfang November bereits verschickt, unter anderem an die Linkspartei. Gewöhnlich bekennen sich Terroristen zeitnah zu ihren Taten.

Nur warum machte sich Beate Z. dann die Mühe, die Beweise zu zerstören? Warum ließ sie die Tatwaffe, die DVDs und andere belastende Gegenstände nicht einfach verschwinden? Und warum ging sie dann im Anschluß zur Polizei und bot sich den Ermittlern als Kronzeugin an, wenn sie im Gegenzug Strafmilderung erhält? 

Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Fragen im Fall der sogenannten „Döner-Morde“. Die 2008 aufgelöste Sonderkommission „Bosporus“ konnte trotz des Einsatzes von zeitweise 160 Beamten und einer ausgesetzten Belohnung von 300.000 Euro nicht einen einzigen Hinweis auf die Täter ermitteln. 

Plötzliches Ende der brutalen Mordserie

Wie ist es möglich, daß untergetauchte Rechtsextremisten, keine Profikiller, zehn Menschen ermorden, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen? Warum gingen die Ermittler von unterschiedlichen Tatmotiven (Schulden, Streit im Ausländermilieu) aus, obwohl immer die gleiche Tatwaffe verwendet wurde und fast alle Opfer per Kopfschuß hingerichtet wurden? 

Auffällig ist auch, daß die Mordserie so plötzlich endete, wie sie begonnen hatte. Das erste Opfer war im September 2000 der Nürnberger Blumenhändler Enver S. Ihm folgte im Juni 2001 der Änderungsschneider Abdurrahim Ö., ebenfalls in Nürnberg. Im Juni 2001 wurde in Hamburg der Gemüsehändler Süleyman T. erschossen, im August in München der Gemüsehändler Habil K. Dann folgte eine Pause von zweieinhalb Jahren, bis im Februar 2004 der Dönerverkäufer Yunus T. mit drei Kopfschüssen in Rostock ermordet wurde.

Im Juni 2005 traf es in Nürnberg den Besitzer einer Döner-Bude, Ismail Y., zwei Wochen später Theodorus B., Mitinhaber eines Schlüsseldienstes in München. Mit dem am 4. April in Dortmund erschossenen Kioskbesitzer Mehmet K. und dem zwei Tage darauf in Kassel getöteten Inhaber eines Internetcafés Halit Y. endete die Serie abrupt.

Nur warum? Wer so skrupellos ist, wie die Mitglieder des NSU es waren, der hat eigentlich keinen Grund, mit dem Morden aufzuhören. Erst recht nicht, wenn die Fahnder völlig im dunkeln tappen. Eine Antwort auf die Frage, könnte eventuell ein mittlerweile vom Dienst suspendierter Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes liefern. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung saß der Mann während des letzten Mordes an Halit Y. am 6. April in dessen Internetcafé. Während sich fünf weitere Personen, die zum Tatzeitpunkt anwesend waren, anschließend bei der Polizei als Zeugen meldeten, hielt der Verfassungsschutzagent dies offenbar nicht für nötig.

Als die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen aufgrund seiner Log-in-Daten an einem Rechner des Internetcafés auf ihn aufmerksam wurde, gab der Mann an, er habe keine Schüsse gehört. Der Mordfall sei ihm auch später nicht bekanntgeworden, da er in den Tagen nach der Tat keine Nachrichten verfolgt habe. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fanden sich zwar ein von einem Polizeiverlag herausgegebenes Buch über Serienmorde, mehrere Schußwaffen und nach Informationen der JF auch Rauschgift, dennoch stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Beamten ein. 

Um so mehr überrascht ein Bericht der Bild-Zeitung vom Dienstag, wonach sich der Verfassungsschutzmann bei sechs der neun Döner-Morde in der Nähe des jeweiligen Tatorts aufgehalten haben soll. Ein Detail, das der Staatsanwaltschaft Kassel hätte auffallen müssen, als sie die Fahrtenbücher, Tankquittungen und Kreditkartenabrechnungen des Agenten überprüfte. Beim hessischen Verfassungsschutz weist man den Bericht der Bild-Zeitung daher auch zurück. „An der Geschichte ist nichts dran.

Zahlreiche Merkwürdigkeiten

Das ist durch nichts belegt“, sagte ein Sprecher der JF. „Wir fragen uns selbst, woher die Bild diese angeblichen Informationen haben will.“ Dennoch arbeite die Behörde seit vergangenem Freitag intensiv daran, nochmals alle Fakten zu dem Fall zu überprüfen. Von dem Mitarbeiter habe sich das Landesamt bereits im Zuge der Ermittlungen 2006 getrennt. Durch seine Enttarnung sei der Mann für die weitere Arbeit beim Verfassungsschutz „verbrannt“ gewesen und deshalb versetzt worden, so der Sprecher. Auffällig bleibt trotzdem, daß die Mordserie genau in diesem Moment endete. 

Merkwürdig wirkt auch, daß es zunächst hieß, in den Trümmern des Zwickauer Hauses seien „legale illegale Papiere“ gefunden worden, die – wie der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU), gegenüber der Bild erklärte – im Regelfall nur verdeckte Ermittler erhalten, die für einen Nachrichtendienst arbeiten. Drei Tage später dann das Dementi: Die Ausweise seien ganz gewöhnliche Fälschungen. 

Doch auch dies bleibt nicht die letzte Ungereimtheit im Fall des als „braune Terrorzelle“ bezeichneten NSU. In Polizeikreisen wundert man sich derzeit darüber, wie Böhnhardt und Mundlos seit 1999 mindestens 14 Banken überfallen konnten, davon alleine sieben in Chemnitz, ohne gefaßt zu werden. „Das ist selbst für Profis eine ungewöhnliche Bilanz und erst recht für untergetauchte Rechtsextremisten“, meint ein Beamter gegenüber dieser Zeitung. Auch dem Bund Deutscher Kriminalbeamter erscheint manches an der Geschichte merkwürdig.

Dessen Bundesvorsitzender André Schulz wundert sich beispielsweise darüber, „wie schnell sich die Bundesanwaltschaft nach der Explosion des Hauses in Zwickau und dem Auffinden der Leichen der beiden Täter zur Gruppierung der Täter festgelegt hat und wie schnell über zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnissen über die Täter präsentiert werden konnten“. Er sei daher sehr auf die kommenden Ermittlungen gespannt, so Schulz, speziell zur Rolle des Verfassungsschutzes.

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> „Döner-Killer“: Bereits 2010 feierte die rechtsextreme Band „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“ die Döner-Morde in perfider Weise. In dem Lied „Döner-Killer“ heißt es:  „Neunmal hat er es jetzt schon getan. Die Soko Bosporus, sie schlägt Alarm. (…) Am Dönerstand herrscht Angst und Schrecken, kommt er vorbei müssen sie verrecken. (…) Wer stillt seinen Hunger und wann geht er wieder jagen? Wann taucht er wieder auf, kein Fahnder kann es sagen. (…) An allen Kebabs herrscht Angst und Schrecken, der Döner bleibt im Halse stecken. Denn er kommt gerne spontan zu Besuch, am Dönerstand, denn neun sind nicht genug.“

> Affären des Verfassungsschutzes: Juni 1974: Im Berliner Grunewald wird ein Linksterrorist und V-Mann des Verfassungsschutzes (VS) hingerichtet. Die Tatwaffe verschwindet für 15 Jahre in einem VS-Tresor, Gerichte werden belogen, ein Verteidiger ausspioniert.

Juli 1978: Der niedersächsische Verfassungsschutz will einen Informanten in die RAF einschleusen, täuscht einen Anschlag auf die Haftanstalt Celle vor, fälscht „Beweise“, manipuliert die Öffentlichkeit.

September 1980: Bei dem Sprengstoffanschlag eines rechtsradikalen angeblichen Einzeltäters auf das Münchner Oktoberfest sterben 13 Menschen. Einer der Hauptzeugen soll ein VS-Spitzel gewesen sein. Welche Rolle der Verfassungsschutz überhaupt im Vorfeld dieses Anschlages spielte, ist bis heute ungeklärt.

Mai 1993: Bei einem Brandanschlag auf ein Wohnhaus in Solingen sterben fünf Türkinnen. Einige  Täter sollen zuvor in der Sportschule eines VS-Spitzels trainiert haben.

Neunziger Jahre: Der brandenburgische Verfassungsschutz führt einen wegen Mordversuchs verurteilten Rechtsextremisten jahrelang als V-Mann – ebenso wie den Vertriebschef  der NS-Band „White Aryan Rebels“. 

März 2003: Das Bundesverfassungsgericht lehnt die Fortsetzung eines Verbotsverfahrens gegen die NPD ab, weil Bundes- und Landesvorstände mit V-Leuten des Verfassungsschutzes durchsetzt sind.

JF 48/11

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