Wilhelm II.: 150. Geburtstag entfacht neue Debatte

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Kaiser Wilhelm II. (1859 bis 1941) Foto: Wikipedia
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„Seinen Kaisern und Helden. Das Geheime Deutschland“: Kranz von Unbekannten für Wilhelm II. Foto: JF

BERLIN. Anläßlich des hundertfünfzigsten Geburtstags von Wilhelm II. ist die Debatte über die Bewertung des letzten deutschen Kaisers neu entbrannt.

Nachdem Wilhelm II. in der Öffentlichkeit jahrzehntelang einseitig als Kriegstreiber und Antisemit mit einem Hang zur Kostümierung dargestellt wurde, zeichnen verschiedene Historiker nun ein ganz anderes Bild des Kaisers.

Der Cambridge-Professor Christopher Clark beispielsweise macht in seiner nun auf deutsch erschienenen Biographie deutlich, daß vieles an dem heutigen „dämonischen Bild“ des Kaisers auf britische Propaganda aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zurückzuführen ist.

„Demokrat auf dem Thron“

Zwar sei Wilhelm II. von einem starken Willen zur Macht angetrieben worden, dennoch habe er viele seiner Entscheidungen nicht im Alleingang getroffen, sondern sei beeinflußt durch eine Vielzahl anderer politischer Entscheidungsträger. Der Kaiser sei mitnichten eine zu verdammende Person, die die alleinige Schuld auf sich geladen habe, sondern müsse auch als Produkt seiner Zeit gesehen werden.

Während Clark eine zwischen den Lagern der Kaiserverehrer und der Monarchiefeinde ausgleichende und differenzierende Position einnimmt, macht der Historiker Eberhard Straub in seinem aktuellen Werk über Wilhelm II. aus seiner Sympathie für den Hohenzollern kein Geheimnis.

Seiner Ansicht nach habe es in Deutschland niemals zuvor, aber auch später nicht mehr eine Epoche von solch umfassender Freiheit gegeben wie unter der Ägide von Wilhelm II. Für ihn ist der Monarch vor allem ein Modernisierer. Straub geht sogar soweit, vom „Demokraten auf dem Thron“ zu sprechen.

<---newpage---> Clark räumt mit Vorurteilen auf

Und auch mit einem weiteren Vorurteil räumen Clark und Straub auf: dem des radikalen Antisemiten. Vielmehr habe sich Wilhelm II. 1938 zur Zielscheibe nationalsozialistischer Angriffe gemacht, als er nach der Reichskristallnacht äußerte, er schäme sich, Deutscher zu sein.

Einer, der an dem Zerrbild des antisemitischen Kaisers maßgeblich beteiligt ist, ist der britische Historiker und Wilhelm-II.-Experte John Röhl, der jüngst den dritten und abschließenden Band seiner Biographie des letzten deutschen Kaisers veröffentlichte.

Röhl ist der Auffassung, Wilhelm II. sei ein von Herrschsucht gekennzeichneter Militarist gewesen, der in seinem realitätsfernen Größenwahn geradezu zum Krieg drängte. Röhl, der als Kenner der Akten- und Dokumentenlage gilt, bekräftigt mit seinen Aussagen die These vom „Weg in den Abgrund“ unter Wilhelm II., wofür er erwartungsgemäß vor allem von seiten der deutschen Feuilletons Beifall bekommt.

Holocaust-Gedenktag statt Kaiser-Geburtstag

Ähnliches mag sich auch der bislang nicht unbedingt als Wilhelm-II.-Experte in Erscheinung getretene Historiker Wolfgang Wippermann erhoffen, der sich heute im Deutschlandfunk gegen ein Gedenken anläßlich des 150. Geburtstags von Wilhelm II. aussprach.

Der 27. Januar sei der Holocaust-Gedenktag, und an diesem solle man sich auf „das Negative in der Geschichte, auf die Katastrophe, auf den Holocaust“ konzentrieren. Zudem sei Wilhelm II. für ihn keine zu würdigende Persönlichkeit. Vielmehr stehe er „historisch zwischen Bismarck und Hitler, und damit haben wir eine negative Kontinuität in der deutschen Geschichte“.

Unabhängig von Wippermanns Auffassung gedachten Unbekannte heute nacht in Berlin am Kronprinzenpalais, dem Geburtsort Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers mit einen Kranz. Dieser trug die Aufschrift „seinen Kaisern und Helden. Das geheime Deutschland“.

<---newpage---> Das „Geheime Deutschland“ wachrütteln

Der Satz ist eine Anspielung auf den Kreis der Männer um den Dichter Stefan George, zu denen auch die Gebrüder Stauffenberg gehörten. Einige der George-Anhänger hatten 1924 einen Kranz mit der gleichen Aufschrift zum Gedenken an den Staufer-Kaiser Friedrich II. an dessen Sarkophag in Palermo niedergelegt.

Die Unbekannten, die heute nacht an Wilhelm II. erinnerten, wollen mit ihrer Aktion nach eigenen Angaben das „Geheime Deutschland“ aus seinem Schlaf rütteln. Das Geheime Deutschland lebe. Es schlafe nur größtenteils und müsse erwachen, heißt es in einem Schreiben an die JUNGE FREIHEIT.

„Als wache Streiter des Heiligen Deutschlands sehen wir es auch als unsere Pflicht an, den großen, noch schlafenden Teil desselben zu wecken, ehe es zu spät ist.“ Nur das wache, wahre und wirkliche Deutschland, so die Initiatoren, könne eine Zukunft bieten

Zahlreiche Informationen, Rezensionen und Dokumente über Wilhelm II. finden sich auch im Internet.

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