Runder Tisch gegen Messerstecher und Schläger

Während der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sich im Wolkenkuckuksheim seines eigenen Berlin-Bildes einrichtet, demzufolge die Hauptstadt „arm, aber sexy“ sei, geht es in den Niederungen des öffentlichen Nahverkehrs, wenn dieser nicht gerade bestreikt wird, immer häufiger um Leben und Tod.

In den vergangenen Wochen ist es zu besonders brutalen Übergriffen auf Mitarbeiter und Fahrgäste der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gekommen. Ende Februar etwa wurde ein Busfahrer der Linie M 28 von einem Passagier bewußtlos geprügelt. Der 55 Jahre alte Fahrer hatte das Fahrzeug gerade noch rechtzeitig bremsen können, bevor er ohnmächtig wurde. Der unbekannte Schläger entkam.

Der Hergang der Tat illustriert dabei die Verrohung des öffentlichen Lebens: Der Täter hatte den Busfahrer während der Fahrt gefragt, warum keine Haltestellen aufgerufen werden. Als der Fahrer antwortete, daß die Elektronik defekt sei, hatte der Fahrgast unvermittelt zugeschlagen. Andere Businsassen konnten den Täter nicht halten.

Ständig zunehmender Gewaltexess

Am 1. März dann schlug der 16 Jahre alte Kurtulus M. in der U-Bahn der Linie 9 einen anderen Fahrgast bewußtlos. Gleichentags griffen Selcuk B. und Mehmet S. einen Busfahrer auf der Linie M 29 an, der Mann wurde mit einem Messerstich niedergestreckt. Es sind dies nur drei Taten eines ständig zunehmenden Gewaltexzesses.

In der Mitte März veröffentlichten Kriminalstatistik zum Berliner Nahverkehr hat denn auch die Zahl der Körperverletzungen leicht zugenommen, insgesamt wurden hier 4.759 Taten gezählt. Besonders betroffen sind gerade jene Verkehrslinien, die jüngst in den Polizeiberichten auftauchten: Neben der U-Bahn der Linie 7 betrifft dies die Buslinien M 29, M 41, M 48 und 247.

Nicht zufällig führen die drei erstgenannten in den „multikulturell“ geprägten Bezirk Neukölln, wo der Ausländeranteil (2004) knapp 29 Prozent ausmachte. Denn wie Polizeiberichte und zunehmend zum Einsatz kommende Überwachungskameras belegen, sind die Großzahl der Täter nicht-deutscher Herkunft oder besitzen – um es politisch neutraler zu formulieren – einen „Migrationshintergrund“. Freilich sind die meisten von ihnen bereits hier zur Welt gekommen; nur eben zur Sprache, so scheint es angesichts der nonverbalen Reflexe, noch nicht.

S-Bahn baut weiter Personal ab

Um der Verunsicherung von Fahrgästen und BVG-Personal entgegenzuwirken, tagte Mitte März erstmals ein Runder Tisch, an dem unter anderem Polizeipräsident Dieter Glietsch, Sozialsenatorin Heidi-Knake Werner (Linkspartei) und Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) teilnahmen.

Die Ergebnisse sind dabei so hilflos wie teuer. Zunächst sollen über Gelder des „öffentlich geförderten Beschäftigungssektors“ 500 Stellen für Verkehrsbegleiter finanziert werden. Bereits jetzt wird aber schon eine Aufstockung der Zahl auf 2.000 in Aussicht gestellt. Angeblich soll das Service-Personal dazu beitragen, daß sich die Fahrgäste wieder sicherer fühlen. In Wirklichkeit aber ist es eine teuer erkaufte Illusion, denn im Notfall sollen die Begleiter nicht eingreifen.

Ein weiterer Vorschlag zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls sieht vor, daß Polizisten und Justizbeamte auf dem Weg zur Arbeit ihre Uniformen tragen sollen. Weiter wird überlegt, deutlicher als bislang auf die Videoüberwachung in Bussen und Bahnen hinzuweisen. Auch eine technische Variante wird in Betracht gezogen: eine Fahrerkabine für Busfahrer. Ende April will der Runde Tisch wieder zusammenkommen und die bis dahin gemachten Erfahrungen auswerten.

Gewerkschaft der Polizein warnt vor blindem Aktionismus

Für Thomas Wiener, den Betriebsratsvorsitzenden des BVG-Tochterunternehmens Berlin Transport, ist dies nicht ausreichend. Er fordert, in Bussen auf Strecken mit besonders vielen Gewalttaten  auch Polizisten einzusetzen. Derweil betrachtet die Gewerkschaft der Polizei die Pläne der BVG als „blinden Aktionismus“. Die Berliner S-Bahn GmbH setzt unterdessen – ungeachtet der in jüngster Zeit gehäuften Gewalttaten – den Personalabbau auf den Bahnhöfen fort.

Was da noch bleibt, ist die Auskunft von  Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. In der ARD-Sendung „Hart, aber fair“ erklärte sie angesichts der zunehmenden Gewaltexzesse im Nahverkehr allen Ernstes, man solle bei Gefahr einfach den Waggon wechseln – und wohl demonstrieren: Zivilcourage à la Zypries.

Als hätte es noch einen Beweises bedurft, ereignete sich am Ostermontag ein weiterer Übergriff: Als ein BVG-Fahrer der Linie M 45 einen Fahrgast wegen ungültiger Fahrkarte aufforderte, den Bus zu verlassen, ergriff der Mann die Krawatte des Fahrers und versetzte diesem einen Kopfstoß, der zu einer Jochbeinprellung führte. Auch diesmal entkam der Täter.

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