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„Er war ein deutscher Held“

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Philipp von Boeselager (1917 bis 2008)

BERLIN. Der am 1. Mai verstorbene Widerstandskämpfer Philipp von Boeselager war der JUNGEN  FREIHEIT eng verbunden und hat ihr mehrere Interviews gegeben, zuletzt im vergangenen Jahr zum 100. Geburtstag Stauffenbergs. Zudem hat für den im vergangenen Jahr erschienenen JF-Sammelband „Helden der Nation“ das Geleitwort geschrieben.

An dieser Stelle dokumentieren wird das letzte Gespräch, das Boeselager mit der JUNGEN FREIHEIT geführt hat.

Freiherr von Boeselager, Sie sind während des Krieges in Berlin Oberst Graf Stauffenberg persönlich begegnet. Was war Ihr Eindruck von ihm?

Boeselager: Leider war unsere Begegnung nur kurz. Ich wußte aber damals schon: „Das ist unser Attentäter!“ Und war erschrocken, als ich ihn sah: Denn der Mann war so schwer verstümmelt, daß er einem kaum die Hand geben konnte! Stauffenberg hat bekanntlich 1943 an der Front ein Auge, eine Hand und zwei Finger der anderen Hand verloren. Nun sollte er also mit drei Fingern Hitler töten? Unerhört! Ein Attentat auf Hitler erforderte schon so enormen Mut, aber welche Entschlossenheit mußte diesen Mann beseelen, daß er sogar unter solchen Voraussetzungen zu handeln bereit war!

Welche Entschlossenheit beseelte ihn?

Boeselager: Er war erfüllt von echter Vaterlandsliebe. Es ging ihm darum, den Krieg zu beenden und die Ehre Deutschlands wiederherzustellen. Er hat sein Gewissen über seine Interessen gestellt. Bedenken Sie, Stauffenberg hätte als Kriegsversehrter den Krieg in Berlin halbwegs bequem überleben können, aber er hat sich ohne eigene Not entschieden, für sein Land alles aufs Spiel zu setzen. Dabei war ihm klar, daß er persönlich nur verlieren konnte: Scheiterte er, wäre sein Leben verwirkt, hätte er Erfolg, würden die Deutschen ihn als dolchstoßenden Verräter verfluchen.

Was war er also für ein Mensch?

Boeselager:
Wenn er den Raum betrat, spürte man dies unmittelbar, Stauffenberg hatte Präsenz. Er war ein Ausbund von Stärke, Schneid und soldatischer Klarheit im Denken und Handeln. 1930 schloß er die Offiziersprüfung der Reichswehr gar als Jahrgangsbester ab!

Dabei war dieser hervorragende Soldat – ich würde sagen, weniger der soldatische, als vielmehr der kavalleristische Typ – von charmanter Beschwingtheit, Jugendlichkeit und gewinnender Zuversicht, gebildet und mit großem Interesse für Literatur. Ganz der gewandte Offizier, wie ihn vor allem die Reiterei hervorbringt, bei der er in den zwanziger Jahren im traditionsreichen Bamberger Reiterregiment 17 aufwuchs.

„Stauffenberg tat alles für unser Vaterland“

War Stauffenberg ein Held?

Boeselager: Was ist ein Held? Ich würde sagen, ein Held ist jemand, der ohne Rücksicht auf sich selbst für andere etwas tut. Stauffenberg tat, ohne an sich zu denken, alles für unser Vaterland. Ja, er war ein Held, ein deutscher Held.

Deutschlands letzter Held?

Boeselager: Nein, das würde ich nicht sagen, auch heute gibt es Menschen, die sich nicht schonen, um sich für andere einzusetzen.

Haben Sie je das Gefühl gehabt, daß Stauffenberg den Blick auf Henning von Tresckow und die übrigen Männer des 20. Juli 1944 verdeckt hat?

Boeselager: Nein. Stauffenberg und Tresckow waren die überragenden Figuren des 20. Juli, die zu Recht Bewunderung und Verehrung genießen.

Nun soll der US-Schauspieler Tom Cruise Stauffenberg in einer Hollywood-Verfilmung des 20. Juli spielen.

Boeselager: Ich finde, wenn ein so bekannter Schauspieler unseren Stauffenberg spielt, dann ist das doch großartig! Denn dadurch würde der 20. Juli nicht nur bei uns populärer, sondern er würde vor allem in Amerika wohl überhaupt erst einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Voraussetzung ist natürlich, daß Cruise diese Rolle nicht in Zusammenhang bringt mit seiner sehr zweifelhaften Scientology-Mitgliedschaft.

Der letzte deutsche Stauffenberg-Kinofilm wurde vor sage und schreibe 52 Jahren gedreht.

Boeselager: Vor über einem halben Jahrhundert! Das ist schon unglaublich! Seitdem ist keinem deutschen Kinoregisseur zu Stauffenberg mehr etwas eingefallen!In diesem Jahr – am 15. November – würde Graf Stauffenberg einhundert Jahre alt werden.

Ruft das in Ihnen Erinnerungen wach?

Boeselager: Ja, mir ist wieder so vieles gegenwärtig und ich schlafe nicht recht gut.

Warum?

Boeselager: Ich liege dann wach und denke, was sie wohl zu all dem heute sagen würden? Wie würden sie die Fragen unserer Zeit beantworten? Was würden sie anders machen, wenn sie Erfolg gehabt hätten und heute „dran“ wären? Sie waren eben meine Kameraden und sie fehlen mir so oft.

Was würden sie denn anders machen?

Boeselager: Sie wären wohl erschreckt darüber, wie materialistisch eingestellt wir heute sind. So waren sie nicht. Damals ging es darum, dem Vaterland zu dienen, nicht wie heute, an ihm zu verdienen. Das ist eine Haltung, die sie nicht kannten, sonst hätten sie nicht so gehandelt, wie sie gehandelt haben. Mit dem Geist von heute hätte es wohl keinen 20. Juli 1944 gegeben.

Philipp Freiherr von Boeselager, (1917 bis 2008), plante 1943 als Offizier der Wehrmacht gemeinsam mit seinem Bruder, dem später zum Soldatenmythos gewordenen Reiterführer Georg von Boeselager, Hitler zu erschießen, besorgte dann die Bombe, mit der Graf Stauffenberg den Diktator zu töten versuchte, und organisierte schließlich, erneut zusammen mit seinem Bruder, den Marsch des Reiterverbandes „Boeselager“ auf Berlin, wo die Einheit am 20. Juli die SS in der Reichshauptstadt ausschalten sollte.

 © JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  30/07 20. Juli 2007

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