Wie jeder Vertraute Silvio Berlusconis lebte sein Sohn Pier Silvio stets in dessen Schatten. Der „Cavaliere“, so des Vaters Spitzname, mochte keine Konkurrenz; wer zu viel Charisma oder Ambitionen zeigte und so seine Führung in Frage stellte, wurde schnell marginalisiert. Nach dem Tod des Seniors 2023 fanden sich seine Partei Forza Italia sowie seine zahlreichen Unternehmen ohne starke Führung wieder und wurden von seinen zwei ältesten Kindern übernommen: Marina und Pier Silvio.
Beide zurückhaltend, aber gewöhnt, sich geschickt in den politischen, medialen und finanziellen Machtkreisen Italiens sowie der ganzen Welt zu bewegen. Während Marina, Jahrgang 1966, bis heute stille Zurückhaltung wahrt, hat Pier Silvio Berlusconi nun begonnen, sich öffentlich zu politischen Themen zu äußern: Was in Italien die Frage aufwirft, ob er nicht vielleicht den Boden für seinen künftigen Einstieg in die Politik bereitet.
Macht der Berlusconi-Familie beruht auf Medienimperium
Eines ist sicher: der Einfluß des 56jährigen auf die italienische Politik ist riesig. Das liegt nicht nur an der wirtschaftlichen Stärke seiner Unternehmen und seiner Kontrolle der Forza Italia, die in der Regierung sitzt. Die Macht der Berlusconi-Familie beruht vor allem auf dem 1978 gegründeten Medienimperium Mediaset, zu dem einige der größten nationalen Fernsehsender gehören. Diese bieten der italienischen Rechten eine Bühne, die es ihnen ermöglicht, ein breites Publikum zu erreichen und so die Blockade der meist links dominierten Medien zu umgehen. Wer Mediaset kontrolliert, hat die Schlüssel zum Erfolg (oder Mißerfolg) der italienischen Rechten.
Pier Silvio wurde 1969 in Mailand als Sproß Berlusconis erster Ehe geboren. Einen Teil der Kindheit verbrachte er in Spanien, wohin sich die Familie wegen des Risikos einer Entführung durch die Mafia zurückzog. Zurück in der Heimat brach er sein Philosophiestudium ab, um den Platz seines Vaters in einigen Unternehmen zu übernehmen, da sich dieser ganz der Politik widmete.
Heute ist Pier Silvio Aktionär von Fininvest, der Familienholding, die über Jahrzehnte eine Vielzahl von Banken, Verlagen, Zeitungen und Fußballvereinen kontrollierte (und zum Teil immer noch kontrolliert). Vor allem aber ist er Chef von Mediaset sowie der 2021 aus dieser heraus gegründeten MediaForEurope (MFE), dem zweitgrößten privaten Fernsehunternehmen Europas, über das die Familie ihre Medienaktivitäten im Ausland ausweitet – und derzeit versucht, die deutsche ProSiebenSat.1-Gruppe zu übernehmen.
Ist Berlusconi Mann der Rechten?
Das Charisma seines Vaters hat Pier Silvio nicht. Er gilt nicht als volksnah, sondern als typisches Mitglied einer reichen Elite. Verheiratet mit Silvia Toffanin, Model und TV-Moderatorin bei Mediaset, lebt er in einem Schloß bei Portofino, einem der exklusivsten Orte des Landes an der ligurischen Küste. Gleichwohl hat sein Wort großes politisches Gewicht. Als sich im Juli Ex-EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, heute Außenminister und Forza-Italia-Chef, für die einfachere Einbürgerung minderjähriger Einwanderer aussprach, genügte ein Halbsatz Pier Silvios, damit er seine Linie änderte.
Doch zeigt Pier Silvio Berlusconi keine klare Weltanschauung oder politische Werte. Tatsächlich gilt er nicht als Mann der Rechten, sondern als jemand, den primär seine Unternehmen interessieren. Sollte er sich also in den kommenden Jahren für die Politik entscheiden, wäre er eine für alle unbekannte Größe.