Markus Krall Freiheit oder Untergang

Libanon
 

In Nord-Bekaa liegen die Nerven blank

BODNYAEL. „Du wirst denken, in einem anderen Land zu sein“, hatte Joseph R., pensionierter Professor für Nahoststudien, gewarnt. Nur wenige Kilometer jenseits der Bergkuppen des Libanongebirges endet das homogene Territorium der christlichen Maroniten. Die sich anschließende, acht bis zwölf Kilometer dünne Hochebene von Bekaa erstreckt sich für etwa 120 Kilometer zwischen Libanonbergen und Anti-Libanon. Vor allem ihr nördlicher Ausläufer ist aufgrund der schiitisch-muslimischen Bevölkerungsmehrheit fest in den Händen der Hisbollah.

Obwohl laut mohammedanischer Lehre verboten, stört sich die „Partei Allahs“ nicht daran, daß abseits der Städte Baalbek und Sahleh zahlreiche Marihuana-Felder gedeihen. Da gemäß islamischer Vorstellung keine Gleichwertigkeit des Lebens von Mohammedanern und Ungläubigen besteht, bleibt es dem Moslem gestattet, „die Ausländer“ mit Drogen zu versorgen, und der Ummah im Gegenzug zu mehr Macht zu verhelfen.

Gegen Feinde von außen halten die Schiiten fest zusammen

Es ist mein Glück, die nur sporadisch befahrene Landstraße ins Tal in der Lastwagenkabine zweier hilfsbereiter schiitischer Spediteure bereisen zu können. Sie verweisen auf die mit alten Flinten bewaffneten Männer entlang des Weges: „Mafia!“ Fremde Fahrzeughalter müssten löhnen – und ein Ausländer könne schnell mal gegen Lösegeld verschleppt werden, sagen die beiden Männer um die 30.

Sie lächeln, bezeichnen mich als ihren Freund. Daß anschließend trotzdem meine Sonnenbrille aus der Außentasche des Rucksacks verschwunden ist, steht für sich. Das vom Propheten verkündete Prinzip der Taqqiya, der religiös erlaubten Verstellung von Muslimen, gilt bei den Schiiten aufgrund ihrer erlittenen Verfolgung durch die Brüder der sunnitischen Mehrheit als besonders ausgeprägt.  

Mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht erhalte ich von jungen Männern mehrfach Angebote: „Steig in unser Auto. Wir laden Dich in unser Haus ein.“ Geheuer ist die Sache nie. Im Raum Tamnin/Bodnayel endet der Besuch eines Schawarma-Geschäfts damit, sich unter freiwilligem Zwang doch in ein fremdes Fahrzeug platzieren zu müssen. Sollte das eine Entführung sein, wäre ich das dümmste Opfer aller Zeiten.

Doch was bringt es, in einer Gegend um Beistand zu rufen, wo ganz offenkundig alle zusammenhalten? Wenige Kilometer weiter, vor einer typisch vergoldeten Schiiten-Moschee, findet ein spontaner Austausch statt. Hassan, ein 27jähriger Hisbollah-Mann, nimmt mich an sich. In einem großen Geländewagen fahren wir zu einem Anwesen der Familie.

Gemeinsam mit drei weiteren Männern wird mein 90-Liter-Rucksack bis auf den letzten Krümel inspiziert. Die Angst vor Feinden ist allgegenwärtig. Vom oberen Stockwerk schauen die Frauen diskret zu. Alle grienen sie, als die Sache gelaufen ist. Erst jetzt geht es zur Polizei, die hier ohnehin keine Macht hat – und anrät, Nord-Bekaa so schnell wie möglich zu verlassen.

Ein Anschein von Moderne

Auf den ersten Blick wirkt alles so normal: Menschen flanieren, die Geschäfte sind gut ausgestattet. Schüsse hört man nur in der Nacht – von Ferne. Es handele sich um Probleme zwischen Familien oder auch um die Ausläufer des Syrien-Kriegs: Sunnitische Al Nusra gegen schiitische Hisbollah.

Daß trotz angespannter Sicherheitslage gut die Hälfte der jungen Frauen ohne Kopftuch, meist dazu adrett gekleidet, allein unterwegs ist, verdanken sie wohl vor allem dem Schutz der eng verflochtenen Gesellschaft. Wo das Regelwerk des Islam weniger zur Geltung kommt, übernehmen die archaischen Strukturen der Klans diese Aufgabe: Wer sich einem ihrer weiblichen Angehörigen nähert, muß mit Rache rechnen.

„Das ist nicht wie Deutschland“, meint Hassans Vetter Mohammed kühl, der selbst acht Jahre in Deutschland gelebt hat. Seine damalige deutsche Frau habe ihm zwar „mit die Papiere geholfen“, aber ansonsten einen „dicken Kopf“ gehabt. Seiner muslimischen Mannespflicht folgend, habe ihn die Polizei alsbald aus der Wohnung entfernt. Zu Details schweigt er. Das ist nicht unüblich. Zumal bei den Schiiten (derzeit) der Wille vorherrscht, keine Konflikte mit Christen einzugehen.

Diszipliniert und organisiert

Sie könnten sogar wie die Juden ins Paradies eingehen, meint Scheich Mohsen Solaiman, schiitischer Geistlicher in Bodnayel – „wenn sie an einen Gott glauben“. Der geachtete Familienvater, der seinem deutschen Besucher sichtlich nicht über den Weg traut, hat eine vielsagende Formulierung gefunden. Immerhin behauptet die islamische Theologie, Juden und Christen würden mehrere Götter verehren. Doch Missionsavancen, wie unter den Sunniten üblich, sind überhaupt nicht anzutreffen.

Mit dem Umm al-Kitab, jenem himmlischen Buch, das angeblich alle Lebensereignisse des Menschen beinhalte, hat sich der Prediger nicht beschäftigt. Stattdessen räumt er dem freien Willen einen viel höheren Stellenwert ein als es die schicksalsergebenen Sunniten tun.

Nicht von ungefähr erscheint es deshalb, daß die Schiiten im Orient diszipliniert und organisiert auftreten – und sich vom Chaos unter den sunnitischen Konfessionsbrüdern abheben. Iran als spirituelles Zentrum war den hiesigen Schiiten stets gemein. Doch angesichts der sunnitischen Rebellion im Nachbarland Syrien sind sogar die politischen Konkurrenten Hisbollah und Amal dicht zusammengerückt. Gemischte Beflaggungen und Bildaushänge in den Straßen zeugen davon. Gemeinsam kämpft man an der Seite des Schiiten-nahen Alawiten Baschar al-Assad. „Moslem ist Moslem“, meint der Scheich, „und Schiit, wer besonders lieb ist“. Oder sei mir etwa in Nord-Bekaa irgendetwas Schlimmes zugestoßen? Meine Hisbollah-nahen Kontaktleute warnen mich mit strafenden Blicken, irgendetwas von der Verschleppung am frühen Nachmittag zu berichten.

Die Geiselnahme kam unerwartet

Hassan hatte es gestattet, 100 Meter von seinem Kuhstall entfernt, ein Foto des meterhohen Bildnisses Ajatollah Khomeinis zu machen, welches die passierenden Fahrzeuge der Bekaa-Hauptroute bezaubert. Ein bulliger Mann stoppte sein klappriges Gefährt und machte auf Arabisch bemüht freundlich klar, daß es ein Problem gebe.

Für seine Ehefrau und die beiden Kinder erschien es offenbar normal, daß der Vater und ein Kumpel aus einem nahen Kebab-Laden einem wildfremden Ausländer plötzlich zwei schwarze Plastiktüten über den Kopf stülpten, die Hände mit Plastikband am Rücken fesselten und ihn anschließend in den Kofferraum bugsierten.

Eine halbe Stunde sollte ich das aushalten. Dann zwangen mich die angeschwollenen Hände zur Bewegung. Wie durch ein Wunder konnte ich die Fesseln lösen, und die Plastikfassende über dem Gesicht einreißen. Luft! Ich entdeckte, dass Heck- und Insassenbereich nur durch Sitzpolster getrennt waren. Hätte mich der Entführer in dieser Situation nicht entdeckt, wäre der Mut, sich zur Wehr zu setzen, wohl nicht sofort präsent gewesen.

Ich stemmte mich gegen den Faustgriff des muskulösen Peinigers, und zwang ihn zum Anhalten. Durch die geöffneten Fenster schrie ich um Hilfe. Halb draußen, wurde ich in das Auto zurückgezogen – Nicki und Hose rissen. Eine breite Menge umringte uns. Statt zu helfen, schauten die Männer desinteressiert drein. Einer hielt mir gar einen Revolver vors Gesicht. Ein anderer raunte „Lügner“ auf den Hinweis, ich sei deutscher Staatsbürger.

Es war mein Glück, daß ein Anzugträger mit englischen Sprachkenntnissen sich geistesgegenwärtig zeigte. Wir wurden zur nahe gelegenen Moschee dirigiert. Es folgte ein halbstündiges Palaver, und ich durfte von dannen ziehen. Der Entführer auch – 62 Dollar ließ er aus meinem Rucksack mitgehen. Meine Retter stellten sich als Hisbollah-Offizielle vor. Ein wenig unangenehm schien ihnen die Sache zu sein – doch zu einer Entschuldigung reichte es nicht.

Der Staat funktioniert nicht

Zurück bei Hassan, warnte er mich vor: Die Polizei würde nicht helfen. Genauso sollte es auch kommen. „Das ist Bekaa – es kann jemand mein Auto klauen und mich anrufen, ich solle 1.000 Dollar zahlen – die Polizei wird mir sagen, ’mach das doch’“, so der Hisbollah-Mann, der bekennt, seine Gruppierung habe eben andere Sorgen als die öffentliche Sicherheit aufrecht zu erhalten. Israel zum Beispiel. Doch das aktuelle Problem ist nun der deutsche Gast. Er habe es gewagt, die Verhältnisse bloßzustellen. Ich soll verschwinden. „Pass auf, Billy“, sagt Hassan. „Ich habe gar nichts gegen Dich. Aber unsere Gesellschaft.“    

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