Markus Krall Freiheit oder Untergang
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Naher Osten
 

„Im Libanon ist alles Mist“

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Jennifer: „Du mußt lügen, um zu überleben“
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JF-Reporter Billy Six unterwegs in Beirut Fotos. Billy Six

BEIRUT. Der Empfang am Flughafen der libanesischen Hauptstadt Beirut ist gewöhnungsbedürftig. Die Grenzbeamten durchforsten deutsche Nachrichtenmagazine aus dem Gepäck nach Frauenfotos. Dabei gehören unverschleierte Mädchen im Zedernstaat zum selbstverständlichen Straßenbild. Ebenso wie die Anwesenheit des Militärs: Schützenpanzer und Pritschenwage der Infanterie kurven die Schnellstraßen entlang. „Das war schon immer so“, sagt ein Oberkommandierender.

Die Soldaten winken freudig, als ich mit meinem Rucksack die Autobahn entlangwandere. Ob Fußgänger oder überdrehte Raser: Im Libanon werden Verkehrsregeln locker gehandhabt. Daß überhaupt ein Ausländer ihr Land erkunden will, erfreut eine Gruppe Männer im Halbschatten eines Baumes so sehr, daß sie mir eine Sonnenbrille als Gastgeschenk auf die Nase setzen.

Immerhin gilt eine Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes seit der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien nach inoffiziellen Angaben über eine Million Flüchtlinge angeschwemmt hat (zuvor etwa 4,2 Millionen Einwohner) – und dazu den konfessionellen Konflikt zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen neu anheizt.

Ehrlichkeit hat keinen Stellenwert

Es ist nötig, genau hinzuschauen, um die sich verschärfenden Probleme zu erkennen. Das Bühnenstück eines weltoffenen und modernen Beiruts wird bisweilen fortgesetzt. Gemeinsam mit Ayad, einem Christen, und Mohammed, einem Schiiten, sitze ich die ganze Nacht vor einem Park in der Innenstadt.

Ihre Aufgabe ist es, die verschlossenen Eingänge zu bewachen. Daß sie als einziges Tandem des hiesigen Sicherheitspersonals nicht vor Dienstschluß nach Hause gingen, sei einer speziellen Kameradschaft der beiden zu verdanken: Abwechselnd würden sie sich im Dienstgebäude ab und an mit eingeladenen Freundinnen sexuell vergnügen – während der jeweils andere die Tür bewache.

„In dieser Gesellschaft mußt du lügen, um zu überleben“

Daß sie ihren eigenen Schwestern ein solches Verhalten nicht zubilligen, darüber sind sich Ayad und Mohammed einig. Doch immerhin gebe es mittlerweile erschwingliche medizinische Behandlungen, die es ermöglichten, die Jungfräulichkeit wiederherzustellen. „In dieser Gesellschaft mußt du lügen, um zu überleben“, sagt die 24jährige Jennifer, eine Angestellte aus Beirut. Ihr Großvater habe nach Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland verlassen und in eine Familie arabischer Christen eingeheiratet. Auch Jennifer wird sich demnächst binden – aus Angst vor Einsamkeit und ihrem Bedürfnis nach einem Beschützer.

Glücklich sei sie nicht, gibt sie offen zu – auch wenn es unter den Christen mit der Partnersuche freier abliefe als bei den Moslems. Doch was Machogehabe und Ehrgefühl anbelange, da seien alle arabischen Männer gleich. Daß sie mich mit dem Wagen mit nach Dbaiyeh in Nord-Beirut mitnimmt, solle der Verlobte am besten gar nicht erfahren. Neben der auf Notbesetzung reduzierten US-Botschaft steige ich aus – und hoffe, am Folgetag eine der Anti-Obama-Demos miterleben zu können. Der Ärger läßt nicht lange auf sich warten: Sofort hält ein Fahrzeug der Armee und kontrolliert unsere Papiere.

Jennifer und ich werden zur nahe gelegenen Einsatzzentrale dirigiert. Ihr Bräutigam erscheint wenig später – den Vater und einen weiteren männlichen Verwandten im Schlepptau. Sonderlich sympathisch wirken ihre Blicke nicht. Ein junger Militär versucht die Lage zu beruhigen und setzt durch, daß das Mädchen gehen darf.

Im anschließenden Zweierverhör bekennt er: „Seit meiner Militärausbildung in den USA bin ich mir sicher, daß unsere Leute nicht ganz richtig im Kopf sind. Keiner hier versteht, warum jemand aus Interesse und Abenteuerlust durch die Welt tourt, Fotos macht und Fragen stellt. Vom Reifegrad des Westens sind wir weit entfernt.“

Ab in den Keller der Staatssicherheit

In perfektem Englisch bittet der Offizier um Nachsicht: Die Regeln würden es so vorsehen, er müsse im aktuellen Fall wegen Terrorverdachts ermitteln. Ich solle mir jedoch keine Sorgen machen. „Der Geheimdienst und die Armee sind die einzigen, die den Libanon überhaupt noch am Leben halten.“

Zwei bewaffnete Fahrzeuge der Armee fahren mich zu einem Gebäude der Staatssicherheit. Hier erwartet man umfassend Auskunft zu meiner Person. Das Gepäck wird mehrfach bis ins Detail überprüft – und alle Wertsachen bis auf den letzten Cent akribisch protokolliert. Auf den freien Oberkörpern der mit Kalaschnikows bewaffneten Agenten sind christliche Kreuze eintätowiert.

Etwa zwei Stunden später geht die Fahrt weiter – zu einem geheimen Ort. Augenbinde und Handschellen seien reine Routine, beruhigen meine Begleiter. Ein Arzt bestätigt nach einer Schnelluntersuchung schriftlich, daß ich gesund sei – wohl eine Präventionsmaßnahme gegen erfundene Foltervorwürfe. Nachdem der eiserne Riegel zugeschoben ist, verbringe ich die Nacht in einer zwei Mal zwei Meter großen Zelle. Die große Militär-Luftmatratze ist gemütlich.

Libanons Geheimdienst eher dezent

Am nächsten Morgen setzt sich das Geschehen fort: Rechner und Digitalfotos werden inspiziert, Fragen gestellt und Protokolle geschrieben. Wie ein gescholtener Schuljunge warte ich dann über Stunden auf einer Bank. Immerhin habe ich freie Sicht – die Mitgefangenen stehen mit umhülltem Gesicht und gedrungenen Oberkörper in der Gegend herum. Warum, das werde ich schon bald in den Straßengesprächen erfahren: „Wenn ich einen Agenten sehe, der mich gedemütigt hat, werde ich ihn töten“, so einige großmäulige Männer. Prügel scheint es nicht zu geben.

Als ich freiwillig zum Schlafen in den Kerker zurückgehe, findet der unfreiwillige Ausflug sein abruptes Ende: Es ergeht der Befehl, die zerwühlten Sachen sofort zu greifen und zu verschwinden. „Es gibt keinen normalen Menschen, der nachts mit seinem Rucksack an der amerikanischen Botschaft vorbeiläuft“, so der Chef. Er warnt: „Laß Dich dort nicht nochmal blicken – sonst sehen wir uns gleich wieder.“ Von draußen schaue ich auf ein Gebäude, das wie ein Wohnhaus aussieht. Angesichts der massiven Militärpräsenz läßt sich erahnen, wer in den Nachbaranwesen noch seinen Sitz haben könnte.

Wer über den Geheimdienst spricht, macht sich verdächtig

„Sage nicht Muchabarat (Geheimdienst) auf der Straße“, rät mir eine Gruppe junger Sunniten. Damit mache ein Passant sich sofort verdächtig. Und die Regierung des Libanon, im übrigen seit fast sechs Monaten nur noch kommissarisch im Amt, sei „schlimmer als eine Mafia, weil es nicht mal eine Gegenleistung für ihre Abzocke gibt“.

Der 33jährige Taxifahrer Mohammed beklagt zunehmenden Drogenkonsum und Schlägereien innerhalb seiner sunnitischen Volksgruppe. Sein Fazit: „Im Libanon ist alles Mist.“ Gerne würde er zurück nach Deutschland. Für die Abschiebung vor zehn Jahren macht er seine Cousine verantwortlich, die er im Alter von 14 Jahren islamisch korrekt geheiratet habe. Daß das Standesamt die Ehe nicht anerkannt hat, sei eine der wenigen Dinge, die er als Moslem an der Bundesrepublik kritisieren müsse.   

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