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Syrisches Kriegstagebuch
 

Syrische Luftwaffe bombardiert Zivilisten

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Zerstörungen in der Innenstadt
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Angriffe der syrischen Luftwaffe auf Kaff-Rambel
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Abtransport der Leichen Fotos (3): Billy Six

KAFF-RAMBEL. Es hätte ein so schöner Tag werden können: Blauer Himmel. Angenehmer Sonnenschein. Es ging um ein wenig Abwechslung vom Kriegsalltag in Nordsyrien. Eine Fahrt mit dem Motorrad in die Olivenhaine: Familien-Ausflug. Erntezeit. Doch dann wird die obligatorische Mittagspause jäh unterbrochen: Das penetrante Geräusch eines tief fliegenden Kampfjets durchbricht die Stille. Einen Kilometer jenseits des Stadtrands von Kaff-Rambel bietet sich ein perfekter Blick auf das schaurige Schauspiel: Der Flieger, ob Mig oder Suchoi bleibt unklar, zieht seinen Kreis über das bewohnte Gebiet, um sich sodann wie ein Greifvogel auf die Kleinstadt zu stürzen. Die Explosion ist gewaltig. Die Frauen unter den machtlosen Zuschauern schreien. Das Kampfflugzeug hat mittlerweile seine zweite Runde gedreht, und feuert erneut auf die Innenstadt. Die nächste Dreckwolke dehnt sich in den Himmel.

Die Flaniermeile wurde zu einem Ort des Grauens

„Komm, laß uns gucken, was los ist“, ruft Hassan, der junge kräftige Sohn mit Turban. Durch die Serpentinenstraßen des Olivenwalds geht es zurück in einen Ort, der sich nun in Aufruhr befindet. Drei Ziele im Zentrum sind getroffen worden. In der Hauptverkehrsstraße liegen verkohlte Leichen. Autos und Motorräder wurden wie durch einen Tsunami zur Seite geschleudert. Rauch und Staub liegen in der Luft. Es stinkt nach verbranntem Fleisch. Helfer bemühen sich, die verstörten Verletzten in die Krankenhäuser zu bringen. Doch kaum ein Auto traut sich noch hierher. Immer wieder ertönen Rufe: „Tejara, tejara“, Flieger, Flieger. Alle Menschen gehen in Deckung, als dann wirklich dumpfe Knalle zu hören sind. Doch es sind nur Mörser in der Ferne. Das Aufräumen geht weiter. Tatsächlich kommt ein Transportwagen. Die letzten drei, in Decken gewickelten Toten nimmt er mit. Eine Registrierung in den Krankenhäusern findet nur noch bedingt statt. Es geht direkt zum Gräberfeld.

So wurden im „Akrah“-Krankenhaus nur acht Opfer in das Leichenbuch eingeschrieben. Während ein amputiertes Bein durch die Gänge gereicht wird, ist zu erfahren, daß 20 Verletzte in der Notaufnahme behandelt werden. In der Khatib-Klinik sind es 14 Patienten, im Rowdah-Lazarett sechs. Ein älterer Mann hat heute sein Geschäft verloren – aber sein Leben in letzter Minute durch die Flucht in einen Keller retten können. Er berichtet: „Ich habe 16 Tote auf der Straße gesehen. Aber ich bin mir sicher, daß Verwandte in den Minuten zuvor die Körper ihrer Angehörigen schon weggefahren haben.“ Klinik-Chef Dr. Mohamed Khatib teilt mit, daß nach seinem Kenntnisstand 22 Menschen den Tod gefunden hätten. „Al Dschasira“ berichtet von 23 Opfern. Verwirrung herrscht über acht weitere Verstorbene, die angeblich sofort nach Khan Safrah in die Sawijah-Berge gebracht worden seien.

Immer mehr Familien fliehen in die Türkei. Nicht ohne Grund: Am späten Nachmittag kehrt der Kampfflieger zurück und deckt das Stadtgebiet mit Maschinensalven ab. Elf Einschläge schwerer Mörsergeschosse folgen. Und doch: Es sind keine Stimmen zu vernehmen, die sagen, man müsse um des Friedens willen gegenüber der Assad-Regierung kapitulieren. Aktivist Ahmed Dschalal: „Unsere Situation ist schlecht. Aber sie ist besser, als das, was wir vorher hatten. Es gibt kein Zurück.“ Die Einwohner von Kaff-Rambel glauben nicht, daß es sich bei den Luftschlägen um eine Militärstrategie handele. Es ginge, so heißt es, um eine Bestrafung für die Teilnahme an der Revolution.

Hochzeits-Traum endete im Feuersturm

Eine Strafe, die heute ausschließlich unbewaffnete Passanten getroffen hat. Den Zahnarzt Muammar Quannatri zum Beispiel: Mit seinem silbernen Hyundai Accent sei er nur mal schnell zum Einkaufen gefahren. Sein ausgebranntes Fahrzeug steht noch Stunden später am Explosionsort. Von hier ist Quannatri schwer verletzt geborgen worden. Die Berufskollegen im Rouwdah-Krankenhaus versuchten noch, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Vergeblich. Auch das Leben der 21jährigen Studentin Katja al-Hassan ist durch die Bomben ausgelöscht worden. Gemeinsam mit ihrer Mutter und der Schwiegermutter in spe habe sie im Goldladen den obligatorischen Hochzeitsschmuck aussuchen wollen. Als der Fluglärm zu hören war, seien alle drei Frauen, so die Einwohner, auf die Straße gerannt – und verbrannt. Doch es gab ohnehin keine Chance: Nachfragen bestätigen, daß auch der Juwelier, Ibrahim al-Salloum, tot ist.

„Assads Bomben sind dumm“, so Dr. Mohamed Khatib. „Seine Piloten wissen gar nicht, was sie treffen.“ Der Mediziner, der acht Jahre lang in Frankreich gearbeitet hat, ist sich sicher: „Die Armee will die Moscheen angreifen. Assad ist Alawit. Er haßt die Religion.“ Für die Zukunft seines Landes sieht der Inhaber eines Privatkrankenhauses schwarz: „Wenn die Revolutionäre keine Raketen bekommen, um die Flugzeuge abzuschießen, ist es schwierig, diesen Krieg zu beenden.“ 

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