Öffentliches Ärgernis statt Beschützer

Im Mai 1945 begann Amerika den Blick gen Osten zu richten – auf die japanische Insel Okinawa, wo die blutigste Schlacht im Pazifik-Krieg ausgetragen wurde. 12.000 Angehörige der US-Armee und des Marine Corps fielen dort innerhalb von 82 Tagen – doppelt so viele Tote wie seit 2001 in Afghanistan und dem Irak zusammen. Wenige Wochen später vernichteten US-Atombomben Hiroshima und Nagasaki. Drei Wochen später nahm General Douglas MacArthur auf dem Kriegsschiff „Missouri“ die japanische Kapitulation entgegen. Das ist jetzt 65 Jahre her.

Dennoch ist das Marine Corps noch immer auf Okinawa stationiert. Nachdem die Anwohner sich seit langem über die dadurch bedingte Lärm- und Umweltbelastung und die vergleichsweise hohe Kriminalitätsrate beschwert hatten, versprach die japanische Regierung den USA 26 Milliarden US-Dollar als Gegenleistung für die Räumung des Stützpunkts Futenma im Süden der Insel. 8.000 der verbleibenden Soldaten sollten auf die Pazifikinsel Guam verlegt werden, der Rest ins abgeschiedene Nago an der Nordspitze von Okinawa. Voriges Jahr verloren jedoch die Liberaldemokraten (LDP), die das Abkommen 2006 ausgehandelt hatten, die Regierungsmacht (JF 37/09). Zu den Wahlversprechen der siegreichen Demokraten (DPJ) zählte unter anderem, künftig ein außenpolitisches Gleichgewicht zwischen Washington und Peking zu wahren. Premier Yukio Hatoyama äußerte Bedenken gegen das Futenma-Abkommen und stellte eine Entscheidung bis spätestens Mai 2010 in Aussicht.

Kürzlich ist in Nago ein erklärter Gegner des US-Stützpunkts zum neuen Bürgermeister gewählt worden, und in Tokio protestierten Tausende gegen die Verlegung des Stützpunkts nach Nago. Einige forderten den kompletten Abzug aller US-Streitkräfte aus Japan. Nach 65 Jahren wollen sie die Amerikaner endlich nach Hause schicken. Hatoyama setzte ein entsprechendes Zeichen, indem er den japanischen Einsatz beim Auftanken von US-Schiffen für den Afghanistan-Krieg nach acht Jahren beendete.

Warum sollten die Amerikaner aber bleiben, wo sie nicht erwünscht sind? Wenn Tokio keinen Stützpunkt auf Okinawa will, wenn die Japaner das Marine Corps als öffentliches Ärgernis statt als Beschützer wahrnehmen – warum holt man die Soldaten nicht in die Heimat zurück? Wieso verteidigen wir Japan überhaupt noch? Schließlich ist aus dem zerstörten Land von 1945 längst die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft und ein Spitzenreiter des technologischen Fortschritts geworden.

Die Bedrohung durch den sowjetisch-chinesischen Block aus den Zeiten des Kalten Kriegs besteht seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Sowjetunion ist 1991 auseinandergebrochen, während China heute zu Japans wichtigsten Handelspartnern zählt. Weder Rußland noch Indien, die beide lange Grenzen mit China haben, sind auf militärische Hilfe angewiesen, um sich gegen das Reich der Mitte zu verteidigen. Und sollte es doch zu einer Konfrontation zwischen China und Japan um die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer kommen – warum sollten sich die USA darin einmischen?

Die Erwiderung auf diese Fragen lautet zumeist: Die in Japan stationierten US-Truppen dienen der Verteidigung Südkoreas und Taiwans. Dabei hat Südkorea doppelt so viele Einwohner wie Nordkorea, eine 40fache Wirtschaftsstärke, Zugang zur höchstentwickelten Waffentechnologie aus dem US-Arsenal sowie die amerikanische Zusicherung, es im Fall eines zweiten Koreakriegs bei der Verteidigung zur Luft und zur See zu unterstützen. Sollte es tatsächlich soweit kommen – warum sollten die 28.000 in Korea stationierten US-Soldaten oder ihre Kameraden aus Okinawa ihr Leben aufs Spiel setzen? Hat Südkorea etwa nicht genügend eigene Soldaten? Auch in Seoul fanden bereits anti-amerikanische Demonstrationen statt, die einen vollständigen Truppenabzug fordern.

Woran liegt es, daß wir Amerikaner anscheinend ein stärkeres Verlangen danach haben, andere Länder zu verteidigen, als deren Bevölkerungen danach, sich von uns verteidigen zu lassen? Fällt es uns so schwer, von der Welt Abschied zu nehmen, in der wir aufgewachsen sind? Beispiel Taiwan: Bei seiner historischen Peking-Reise 1972 erkannte Richard Nixon die Zugehörigkeit der Insel zu China an. Jimmy Carter bekräftigte die alleinige Zuständigkeit der Pekinger Regierung. Unter Ronald Reagan verpflichteten sich die USA, ihre Waffenverkäufe an Taiwan zurückzufahren. Trotzdem gab die Obama-Regierung den Verkauf von Waffen im Wert von 6,4 Milliarden US-Dollar an Taiwan bekannt – eine Insel, die die USA offiziell als Provinz Chinas betrachten. Peking, dessen heutige Macht ein Nebenprodukt des riesigen US-Handelsdefizits ist, zeigt sich verständlicherweise erzürnt darüber, daß die USA eine Provinz bewaffnen, die man selber unbedingt zum Mutterland zurückholen will.

Muß wirklich um jeden Preis verhindert werden, daß Taiwan eine ähnliche Beziehung zu Peking pflegt, wie die Briten es im Fall ihrer ehemaligen Kronkolonie Hongkong zugelassen haben? Taiwan selber ist dabei, seine Handels-, Finanz- und touristischen Beziehungen zum chinesischen Festland auszubauen. Ist es also nicht an der Zeit, die Nabelschnur zu trennen, die Taipeh an die USA bindet? Mit Ausnahme der Sowjet­union haben nur wenige Staaten einen so drastischen Rückgang ihres Einflusses erlebt wie die USA im vergangenen Jahrzehnt. Wir sind in zwei Kriege verstrickt, überall in der Welt unbeliebt und verzeichnen Etatdefizite in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, während unsere Gesamtschulden bald hundert Prozent des BIP betragen.

Ein strategischer Rückzug aus Eur­a­sien ist unvermeidlich. Wir sollten ihn mit Würde in die Wege leiten, indem wir Japans Aufforderung nachkommen und unsere Soldaten aus Okinawa abziehen – und bei der Gelegenheit höflich nachfragen, ob die auf den japanischen Hauptinseln stationierten Truppen ebenfalls heimkommen dürfen.

Patrick J. Buchanan war mehrfach US-Präsidentschaftskandidat. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift „The American Conservative“.

Foto: Japanische und US-Truppen auf dem Stützpunkt Higashi-Chitose: Sollen amerikanische Soldaten weiter andere Länder verteidigen?

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