„Wer ist Sarrazin?“

Auf dem Hermannplatz in Neukölln ist Markt. Muslimische Frauen mit Kopftüchern kaufen hier ein, manche tragen eine Burka. Sie unterhalten sich mit den Verkäufern in ihrer Landessprache. In der Sonnenallee preisen Geschäfte ihre Produkte auf türkisch an, an anderen Läden sind arabische Schriftzeichen zu sehen. Geruch von Wasserpfeifen weht über die Straße, in einem Café sitzen fünf ältere Männer, spielen Karten. Man unterhält sich – auf türkisch. Thilo Sarrazin? Der Name schneidet ein Fragezeichen in die Gesichter der Männer. Sie haben nie von diesem Mann gehört: jenem ehemaligen Berliner Finanzsenator, der in der Kulturzeitschrift Lettre International zum Rundumschlag gegen türkische und arabische Einwanderer in Berlin ausholte.

Große Teile von ihnen seien „weder integrationswillig noch integrationsfähig“. Sie hätten „keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“, hatte Sarrazin gegen die Muslime der Spreestadt gewettert. „Ich muß niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“, legte der Sarrazin nach. Und weiter: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären, mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

Harte, direkte Sätze. Worte, die in Politik und Medien helle Empörung ausgelöst haben. Kann ein früherer Berliner Senator so über Einwanderer reden? Vielleicht aber waren es gerade diese überdeutlichen Worte, die dafür sorgten, daß ein von der Politik weitgehend unter dem Deckmantel des Schweigens gehaltenes Problem in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist. Sarrazins Wortwahl provoziert, sie empört die politische Klasse. Doch hinter der provokanten Fassade, den markigen Sprüchen, den Klischees, die Sarrazin nicht das erste Mal zum besten gegeben hat, schimmern ungeschminkt die sozialen Realitäten der Bundeshauptstadt durch.

Daß Sarrazin mit seinen Äußerungen inhaltlich nicht falsch liegt wird vor allem im Berliner Bezirk Neukölln deutlich. Hier leben mehr als 300.000 Einwohner aus über 160 Nationen, darunter zahlreiche Muslime, vor allem Türken und Araber. Die Kriminalitätsrate ist hoch, die Arbeitslosenquote liegt bei 24,1 Prozent, der Anteil ausländischer Kinder und Jugendlicher unter 18 Jahren in einigen Gegenden bei fast 40 Prozent. Die durchschnittliche Kinderzahl weist mit 1,44 den höchsten Wert unter den Berliner Bezirken auf.

In Neukölln trifft man nicht auf Leute wie den frischgebackenen deutschen Nationalspieler Mesut Özil, der seine Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft beantragt hatte, um für Deutschland spielen zu können. Hier trifft man den Lebensmittelverkäufer Murat, den Arbeitslosen Hassan, die Kinder von der aufgrund ihrer rohen Gewalt in die Schlagzeilen geratenen Rütli-Schule sowie Frauen mit Kopftuch oder Burka, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

Was er von den jüngsten Äußerungen von Thilo Sarrazin halte? Murat muß passen – Verständigungsprobleme. Sein Deutsch sei schlecht, entschuldigt er sich. Egal ob Teppichgeschäfte, Tabakwarenläden, Wettbüros oder Dönerbuden: Sarrazins Äußerungen werden durch Antworten bestätigt, die keine sind – durch die mangelnde Fähigkeit, sich auf Deutsch zu artikulieren. Zu sehr hat sich in Neukölln bereits eine Infrastruktur etabliert, in der Einwanderer aus muslimischen Staaten die deutsche Sprache nicht mehr benötigen und in denen Themen, die die Deutschen bewegen, nur noch eine marginale Rolle spielen.

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) warnte bereits vor fünf Jahren vor dem Entstehen von „Ghettos“ im Norden von Neukölln sowie einer mangelnden Integrationsbereitschaft der ausländischen Bevölkerung. Ahmed spricht immerhin Deutsch. Der Fleischereibesitzer hat ein anderes Problem: „Wer ist Sarrazin?“ fragt er verständnislos. Auch die türkischen Obst- und Gemüsehändler zucken bei dem Namen ratlos mit den Achseln. Obwohl auch türkische Zeitungen über Sarrazins Äußerungen berichten, geht der Diskurs an vielen Muslimen Neuköllns offenbar vorbei. Denn neben der Sprache mangelt es oftmals auch an der nötigen Bildung oder einfach am Interesse.

Die Rütli-Hauptschule erregte vor drei Jahren bundesweite Aufmerksamkeit. Lehrer hatten einen Brandbrief an die Berliner Senatsverwaltung geschrieben und darin die Auflösung der Schule gefordert, weil sie der ausufernden Gewalt nicht mehr gewachsen seien. Über 80 Prozent der Schüler sind Muslime. Einen Ausbildungsplatz erhält später kaum jemand von ihnen.

 „Ja, es gibt Probleme“, gibt Hakan (26) offen zu. Besonders bei den Neuköllner Jugendlichen, meint der Student aus Berlin-Kreuzberg. „Die merken, daß sie auch ohne Deutsch und gute Ausbildung durchkommen können“: junge Menschen wie Talip, Mohsen und Özen, Schüler aus Neukölln im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. Sie stehen vor einem türkischen Lokal in der Sonnenallee, schlagen die Zeit tot. Thilo Sarrazin sagt auch ihnen nichts. Und was „der“ sagt, interessiere sie nicht. Ohnehin haben die drei Jungen ihre ganz eigenen Vorstellungen von ihrer Zukunft – Phantasien, die einen kleinen Einblick geben in die Vorstellungswelt zahlreicher muslimischer Jugendlicher von Neukölln und das Desinteresse am gesellschaftlichen Diskurs verdeutlichen.

„Al-Qaida“, ruft der Libanese Mohsen (14) spontan auf die Frage, was er später beruflich machen möchte, den Arm in die Höhe reckend. „Oder ich geh’ zur Polizei“, fügt er an. „Ja, Polizei ist das richtige“, stimmt ihm sein Landsmann Özen (12) zu. Und auch der13 Jahre alte Türke Talip möchte gern zur Polizei. „Da fährst du einen Mercedes oder BMW, so richtig fett mit Blaulicht oben drauf und kannst 200 Sachen fahren.“ Und wenn das nichts wird? „Dann werde ich Rechtsanwalt. Als Anwalt machst du voll viel Kohle.“

Foto: Straßenszene in Berlin-Neukölln: Die Kriminalitätsrate und die Arbeitslosenquote sind hoch

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