Schläge für den Herrn Direktor

Drei Jahre ist es her, daß die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln wegen zahlreicher Gewaltexzesse und aufgrund des dramatischen Autoritätsverlusts der Lehrerschaft in die Schlagzeilen geriet. Dabei stand sie nur stellvertretend für zahlreiche andere Schulen, wie kürzlich die für diesen Bezirk zuständige Jugendrichterin Kirsten Heisig bekannte (JF 6/09). Denn fast überall an Berlins Lehranstalten ist – allen Willensbekundungen und Schönfärbereien zum Trotz – eine Zunahme an Übergriffen zu verzeichnen. Die jüngste Gewaltstatistik verzeichnet allein in bezug auf Übergriffe gegen den Lehrkörper eine deutliche Zunahme um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Gerade Neukölln hatte im vergangenen Jahr abermals für deutschlandweites Aufsehen gesorgt. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), für den die Vision einer „Multikulti“-Gesellschaft längst zum kaum mehr beherrschbaren Alptraum geworden ist, hatte wegen der nicht endenden Gewaltvorfälle an den Schulen, verübt nicht zuletzt durch schulfremde Personen, Wachschutzleute aufstellen lassen. Sie patrouillieren seither vor bis zu 16 Neuköllner Schulen und sorgen dafür, daß es bislang zu keinem von außen hereingetragenen Gewaltvorfall mehr gekommen ist. Dennoch forderte Buschkowsky unlängst ihre Verstärkung. Anlaß war der brutale Überfall auf den stellvertretenden Direktor der Gottfried-Kinkel-Realschule in Berlin-Spandau. Dieser hatte einen 14jährigen Schüler für drei Tage von der Schule verwiesen, da er eine Lehrerin beleidigt hatte – der Jugendliche soll die Lehrerin als „Nutte“ bezeichnet haben. Der türkischstämmige Schüler hatte daraufhin zwei 18 und 19 Jahre alte Verwandte herbeigerufen, die den 58 Jahre alten Korektor in seinem Büro verprügelten. Der Mann mußte sich in einem Krankenhaus behandeln lassen. Die beiden Täter hingegen waren nach einer kurzen Vernehmung wieder auf freiem Fuß. Gegen sie wird wegen schwerer Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Beleidigung ermittelt. Nachwuchspädagogen drohen mit Abwanderung Blauäugig verhält sich angesichts dessen einmal mehr die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Deren Vertreter verwies in einem Interview darauf, daß ausgerechnet diese Schule „bekannt“ sei für ihre „unheimlich gute Gewaltpräventionsarbeit“. Gemeint ist das seit einem Jahr in Berlin-Spandau laufende Projekt „Stark ohne Gewalt“. Zu dessen Programm gehören auch sogenannte präventive „Schulhofbesuche“ von Polizisten. Zudem wird nun auch hier überlegt, ob private Wachschützer die geeignete Lösung sind, um den Schulfrieden dauerhaft zu sichern. Im Bezirk Pankow könnte es bald soweit sein. Denn der jüngste Vorfall hätte einen Schüler mit Vornamen Merlin beinahe das Leben gekostet. Gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Schulfreund Mohamed, dem Sproß einer arabischen Großfamilie, hatte der 16jährige den Einlaß zu einer Feier der Kurt-Schwitters-Gesamtschule in der Bötzowstraße kontrolliert. Als Merlin mit Mohamed in Streit geriet, rastete dieser völlig aus. Er stach seinen „besten Freund“ nieder, der seither auf der Intensivstation liegt. Mohamed indes war nach einer kurzen Vernehmung durch die Polizei wieder zu Hause – dort also, wo eigentlich die Eltern ihrer Sorgepflicht nachzukommen hätten. Doch deren Einflußwillen ist offensichtlich begrenzt. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von André Schindler, dem Vorsitzenden des Landeselternausschusses Berlin, der händeringend nach Mitgliedern sucht. Keiner melde sich, so sein frustrierendes Fazit. Statt dessen häufen sich die Polizeimeldungen über gewalttätige Schüler. Schindler fordert daher drastische Reaktionen von allen Beteiligten. Nur private Wachschützer lehnt er ab – noch. Inzwischen meldete sich auch die Industrie- und Handelskammer der Hauptstadt mit einem 40seitigen Maßnahmenkatalog zu Wort. Sie klagt über den Lehrermangel in den Problembezirken und fordert „Prämien“ (sprich: Gefahrenzulage) für jene, die an den berüchtigten Schulen Unterricht geben. Dies dürfte um so schwerer werden, als immer mehr – vor allem auch jüngere – Lehrer Berlin verlassen. Zuletzt drohten hundert Junglehrer diesen Schritt in einem Offenen Brief sogar öffentlich an. Gründe gibt es genügend: Baden-Württemberg etwa lockt Nachwuchspädagogen mit einem im Vergleich zu Berlin um 800 Euro höreren Gehalt und dem Beamtenstatus.

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