Mit Leib und Seele Soldat

Günter Kießling hatte alles erreicht, was ein Soldat in der Bundesrepublik erreichen konnte. Er gehörte zu den ersten Offizieren der neugegründeten Bundeswehr, und er wurde ihr jüngster General. Seine Laufbahn führte ihn bis in den höchsten Rang. Als Vier-Sterne-General wurde er 1982 Stellvertreter des Nato-Oberbefehlshabers für Europa. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er erst bekannt, als der damalige Bundesminister der Verteidigung, Manfred Wörner, Ende 1983 den General aufgrund von Gerüchten über dessen angebliche Homosexualität als Sicherheitsrisiko einstufte und ihn vorzeitig in den Ruhestand versetzte. Der eigentlich krönende Abschluß seiner Karriere wurde Kießling durch diese bittere Intrige in seiner eigenen Armee vergällt.

Die „Kießling-Affäre“, die besser „Wörner-Affäre“ heißen sollte, war einer der größten Skandale der Bundesrepublik, mit allem, was dazugehört: verlogene Politiker, windige Rotlicht-Zeugen, schlampige Ermittler. Der Skandal ließ an der Kompetenz und Urteilsfähigkeit von Politikern und hohen Militärs ebenso zweifeln wie am ministeriellen Krisenmanagement und der Kameradschaft innerhalb der Generalität. „Der einzige General“, so hat Kießling – desillusioniert – berichtet, „der mich seinerzeit anrief, war der britische Generalstabschef.“ Der versicherte ihm, er sei nicht nur davon überzeugt, sondern er wisse es auch, daß die kolportierten Rotlicht-Vorwürfe falsch seien. Der Brite hatte sich wohl das „Personal Fact-Sheet“ über Kießling vorlegen lassen, das auch Auszüge aus dessen Wehrmachtsakte enthielt. Hätte sich Wörner diese kleine Mühe gemacht, hätte auch er gewußt, daß Kießling an der Ostfront eine schwere Verwundung erlitten hatte, die ihn für den Rest des Lebens für sexuelle Aktivitäten gleich welcher Art untauglich machte. Der feinnervige Militärintellektuelle Kießling kam von sich aus nicht darauf zu sprechen. Er war in seiner Ehre getroffen und verstummte.

Kometenhafter Aufstieg

Er war tief enttäuscht, weil „die politisch Verantwortlichen unter Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze und des Anstands gehandelt hatten“. Zeitlebens vermutete er eine Aktion ausländischer Geheimdienste, fremde Einflußnahme im MAD, dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr, Intrigen – aus den Vereinigten Staaten oder der DDR? Er glaubte an lancierte Verdächtigungen, an gekaufte Zeugen.

Vom Typ her war Günter Kießling weniger Truppenführer, sondern jemand, der mehr Zeit in seiner Bibliothek zubrachte als die meisten anderen Militärs. Er hatte nicht jenen metallischen Zug im Wesen, der das Soldatische nach außen ausweist, noch hatte er gar etwas „Kommißhaftes“ an sich. Dennoch war er mit Leib und Seele Soldat, und es erschien folgerichtig, daß er in der Bundeswehr diesen kometenhaften Aufstieg genommen hatte. 1971 jedenfalls wurde er General und verantwortlich für das Erziehungs- und Bildungswesen Heer. Die nächste Station war das Royal College of Defence Studies der britischen Streitkräfte in London, von wo er bleibende Kontakte zu britischen Generalskollegen mitnahm. Ein Truppenkommando als Kommandeur der 10. Panzerdivision brachte ihm den zweiten Generalsstern ein, ehe ihn das Ministerium wieder auf die Hardthöhe holte – als stellvertretenden Leiter der mächtigen, doch parteipolitisch verminten Abteilung „P“. Zwei Jahre später erhielt er den Oberbefehl über die Nato- Landstreitkräfte Schleswig-Holstein und Jütland (und den dritten Generalsstern). Im April 1982 wurde er zum Stellvertreter des Nato-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR) ernannt, mit Sitz im Nato-Hauptquartier Shape in Casteau (vierter Stern).

Diese glänzende Laufbahn war um so bemerkenswerter, als Kießling aus dem Unteroffiziersstand gekommen war. 1925 in Frankfurt/Oder als Sohn eines Feldwebels geboren, war er mit vierzehn Jahren als Unteroffiziersvorschüler in Dresden in die Wehrmacht eingetreten, hatte später als Infanterist an der Ostfront gekämpft, war 1944 zum Offizierlehrgang abkommandiert und im Frühjahr 1945 zum Leutnant befördert worden.

Nach dem Krieg schlug er sich als Hilfsarbeiter durch und machte 1947 sein Abitur auf der Abendschule – nach eigenem Urteil die „schwerste Prüfung“, die er je bestehen mußte. Anschließend studierte er Wirtschaftswissenschaften und promovierte. Danach trat er als Leutnant beim Bundesgrenzschutz ein und wechselte 1956 zur Bundeswehr.

Kießlings extreme Leistungsbereitschaft galt in der Bundeswehr nicht als auffällig. Seltener innerhalb der geschlossenen Welt der Bundeswehr war jedoch eine zweite Besonderheit Kießlings: Er blieb unverheiratet und irritierte damit nicht wenige Vorgesetzte. Im Rückblick fällt auf, daß der brillante Generalstäbler Kießling, kaum daß er als stolzer Vier-Sterne-General im Nato-Hauptquartier angekommen war, gerade weil er unverheiratet geblieben war, auch dort ein Sonderdasein führte. Kießling hielt sich gesellschaftlich zurück. Zu offiziellen Empfängen nahm er seine Sekretärin mit. Seine Freizeit verbrachte der Hobbyhistoriker meist in Bibliotheken; bei den obligaten Golfrunden der anderen Brüsseler Generale fehlte er. Schon der erste Blick scheint Bernard Rogers, dem amerikanischen Oberbefehlshaber – vom Typ her das Gegenteil von Kießling: laut, vierschrötig, unsensibel und rüpelhaft – genügt zu haben, um nach Bonn zu signalisieren, daß er Kießling für eine Fehlbesetzung hielt.

Umgekehrt hielt Kießling den Stellvertreterposten an sich bald für eine Fehlkonstruktion. Wer auf diesem Stuhl sitzt, ist auf den guten Willen des Oberbefehlshabers angewiesen, denn verlangen kann er nichts. Das ging einigermaßen gut bei dem ersten Deutschen, der auf den Posten geschickt wurde, General Gerd Schmückle, der bemerkte, man werde „dort leicht aufs Abstellgleis geschoben.“ Schmückles Nachfolger, Admiral Günter Luther, hatte Kießling noch vor Rogers gewarnt. Kaum in Brüssel angekommen, spürte Kießling sofort, wie berechtigt die Warnung war. Nicht nur, daß die persönliche „Chemie“ zwischen Rogers und Kießling nicht stimmte. Schwerer wog, daß schon die tägliche Routine den generellen Dissens vor Augen führte, der zwischen den deutschen und den amerikanischen Positionen lag. Konfrontiert mit dem „Output“, den die Amerikaner von ihnen verlangten, und den Mitspracherechten, die sie ihnen verweigerten, taumelten die Deutschen meist zwischen Zurückhaltung und persönlicher Kränkung. Auch Kießling empfand die Atmosphäre als belastend. Dazu kamen Spannungen in der Beurteilung der „Verteidigungsplanung“: Die von den Vereinigten Staaten der Nato vermittelte Doktrin einer „Triade“ von konventionellen, taktisch-nuklearen und strategisch-nuklearen Waffen mußte – so Kießling – „in deutschen Ohren wie Hohn klingen, wo doch schon die Verwendung nur einiger taktischer Atomwaffen im dichtbesiedelten Deutschland die Frage aufwerfen mußte, ob Verteidigung noch einen Sinn hätte“.

Der politische Gegensatz und die persönlichen Spannungen mit Rogers führten zu einem Konflikt, der mühsam unter der Decke gehalten wurde. Da Kießling die Selbstbescheidung seines Vorgängers Luther fehlte, der sich nicht ärgerte, sondern sich auf dem Golfplatz tröstete und gut essen ging, bat er in Bonn schon bald um eine andere Verwendung.

Im Herbst 1982, beim Regierungswechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, machte er sich Hoffnungen auf den Posten des Generalinspekteurs. Doch Wörner entschied sich dafür, den schon von seinem Vorgänger Apel ausgewählten Wolfgang Altenburg zu bestätigen. Andere Verwendungen für einen Vier-Sterne-General gab es kaum. Schon deswegen bat ihn Wörner, die anstrengende Partie mit Rüpel-Rogers noch einige Zeit durchzuhalten. Dafür versprach er ihm, seiner frühzeitigen Pensionierung nichts in den Weg zu legen. Als diese Gespräche geführt wurden, waren dem Minister noch keine Hinweise auf Kießlings angeblich anrüchigen und die Sicherheit gefährdenden Lebenswandel vorgelegt worden.

Vollständige Rehabilitierung mit Ehrenerklärung

Als sie dann kamen, blieben sie unbewiesen. Die amtlichen Stellen waren nicht imstande oder nicht willens, den Skandal aufzuklären, in den man Kießling gestürzt hatte. Es blieb einem Untersuchungsausschuß des Bundestages und dem Journalisten Udo Röbel vorbehalten, die vollständige Unschuld Kießlings festzustellen. Röbel erhielt für gründlichere Recherchen als die des MAD, bei denen er im Kölner Schwulenmilieu einen Doppelgänger des Generals entdeckte, den „Wächterpreis“ der Presse. Wörner bot Kohl seinen Rücktritt an. Doch der Kanzler hielt an seinem Minister fest, der später zum Nato-Generalsekretär aufrückte. Kießling wurde als General wieder eingestellt, mit einer Ehrenerklärung ausgestattet und im März 1984 mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet. „Nach dem Geschehenen konnte und wollte ich in dieser Bundeswehr nicht mehr dienen“, hat er gesagt.

In den Jahren danach übernahm der voll Rehabilitierte einen Lehrauftrag an der Uni Erlangen. Hauptsächlich aber engagierte er sich mit Vorträgen und Büchern für die ehrende Erinnerung an die Soldaten der Deutschen Wehrmacht und für die deutsche Wiedervereinigung, die er sich – Mitte der achtziger Jahre! – am ehesten unter dem Vorzeichen der Blockfreiheit vorstellen konnte. Er reihte sich ein in die Gruppe von Journalisten und Wissenschaftlern um Hellmut Diwald, Wolfgang Seiffert und Wolfgang Venohr, die gegen alle Anfeindungen für Deutschlands Einheit, Freiheit und Ehre kämpften. Seine Haltung, die Lauterkeit seines Denkens und Handelns und nicht zuletzt auch seine – manchmal von einem beinahe kindlich-naiven Vertrauen in einen gnädigen Gott zeugende – Geborgenheit im christlichen Glauben haben uns oft denken lassen, er sei ein Mensch, dessen Leben stets von der Melodie des Glockenspiels der Potsdamer Garnisonkirche durchweht war: „Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an Dein kühles Grab …“. In der Nacht zum 28. August ist Günter Kießling in Rendsburg gestorben.

Foto:General Günter Kießling (1984): Feinnerviger Militärintellektueller

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