Merkel und das verschwundene Stasi-Foto

Sie haben eine überzeugte Jungkommunistin zur Kanzlerin gewählt, ist Ihnen das überhaupt klar?“ Mit diesem Satz in der ARD-Sendung von Anne Will sorgte Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine am 1. Juni vorigen Jahres für Furore. Merkel sei FDJ-Funktionärin für Propaganda und Agitation gewesen, ließ er Zuschauer und Diskussionsteilnehmer der Live-Sendung wissen. Zudem habe sie in Moskau studiert, was nur Lenin-Treue gedurft hätten.

Letzteres entpuppte sich als unwahr. Merkel war lediglich zu einem Studienaustausch in Moskau zu Gast. Doch ihre FDJ-Vergangenheit wirft Fragen auf. Handelte es sich dabei tatsächlich nur um „Kulturarbeit“, die ihr eigenen Angaben zufolge „sehr viel Spaß gemacht“ habe? Ein Blick in ihre Biographie und ihr politisches Umfeld, in dem sie aufwuchs, läßt Zweifel aufkommen.

Sie wird 1954 in Hamburg als Tochter des evangelischen Pfarrers Horst Kasner geboren, der mitten in der Zeit des Kalten Kriegs mit seiner Familie im gleichen Jahr freiwillig in die DDR übersiedelt. Horst Kasner, auch oft als der „rote Kasner“ bezeichnet, steht der Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland kritisch gegenüber. Mit der Kirchenpolitik der SED hatte er keine Probleme. Er wurde Mitglied des 1958 gegründeten Weißenseer Arbeitskreis. Die Gruppe bestand aus zumeist linken Theologen und befand sich in Opposition zu den konservativ ausgerichteten Positionen der Berlin-Brandenburger evangelischen Kirche um Otto Dibelius. Sie war staatstreu, vom Ministerium für Staatssicherheit beeinflußt und distanzierte sich von SED-oppositionellen Geistlichen. Ein Umstand, der besonders vor dem Hintergrund von Merkels jüngster Papst-Kritik und ihrer Haltung gegenüber dem konservativen Flügel in der Union die Frage aufwirft, inwiefern die Haltung des Vaters die spätere Kanzlerin geprägt haben könnte.

Kasner pflegte auch enge Kontakte zu Wolfgang Schnur, dem späteren Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs (DA) und Stasi-IM. Auch zu Lothar de Maizière und dessen Vater Clement de Maizière hat er beste Verbindungen. Clement de Maizière war führendes Mitglied der Ost-CDU und nach der Wendezeit als langjähriger Stasi-Mitarbeiter enttarnt worden. Sein Sohn soll nach Presseberichten als IM Czerny mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet haben: Personen, mit denen auch Merkel später enge Kontakte pflegen sollte. Für Schnur arbeitete sie während der Wende als Sprecherin beim Demokratischen Aufbruch.

Nach der Volkskammer-Wahl vom 18. März 1990 war es Lothar de Maizière, der sie zur stellvertretenden Regierungssprecherin beförderte. Als sich nach der Wiedervereinigung die Stasi-Vorwürfe gegen de Maizière verdichteten, trat Merkel dessen Nachfolge als stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende an, nachdem sie vom DA zur CDU gewechselt war. Daß Merkel CDU-Politikerin wurde,  verwunderte zahlreiche Freunde und Bekannte, da man ihr eher eine Nähe zu den Grünen nachgesagt hatte. Ihre Mutter war in der SPD aktiv gewesen, und auch der DA galt zunächst als links ausgerichtet.

Bemerkenswert ist auch, daß die Familie Kasner zu DDR-Zeiten äußerst komfortable Privilegien genoß. Sie besaß zwei Autos, Reisen in den Westen waren kein Problem. Angela Kasner wurde Mitglied in der Pionierorganisation Ernst Thälmann und in der FDJ, ehe sie 1973 ihr Physik-Studium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig beginnen durfte. Ein Jahr später darf sie sogar zu einem Jugendaustausch nach Moskau und Leningrad reisen. Nach ihrem Studium arbeitet sie am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Elite-Akademie der Wissenschaften in Berlin. Als Kreisleitungsmitglied und Sekretärin für Agitation und Propaganda ist sie hier weiterhin für die FDJ aktiv.

Im vergangenen Jahr rückte das Internetportal Schweizmagazin Merkel sogar in die Nähe der Bespitzelung des DDR-Kritikers Robert Havemann im Jahr 1980. Der WDR sei bei Recherchen für den Bericht „Im Auge der Macht – die Bilder der Stasi“ auf das Foto einer jungen Frau gestoßen, die sich Havemanns Grundstück näherte. Angeblich sollen dort nur Stasi-Mitarbeiter Zutritt gehabt haben. Bei der Frau auf dem Bild habe es sich um Merkel gehandelt, heißt es in dem Bericht. Der WDR durfte das Bild jedoch nicht senden. Die Kanzlerin hatte die Ausstrahlung unter Berufung auf den Schutz ihrer Privatsphäre und die Gleichbehandlung vergleichbarer Fälle untersagt. Die Birthler-Behörde stellte das Foto daher nur gerastert zur Verfügung. Danach verstummte die Berichterstattung in den deutschen Medien über diesen Fall, kritisierte das Schweizer Internetportal.

Foto: FDJ-Parlament (1985), Merkel heute: Kulturarbeit

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles