Kampf um das hohe C

Die Protestanten haben schon lange eine, die Moslems seit 1997 praktisch auch; nun verfügen auch katholische Mitglieder der Union über eine spezifische Interessenvertretung innerhalb der Partei. Am 15. November wurde in Bonn und in Berlin der  Arbeitskreis Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU/CSU gegründet, der nach den Vorstellungen seiner Initiatoren als „bundesweites politisches Forum für katholische Christen“ dienen soll. Der bereits 1952 gegründete Evangelische Arbeitskreis (EAK) und das 1997 ins Leben gerufene Deutsch-Türkische Forum (DTF) innerhalb der CDU haben damit eine konfessionelle Ergänzung bekommen.

Mit diesem neuen Zusammenschluß könne im Sinne des „in der Volkspartei gelebten Pluralismus“ ein „wichtiger Beitrag zur Breite des Parteiprofils“ geleistet werden, heißt es in einer ersten Erklärung. Zu den Themen, die dem AEK wichtig sind, zählen nach eigenen Angaben „Familie, Lebensschutz, soziale Fragen, Religion im öffentlichen Raum und Gerechtigkeit“. Damit will die Gruppierung „als neuer Partner in C-Fragen der katholischen Stimme in der Partei wieder stärker Gehör verschaffen“.

Zu den Gründungsmitgliedern gehören unter anderem der Abtprimas des Benediktinerordens, Notker Wolf, Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben, Christiane Lambrecht, Sprecherin des Aktionsbündnisses Familie, Barbara Dyba-Roth vom Forum Deutscher Katholiken, der Publizist und Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, Martin Lohmann, sowie der Trierer Theologieprofessor Wolfgang Ockenfels.

Aus den Reihen der CSU haben sich einige Prominente dem AEK angeschlossen: der Europaabgeordnete, Bernd Posselt, der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel und der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Unter den Christdemokraten sucht man vergeblich Personen von vergleichbarem Rang und Namen.

Ein weiteres Ziel des Arbeitskreises ist es laut eigenen Angaben, den dramatischen Wählerverlust der vergangenen Jahre – gerade unter kirchennahen Katholiken – aufzuhalten und deren verlorenes Vertrauen in die Union wieder aufzubauen. Wahlanalysen haben ergeben, daß sich die Verluste der CDU bei dieser Zielgruppe allein in den Landtagswahlen im vergangenen Jahr durchschnittlich neun Prozent betrugen.

Andererseits ist der Zuspruch für die Union unter überzeugten Katholiken, die einmal wöchentlich den Gottesdienst besuchen, nach wie vor hoch; in einzelnen (westlichen) Bundesländern machen bis zu 80 Prozent von ihnen ihr Kreuz bei der C-Partei. Daß sie allerdings nur etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, mindert offenbar ihre Bedeutung für die programmatische Ausrichtung der Bundespartei. Nur: Je geringer die Wahlbeteiligung, desto wichtiger wird wiederum die Stammwählerschaft.

Unter der Maßgabe, sich den „neuen Lebenswirklichkeiten“ anzupassen, wird das „hohe C“ in der Union nicht mehr allzu häufig angestimmt. Galt bis in die siebziger Jahre hinein noch die Parole, in der Partei werde „Politik von Christen“ gemacht, heißt es heute im Grundsatzprogramm der CDU lediglich, das „christliche Verständnis vom Menschen gibt uns die ethische Grundlage für verantwortliche Politik“. Dieses christliche Menschenbild wiederum definiert die Bundesvorsitzende Angela Merkel so: „Jeder Mensch ist einzigartig, jeder unterscheidet sich von den anderen.“

Gerade Merkel hatte jüngst mit ihrer Papstschelte für Verärgerung unter bekennenden Katholiken gesorgt. Statt „sich weiterhin als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren“, schimpfte Posselt, solle die Kanzlerin mehr christliche Grundsätze durchsetzen, was „etwa in der Sozial- und Familienpolitik, beim Lebensschutz und in der Bioethik mehr als notwendig“ sei.

Die CDU-Vorsitzende hatte sich ihrerseits erst im Juni ausdrücklich gegen die Gründung eines  innerparteilichen Zusammenschlusses für Katholiken gewandt. Ihr Hinweis, die Entstehung des Evangelischen Arbeitskreises 1952 sei aus der besonderen historischen Situation heraus zu erklären, ist durchaus zutreffend – und wirft dabei ein bezeichnendes Licht auf den aktuellen Zustand der Partei. Damals drohten ihr wegen der Dominanz katholischer Spitzenfunktionäre herbe Verluste in Gebieten mit protestantischer Bevölkerungsmehrheit bei der Bundestagswahl 1953. Der EAK sollte dagegen die evangelische Wählerschaft „aktivieren“, die evangelischen Standpunkte vereinheitlichen und für das Gleichgewicht der Konfessionen sorgen. Merkel selbst war von 1992 bis 1993 Vorsitzende des EAK.

Ihr Votum gegen ein katholisches Pendant hat offenbar mit dafür gesorgt, daß niemand aus der ersten Garde der CDU den Gründungsaufruf mitunterzeichnete. Aus der Parteizentrale sei zu hören, daß die Ziele zwar gut, die Gruppenbildung jedoch überflüssig sei. Das ist immerhin ein wesentlicher Unterschied zum 1992 gegründeten Christlich-Konservativen Deutschlandforum (CKDF), das im Konrad-Adenauer-Haus stets als Störfaktor wahrgenommen wurde und ob seiner Randständigkeit schließlich schon drei Jahre später scheiterte.

Der AEK habe unmittelbar nach seinem Gründungsaufruf einen „unglaublichen Zuspruch“ von Parteimitgliedern erfahren, die seine Positionen teilen, sagte Martin Lohmann, einer der beiden Sprecher, der JUNGEN FREIHEIT. Die Zurückhaltung der Parteispitze wertet er nicht als Nachteil: „Wir verstehen uns als Basisbewegung.“ Diese solle nicht mit anderen Parteigliederungen konkurrieren, sondern eher „eine ökumenische Lücke schließen“, versicherte Lohmann.

Weitere Informationen im Internet unter www.aek-online.de

Foto: Angela Merkel im Kreis katholischer Bischöfe: Dramatischer Verluste unter kirchennahen Katholiken

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