Im Elternhaus spricht man nicht darüber

Eingeweihte hatten es schon vorher geahnt: Der Prozeßauftakt gegen „Duch“, den Chef des ehemaligen S21-Foltergefängnisses von Phnom Penh, würde von Formalitäten und Regularien geprägt sein. Geduldig läßt der 66jährige die nicht enden wollenden Monologe der Juristen über sich ergehen. Seine Nickelbrille und sein graues Haar lassen ihn fast bieder wirken. Ein ganz normaler Hauptstadt-Bürger von Kambodscha, könnte man denken.

Doch wer angeklagt ist, für den Tod von 16.000 Menschen verantwortlich zu sein, wer gemordet und gefoltert haben soll, für den verbieten sich verharmlosende Beschreibungen. Andererseits gab es „Verehrer“ im Westen, etwa bei westdeutschen kommunistischen Splitterparteien, aus denen sich später so manches grünes Politpersonal rekrutierte. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. „Duch“ ist bisher der einzige führende Rote Khmer, der sich zu den Massenmorden unter der Herrschaft des Maoismus-Verehrers Pol Pot bekennt. Andere noch lebende Hauptverantwortliche schweigen.

Dann kommt plötzlich doch noch Spannung auf im Gerichtssaal des Internationalen Tribunals, das sich aus kambodschanischen und internationalen UN-Juristen zusammensetzt (JF 12/09). Die Anklage will einen weiteren Zeugen nachträglich zur Anhörung zugelassen haben. Unruhe in den Reihen des Angeklagten und der Verteidigung. „Duch“ faßt sich nervös an die Brille, nimmt sie ab, setzt sie wieder auf. Seine Augen, die zuvor noch einen Hauch von Müdigkeit ausstrahlten, funkeln plötzlich, er ist hellwach, beugt sich vor zu seinem Verteidiger, flüstert ihm etwas zu.

Die Verteidigung protestiert gegen die nachträgliche Zeugenbenennung, fordert für seinen Mandanten die Menschenrechte ein. Unverständnis bei der Anklage. Ein Schlagabtausch zu Beginn des Prozesses – damit hatte keiner gerechnet. Doch das Ergebnis bleibt offen – wie so vieles im heutigen Kambodscha. Es ist ein Land, das überwiegend aus einer jungen Generation besteht. Nur wenig ältere Menschen sind zu sehen in den Straßen, an den zahlreichen Garküchen, den neuen Cafés und Restaurants an der Riverside, der Flaniermeile vor allem westeuropäischer Touristen.

Die Generation 50 plus hat Seltenheitswert. Sie wurde nahezu ausgerottet durch das kommunistische Pol-Pot Regime. Und hätten die Roten Khmer nicht selbst so akribisch ihre Greueltaten im Foltergefängnis von Tuol Sleng dokumentiert, sie wären heute möglicherweise längst in Vergessenheit geraten. Weil niemand mehr da ist, der sich erinnert. Weil die Intellektuellen systematisch liquidiert wurden. Weil die Überlebenden der Massaker einfache Menschen sind, die aufgrund mangelnder Bildung Schwierigkeiten haben, die Grauen des Sozialismus in Worte zu fassen. Und weil an den Händen von so manchem Mitglied der heutigen Funktionselite Kambodschas möglicherweise ebenfalls noch das Blut vieler Landsleute kleben dürfte.

Srey geht es nicht um das Töten. Sie will das Gegenteil. Leben retten. Deshalb studiert die 22jährige Medizin an der Universität von Phnom Penh. Der Prozeß gegen „Duch“? Sagt ihr nichts. Ja, daß da eine Gerichtsverhandlung ist und es um die Roten Khmer geht, davon habe sie gehört, erzählt sie. Was sich damals zugetragen hat? Sie weiß es nicht. Sie lebte da noch nicht. Und im Elternhaus spricht man nicht darüber – nicht mit Freunden, nicht an der Universität. Die Kinder der Khmer Rouge-Zeit haben andere Sorgen. Srey kellnert an der Riverside. Sie braucht Geld für die Familie, für das Studium. Ihr Tageslohn sind zwei Dollar. Viel zu wenig, wäre da nicht das für sie üppige Trinkgeld der inzwischen immer zahlreicher ins Land reisenden Touristen aus Europa. Nach der Entmachtung Pol Pots lag das Land am Boden. Hunger und Armut stellten die Überlebenden auf eine harte Probe. Der Wiederaufbau einer vom Agrarkommunismus vollkommen zerstörten Volkswirtschaft brauchte Zeit. Der Tourismus-Boom der letzten Jahre hat ein wenig Wohlstand zurückgebracht. Die Hauptstraßen Phnom Penhs sind inzwischen asphaltiert. Sandpisten, die sich während der Regenzeit in regelrechte Schlammgruben verwandeln, werden in den Zentren immer seltener.

Doch ein Blick in die Provinz zeigt die nach wie vor existierende Armut schonungslos auf. Schiefe Strohhütten, auf Stelzen gebaut, dienen als Zuhause. Darunter stapeln sich Müll und Dreck, in dem Kinder spielen. Die Hütten bestehen zumeist nur aus einem Raum. Die ganze Familie schläft hier gemeinsam, Vater, Mutter, Kinder: zu viert, zu fünft, manchmal zu siebt oder zu acht. Srey lebt ähnlich, wenige Kilometer außerhalb der Stadt. „In der Regenzeit kommt Wasser ins Haus“, sagt sie der JUNGEN FREIHEIT. Und Schlangen. Einmal sei sie gebissen worden – am Fuß. Doch sie hatte Glück, weil sie rasche medizinische Versorgung erhielt. Andere seien gestorben.

Weou hatte kein Glück. Er ist zwar nicht gestorben. Aber er hat sein rechtes Bein verloren. Und seinen linken Arm. Es war bei der Feldarbeit geschehen. Eine jener unzähligen Landminen aus der Bürgerkriegszeit, die auch heute noch in vielen Gegenden Kambodschas herumliegen, zerfetzte dem 48jährigen die Gliedmaßen. Das geschah 1989, zehn Jahre nach dem Sturz des Pol Pot-Regimes. Es ist symptomatisch dafür, wie sehr das Land noch immer unter den Folgen der Khmer-Zeit und des Guerillia-Krieges leidet. Seit Jahren steht Weou nun schon vor dem Eingang des heutigen Tuol-Sleng-Museums – bei glühender Hitze, Tag für Tag. Wenn Besucher kommen, nimmt er seinen Hut ab und hält ihn den Touristen entgegen. Er zeigt ihnen seinen verkrüppelten Arm. Und seine Beinprothese – in der Hoffnung auf den einen oder anderen Dollar, der ihm eine bescheidene Existenz ermöglicht. 1976 hatten ihn die Roten Khmer geholt. Er sollte mit ihnen kommen, in ihrer Armee kämpfen, für sie töten.

„Ich wollte nicht“, sagt er der JF. Aber er habe keine Wahl gehabt. Als Pol Pot schon entmachtet war, mußte er noch immer für das Regime kämpfen: draußen, im Gelände, fernab der Zivilisation, wo der Kampf im Namen des Agrarkommunismus weiterging. Erst 1982 hatte der Alptraum für ihn ein Ende. „Da traute ich mich, wegzulaufen.“ Zum Prozeß gegen „Duch“ und die Roten Khmer kann er nichts sagen. Verlegen blickt er zu Boden. Er könne sich nicht so ausdrücken, entschuldigt er sich. Ihm fehlen die Worte.

Fotos:  Landminen-Opfer: Vor dem S21-Foltergefängnis „Tuol Sleng“ bittet Weou die zumeist europäischen Touristen um ein paar Dollar zum Leben,  Kambodschas Landleben: Schiefe Hütten aus Holz und Stroh

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