Joachim Kuhs

 

Haarscharf an einer Provinzposse vorbei

Am 9. November 2007 faßte der Bundestag nach langen Kontroversen mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP den Beschluß, in Erinnerung an die Friedliche Revolution von 1989 auf dem Berliner Schloßplatz ein Einheits- und Freiheitsdenkmal zu errichten (JF 46/07). Ende 2008 einigte sich das Parlament zudem darauf, daß der Bund zusammen mit Sachsen und der Stadt Leipzig bis zu fünf Millionen Euro für ein vergleichbares Denkmal in der Messestadt zur Verfügung stellt. Damit soll die besondere Rolle Leipzigs und seiner Bürger beim Sturz des SED-Regimes gewürdigt werden.

Freilich wirft der Kompromiß in der Standortfrage Fragen auf. Sollen in beiden Städten vergleichbare Denkmale errichtet werden, die aufeinander verweisen? Gibt es die Möglichkeit, unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte festzulegen, die dem speziellen lokalen Geschehen von 1989  Rechnung tragen? Oder droht am Ende gar eine Konkurrenz der beiden Denkmale?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich am vergangenen Sonnabend in Leipzig eine Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft e.V., von der die Initiative für ein Einheits- und Freiheitsdenkmal ausging, sowie des Leipziger Museums „Runde Ecke“ . Dabei stellte sich schnell heraus, daß der Streit über den Standort der Denkmale deutliche Spuren hinterlassen hat. So monierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke als klarer Befürworter der Berlin-Lösung, daß die Signale aus Leipzig gegen das Berliner Denkmal „eine kontraproduktive Wirkung“ gehabt hätten. Ein Denkmal, welches einem Ereignis von nationaler Bedeutung gerecht werden soll, gehöre zwangsläufig in die Hauptstadt. Ansonsten drohe die Gefahr, daß die jahrelangen Bemühungen für dieses Anliegen „in einer Provinzposse enden“ könnten.

Dagegen erinnerte der Chef der Sächsischen Staatskanzlei und sächsische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Johannes Beermann (CDU), daran, daß Leipzig wie kein anderer Ort für die Friedliche Revolution stehe und damit auch von außen stark identifiziert werde. Damit würden keineswegs Anteile der Bürger in anderen Städten wie beispielsweise Plauen und Dresden oder natürlich Berlin an den Rand gedrängt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber unterstrich die Bedeutung Leipzigs mit der Aussage, die Stadt sei der „Motor zur Deutschen Einheit“ gewesen. Bereits in den Oktober- und Novembertagen des Jahres 1989 sei der Wille zur Wiedervereinigung dort wesentlich deutlicher als in Berlin formuliert worden. Damit sei die Entscheidung, sowohl ein Denkmal in Berlin als auch in Leipzig zu errichten, auf jeden Fall richtig.      

Als die größte Herausforderung auf dem weiteren Weg zur Umsetzung der Vorhaben bezeichnete der Leipziger Beigeordnete für Kultur, Georg Girardet, die konkrete Gestaltung der Denkmale. Denn im Gegensatz zur Darstellung negativer geschichtlicher Ereignisse gebe es in Deutschland keine Erfahrungen mit der Errichtung von Denkmälern, bei denen der Anspruch auf Erinnerung mit Freude und Stolz verbunden werden soll. In jedem Fall müsse die Gestaltung „interpretationsfest“ sein und ohne Gebrauchsanleitung funktionieren. Dies sei „sehr schwierig“ und erfordere „viel Fingerspitzengefühl“, sagte Girardet. Ergänzend machte Nooke darauf aufmerksam, daß aus seiner Sicht noch keiner der bisherigen Vorschläge für das Berliner Denkmal die Ansprüche befriedigen könne.

Deutliche Differenzen offenbarten sich in der Frage, in welchem Maß die Bürger an der Entwicklung des Leipziger Denkmals beteiligt werden sollten. Während Girardet für eine umfassende Einbeziehung der Öffentlichkeit plädierte, gab Beermann einer möglichst schnellen Entscheidung des Stadtrats den Vorzug.  „Wenn man eine lange Diskussion darüber zuließe, werden wir das Denkmal wohl erst in 500 Jahren haben“, sagte der Minister. Ohnehin könne „man es nicht allen recht machen“.  

Einig waren sich dagegen alle darüber, daß beide Denkmale als gesamtdeutsche Erinnerungsstätten der Einbindung der Westdeutschen bedürften, um tatsächlich der nationalen Dimension gerecht zu werden. In diesem Zusammenhang mahnte Girardet an, mehr Veranstaltungen zur Friedlichen Revolution und ihrer Bedeutung in Westdeutschland durchzuführen, da dort immer noch „ein weitgehendes Desinteresse“ an dieser Thematik zu beobachten sei. Eine westliche Ursache liege zweifellos darin, daß „die Westdeutschen dazu keinen eigenen Beitrag geleistet“ hätten, sagte Girardet. Nooke machte darauf aufmerksam, daß größere Teile der westdeutschen Linken selbst in den Herbsttagen 1989 die Forderung nach einer schnellen nationalen Einheit noch weit von sich wiesen.

Beermann hielt dagegen, daß trotz dieser unbestreitbaren Fakten ein großer Teil der westdeutschen Bevölkerung das Streben nach nationaler Einheit eindeutig befürwortet habe. Der wesentliche Unterschied zu den Mitteldeutschen sei freilich, daß sie ihre Forderungen gegen den Willen ihrer Regierung durchsetzen konnten. In Westdeutschland sei dies dagegen im weitestgehenden Einklang mit der seinerzeitigen Bundesregierung erfolgt.

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