Globalisierung heißt Amerikanisierung

Herr Lemay, als Abgeordneter der Parti Québécois (PQ) in der Nationalversammlung vertreten Sie die Anliegen der frankophonen Bevölkerung in der kanadischen Provinz Québec. Seit Jahrzehnten fürchtet diese um ihre kulturelle Identität. Hat sich die Situation mittlerweile geändert?

Lemay: Ja! Die Herausforderungen sind andere geworden. Ich denke da vor allem an die Globalisierung, vor allem die kulturelle Globalisierung – was für uns Amerikanisierung bedeutet. Ich habe persönlich nichts gegen die USA, sie sind eine großartige Demokratie, wir sind gute Nachbarn. Aber die Amerikanisierung der Literatur, der Musik, der intellektuellen Arbeit setzt unsere kulturelle Identität erheblich unter Druck.

Ihre Partei kritisiert vor allem die Auswirkungen auf das Bildungssystem.

Lemay: Das ist eines der besten Beispiele! Es ist schwer, französischsprachige Literatur für den Wissenschaftsbetrieb aufzutreiben. Die meisten Bücher sind englisch und sehr teuer. Wenn man diese ins Französische übersetzt – und das müssen wir! –, werden sie nochmals teurer. Hier sehen Sie also den Druck auf unsere frankokanadische Kultur.

Die Globalisierung hat nicht nur kulturelle Auswirkungen.

Lemay: Wenn wir über Globalisierung sprechen, dann sprechen wir über beides: Wirtschaft und Kultur. Gerade heute in den Zeiten der Wirtschaftskrise können wir sehen, wohin uns die wirtschaftliche Globalisierung bringen kann. Zudem sind beide Komponenten eng verbunden. Québec hat in den letzten Jahren viel dafür getan, unsere frankokanadische Kultur vor den Auswirkungen der Globalisierung zu schützen.

Was unterscheidet die britisch-kanadische Identität von der Ihren?

Lemay: Zuallererst die unterschiedliche Sprache! An zweiter Stelle stehen die unterschiedlichen historischen Einflüsse, die uns bis zum heutigen Tage prägen.

Was für Einflüsse meinen Sie?

Lemay: Wir als Frankokanadier sind nicht nur geprägt von den Amerikanern und den Briten – wie die britischen Kanadier –, wir sind vor allem von Frankreich geprägt. Wir sind mehr europäisch, wir haben mehr lateinische Einflüsse als die Angelsachsen, die hier leben.

Fühlen Sie sich europäisch?

Lemay: Ja, aber wir sind gleichzeitig Nordamerikaner.

Sehen Sie Frankreich als „Mutterland“?

Lemay: Nein, eher als einen Vetter.

Wem fühlen Sie sich näher: Paris oder Washington?

Lemay: Allgemein fühlen wir uns den USA näher, vor allem wegen der gemeinsamen Besiedlungsgeschichte des nord­amerikanischen Kontinents. Unsere Bildungselite fühlt sich jedoch auf jeden Fall europäisch-französisch. Sie studieren in Paris, lesen europäische Literatur.

Ihre Partei ist sozialdemokratisch …

Lemay: „Gleichheit“ ist einer der wichtigsten Werte in Québec.

Was meinen Sie damit?

Lemay: Es ist gut, vor allem in der Wirtschaft und in der Bildung starke Eliten zu haben. Aber es darf nicht davon abhängen, ob jemand aus einer reichen oder armen Familie stammt. Gleichheit bedeutet für uns zuerst Chancengleichheit. Die ersten Franzosen, die dieses wunderbare Land besiedelten, kamen hierher, weil sie hier neu beginnen konnten. Sie wußten, wenn sie hart arbeiteten, konnten sie ein gutes Leben haben. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Das klingt wirklich amerikanisch!

Lemay: In diesem Punkt unterscheiden wir uns sehr von Frankreich und Europa. Wir bieten jedem die gleichen Chancen, und dabei soll es auch bleiben.

Ihre Partei machte in der Vergangenheit damit Furore, daß sie zwei Volksabstimmungen über die Abspaltung Québecs haarscharf verlor. Wie würde denn ein unabhängiger Staat aussehen?

Lemay: Ein unabhängiges Québec würde wie jeder andere demokratische Staat dieser Erde sein. Wir wären vor allem in der Lage, internationale Verträge zu unterzeichnen, ohne die Regierung in Ottawa fragen zu müssen. Dies hätte für unsere Bürger sehr viele Vorteile.

Würden Sie auch den Nato-Vertrag unterzeichnen?

Lemay: Das müßten wir in der Tat intensiv diskutieren, ob dies Vorteile für uns hätte.

Wie würden Sie Ihre Wirtschaft organisieren?

Lemay: Wir sind absolute Freihändler! Aber wir würden sicherstellen, daß nicht nur Bankiers die Vorteile des Freihandels genießen könnten, sondern die ganze Bevölkerung.

Auch die Zuwanderung benennen Sie immer wieder als Problem …

Lemay: Wir haben nun endlich ein Abkommen mit der Zentralregierung in Ottawa, welches uns erlaubt, die Zahl der Immigranten, die nach Québec kommen, selbst zu bestimmen. Aber dennoch setzt uns die multikulturelle Strategie Ottawas nach wie vor erheblich unter Druck. Sieben Millionen Frankokanadier sind von 300 Millionen Englischsprachigen umzingelt. Unsere Sprache ist uns sehr wichtig, sie ist der Träger unserer kulturellen Identität. Für viele Einwanderer schien es immer zu genügen, nur Englisch zu sprechen. Dies setzte uns sehr unter Druck. Die kanadische Regierung wollte dies immer einfach multikulturell einebnen und hat das gefördert. Nun haben wir durchgesetzt, daß Einwanderer nach Québec Französisch sprechen bzw. lernen müssen.

Damit setzten Sie sich aber nicht nur in Kanada massiver Kritik aus…

Lemay: Noch vor wenigen Jahren wurden wir deswegen als stur und eigenbrötlerisch kritisiert. Aber selbst Großbritannien, das Mutterland der multikulturellen Idee, erkennt heute die Gefahren und nimmt Änderungen vor.

Ein gutes Stichwort: Königin Elisabeth ist auch Ihre Königin – oder?

Lemay: Wir hassen sie nicht, aber sie spielt für uns wirklich keine Rolle.

Würde eine Republik Québec aus dem Commonwealth austreten?

Lemay: Natürlich! Es ist bizarr, daß heute noch der britische Generalgouverneur jedes Gesetz, welches wir in Québec verabschieden, unterzeichnen muß. Das ist ein koloniales Relikt im 21. Jahrhundert.

Um dies zu ändern, müssen Sie wiederum ein Referendum durchführen. Wann ist das nächste geplant?

Lemay: Ich bin ein Souveränist, ein stolzer Separatist – aber kein Referendum-Manager! Wir müssen vorher den Menschen hier glaubwürdig zeigen, welche Vorteile ein souveränes Québec hätte. Die Unabhängigkeit ist für uns so wichtig wie eh und eh. Sie ist unser Ziel, unsere Pflicht!

An einem Referendum kommen Sie trotzdem nicht vorbei.

Lemay: Natürlich nicht. Wir erleben derzeit eine der schwersten wirtschaftlichen Krisen. Was machen Menschen in solchen Krisen? Sie blicken auf ihren Staat, nicht auf abstrakte multinationale Gebilde. Ein souveränes Québec hätte ganz andere Möglichkeiten, einer solchen Krise zu begegnen. Davon müssen wir die Menschen überzeugen. Unsere Souveränität bietet die besseren Antworten auf alle politischen Fragen Québecs.

Martin Lemay, Jahrgang 1964, stammt aus Amos im Nordwesten Québecs. Er studierte Geschichte und Soziologie an der Universität von Montréal sowie Verwaltungswissenschaften an der École nationale d‘administration publique. Nach verschiedenen Funktionen auf regionaler Ebene wurde er 2006 in die Nationalversammlung Québecs gewählt.

Foto: Martin Lemay: „Ich bin ein Souveränist, ein stolzer Separatist!“

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