Von allem ein bißchen

Das Alter schleicht sich hinterrücks an einen heran, klagt David Kepesh, der Protagonist in „Elegy oder die Kunst zu lieben“, einem Film nach einer Vorlage von Philip Roth, der gerade in den Kinos zu sehen ist. Bei Roths fiktiver Figur handelt es sich um einen offensichtlich jüdischen Literaturkritiker aus New York, der eine Beziehung mit einer sehr viel jüngeren Studentin aufnimmt. Der Satz könnte auch von dem ganz realen Ivan Denes aus Berlin stammen. Der Schriftsteller klagt manchmal über das Alter. Er haßt es zum Beispiel, mehr als fünfzig Meter zu laufen, und ist deswegen äußerst selten zu Fuß unterwegs. Denes hat es gerne bequem. In Wirklichkeit ist er quicklebendig. Sein Verstand arbeitet superschnell. Er ist ja nicht nur JF-Autor und Chefredakteur des von den Deutschen Konservativen herausgegebenen Deutschlandmagazins, sondern gibt im 28. Jahrgang auch einen Ost-West-Nachrichtendienst heraus, den er mehrmals wöchentlich per E-Post verschickt. Die staunenden Abonnenten kommen mit dem Lesen kaum hinterher — so umfangreich ist der „Bericht aus Berlin“. Wann recherchiert und kommentiert er das bloß alles? „Ach, ich kann oft nicht gut schlafen“, sagt er in einem Anflug von Bescheidenheit. Ivan Alexandru Denes ist eines der letzten Überbleibsel der alten Ordnung. Er wurde 1928 im multikulturellen Temeschburg geboren, acht Jahre nachdem die Banat-Stadt (die rumänisch Timişoara, ungarisch Temesvár und serbisch Temišvar heißt) von Österreich-Ungarn an Rumänien abgetreten werden mußte. Denes hat ungarische Wurzeln, und er ist Jude — von allem ein bißchen. Neben Deutsch, Französisch und Englisch spricht (oder versteht) er die meisten auf dem Balkan gesprochenen Sprachen, was längst eine Seltenheit ist. Die Nationalsozialisten, der Zweite Weltkrieg und der Kommunismus haben den Humus beseitigt, auf dem solche Gewächse erblühen konnten. Auch Denes hat eine Mini-Odyssee hinter sich. Unter der Antonescu-Regierung mußte er auf ein jüdisches Gymnasium wechseln. Sein Vater, ein Händler, wurde später enteignet. Denes könnte sich heute als Holocaust-Opfer aufspielen. Aber dann wäre er wie jene von der „Ostküste“, die die Shoa zum Geschäft gemacht haben, und für die er nicht allzu viel übrig hat. Einzig, wenn es um Israel oder den Islamismus geht, dann nimmt Denes die Positionen ein, die man von einem Juden und Anhänger Ariel Scharons erwarten kann. Er hört nicht auf, vor der Gefahr zu warnen, die von fundamentalistischen Moslems ausgeht. „Europa will nicht verstehen, daß der aus der christlichen Liebestheologie abgeleitete Späthumanismus im Spottgelächter marodierender Banden von jungen Schwarz- und Nordafrikanern zerfetzt wurde“, schrieb er über die Unruhen in den französischen Banlieues vor drei Jahren. Nach den Erlebnissen im Krieg trat Denes als glühender Anhänger in die KP ein — und 1947 wieder aus: „Ich habe schnell gemerkt, was Kommunismus wirklich bedeutet.“ Schon bald erfolgte die erste Verhaftung. Danach schlug sich der studierte Philosoph und Psychologe mal als Autor und Übersetzer, mal als Redakteur und Dramaturg durch. 1958, unter KP-Chef Gheorghe Gheorghiu-Dej, wurde er wegen eines regimekritischen Textes verhaftet und zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. In seinem Roman „Angor Pectoris“ hat er die furchtbaren Gefängnisjahre verarbeitet. 1964 gab es eine Generalamnestie. Für Denes der wohl schönste Tag seines Lebens. Endlich frei aus der Hölle der kommunistischen Haft! 1970, unter dem devisenhungrigen Nicolae Ceauşescu, wurde Denes von Israel freigekauft. Im Heiligen Land aber hielt er es nicht lange aus. Er ging nach Deutschland, arbeitete ab 1972 beim Springer-Verlag, wo er Joachim Siegerist kennenlernte. Neue Heimat: Berlin. Seine drei Söhne wuchsen hier auf. Privat gibt es Parallelen zur eingangs erwähnten Filmfigur. Denes ist ebenso gewitzt und mit einer Frau verheiratet, die fast vierzig Jahre jünger ist — „in vierter Ehe“, wie er mit einem selbstironischen Anflug von Stolz zu sagen pflegt. Seine aus Rumänien stammende Frau Mălina ist Journalistin. Beide arbeiten und leben im beschaulichen Zehlendorf. Denes steht als Konservativer in der Tradition der k.u.k.-Monarchie, jenes liberalen Vielvölkerstaats, der sich wenig ins Leben seiner Bürger einmischte. Wenn er über machtbesessene deutsche Politiker schreibt, dann quillt vor allem Verachtung hervor: „Es geht hierbei nicht nur um eine schlichte Verrohung der politischen Sitten, vielmehr ist es Ausdruck der dem politisch-ethischen Anstand übergeordneten Machtgier. Es ist der Auftakt zu einer Talfahrt in die gesellschaftliche Vulgarität.“ Besonders angetan hatten es ihm Gerhard Schröder („Winkeladvokat aus Hannover“) und der frühere Außenminister Joseph Fischer, den er seinerzeit charakterisierte als „Autodidakten im Außenamt, dessen Kulturschatz von der Frankfurter Schule definiert wird“. Angesichts der anhaltenden Niveaulosigkeit auch in der Post-Rot-Grün-Ära fällt sein Urteil heute allerdings etwas milder aus. Denes geht Streit nicht aus dem Weg — mit allen Konsequenzen. Im November 2007 hielt er einen Vortrag bei einem rechten Gesprächskreis in Köln. Als die sogenannte Antifa den Saal stürmte und einen alten Mann vermöbelte, stellte sich Denes den Gewalttätern entgegen. Ivan Denes läßt sich nicht einschüchtern, das wäre nicht seine Art. Bestimmt war das auch nicht sein letzter mutiger Auftritt. Jemand, der zwei Diktaturen überlebt hat, den können ein paar fehlgeleitete Halbstarke nicht verunsichern. Am nächsten Dienstag wird Ivan Denes 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Literatur von Ivan Denes (Auswahl): „Gott am Wannsee“ (1993); „Angor Pectoris. Acht Charaktere, nachgezeichnet aus der Hafterfahrung“ (1997); „Wer und Was ist die ‘Ostküste‘ des Dr. Helmut Kohl? Jüdische Organisationen in den USA, Zionismus, Judentum, ein Dossier“ (2000); „Die Bücher der Schlaflosigkeit“ (2002)

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