So selten wie ein weißer Rabe

Mit sensationellen 3,6 Prozent der Stimmen gelang es dem evangelisch-reformierten Bischof László Tőkés, ein Direktmandat für das Europaparlament zu erringen. Damit gelang dem streitbaren Ungarn, der 1952 in Klausenburg (Kolozsvár/Cluj) geboren wurde, erneut ein Coup, der zumindest in die Geschichte Siebenbürgens eingehen wird. Tőkés‘ erster Streich war der Sturz des kommunistischen Regimes von Rumänien im Dezember 1989.

Damals nahmen die Demonstrationen, die sich schnell zu einer Massenbewegung steigerten, in Temeschburg (Temesvár/Timişoara) ihren Ausgang; Tőkés war maßgeblich an den Protesten beteiligt. Wie fast überall in den früheren Ostblockstaaten währte die Freude über die neue Freiheit nur kurz, denn die Wirtschaftsprobleme und die damit einhergehende Verarmung weiter Bevölkerungsteile überschatteten bald die neuen politischen Chancen. In dieser Situation wurden auch etliche Konflikte aus der Zwischenkriegszeit wieder virulent – etwa die Frage nach dem Umgang mit den ethnischen Minderheiten.

Rumänien liefert mit seinen zahlreichen Völkerschaften ein besonderes Anschauungsmaterial. Im Mittelpunkt der Debatte stehen Überlegungen, wie mit den Magyaren umzugehen sei; sie allein haben eine "kritische Masse" von etwa 1,8 Millionen Menschen (die Zahlen variieren stark) und ein kompaktes Sieldungsgebiet ("Széklerland") im Herzen Rumäniens. Die ehemals bedeutende deutsche Minderheit wurde zum großen Teil noch vor der Wende an die Bundesrepublik per Kopfgeld "verkauft", der Rest wanderte nach 1989 aus, so daß sie heute nur ein folkloristisches Element darstellen.

Bis zum Frieden von Trianon 1921 gehörte Siebenbürgen zu Österreich-Ungarn; der Zweite Wiener Schiedsspruch übereignete 1940 Nordsiebenbürgen an Horthy-Ungarn. Der Ausgang des Zweiten Weltkriegs annullierte die von den Achsenmächten vorgenommenen Grenzziehungen.

Keine Speerspitze eines expansiven Magyarentums

Eine erneute "Heimkehr" Siebenbürgens nach Ungarn wird heute in Budapest von keiner ernstzunehmenden politischen Kraft gefordert. Die ungarische Gerechtigkeitspartei (MIÉP), die für eine Wahlperiode (1998-2002) im Budapester Parlament saß, ist in die totale Bedeutungslosigkeit abgerutscht, und auch die mit ihrer "Garde" erst kürzlich populär gewordene rechte Jobbik ist ein politisches Leichtgewicht. Ein Referendum, das 2005 auch den Auslandsmagyaren einen ungarischen Paß gegeben hätte, scheiterte. Gleichwohl fühlen die Magyaren das Land "Erdély" zu ihrem Kulturkreis gehörig.

Mit dieser Situation scheint man auch in Bukarest immer besser leben zu können. Regionale Besonderheiten werden inzwischen auch in Ostmitteleuropa als Reichtum begriffen. Das Scheitern der Großrumänischen Partei (PRM) bei den Europawahlen untermauert die Tendenz. Eindrucksvoll war auch, wie sich Rumänien in der europäischen Kulturhauptstadt 2007, Hermannstadt (Nagyszeben/Sibiu), darstellte: Von nationalistischen Überreaktionen eines verunsicherten Staates war nichts zu entdecken, und auch die "dako-rumänische Kontinuitätsstheorie", mit der allenthalben bewiesen werden soll, daß man "früher da war", steht nicht mehr im Vordergrund.

Die Mutmaßung, Tőkés sei die Speerspitze eines expansiven Magyarentums, ein böser Nationalist, geht daher vollkommen an der Realität vorbei. Denn eines wird dabei immer übersehen: Auch die siebenbürgischen Rumänen fühlen sich ihren Landsleuten aus der Walachei (die vier Jahrhunderte osmanisch besetzt war) und der Moldau überlegen.

Zudem sind die Ungarn in keiner Weise geeint, nicht einmal in Rumänien selbst. Der Demokratische Bund der Ungarn in Rumänien (RMDSZ) unter der Führung von Béla Markó ist als Koalitionspartner an der Regierung beteiligt und gilt als vollkommen staatskonform. Markó wird zwar nicht müde, immer wieder zu versprechen, daß der RMDSZ für eine Autonomie im Széklerland kämpfe, aber bisher folgten den Ankündigungen keine Taten.

Fast 20 Jahre nach der Wende ist das Vertrauen aufgebraucht, zumal auch Politiker des RMDSZ in Korruptionsskandale verstrickt waren. Markó selbst gilt als "gekauft". In dieser Situation kam es zur Gründung einer bürgerlichen Partei (MPSZ) der Magyaren; nicht das Volk, sondern "europäische Werte" standen dabei im Vordergrund. Der Geistliche ist nach wie vor das Symbol antitotalitären Widerstands, der "Held der Wende".

Auf dieses Image baute die rumänische Kampagne auf. Tőkés erklärte dieser Zeitung: "Ich hatte gehofft, daß ich auch Stimmen von den Rumänen bekomme, und tatsächlich haben mindestens 13.000 Rumänen für mich gestimmt – das ist ein Riesenerfolg!" Noch einen großen Vorteil hat Tőkés: Er gilt als korruptionsresitent; in der politischen Klasse Rumäniens ist diese Eigenschaft so selten wie ein weißer Rabe.

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