Ein Kumpeltyp in Bedrängnis

Enge Weggefährten des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden Kurt Beck berichten von einer regelrechten Metamorphose, sobald er das heimische Mainz verläßt und das Parkett der Bundeshauptstadt Berlin betritt. In der Landeshauptstadt ist er „der Kurt“, ein Kumpeltyp, dessen Handschlag zählt und der auf eine übertriebene Etikette nur wenig Wert legt. In der Bundeshauptstadt aber muß er den Vorsitzenden der bis zur vergangenen Woche größten deutschen Partei geben. Es ist eine Rolle, die Kurt Beck alles andere auf den Leib geschnitten ist, und so wandelt sich der fröhliche Kumpel Kurt nach nur einer Flugstunde zu einem mürrischen, introvertierten Eigenbrötler, der den Eindruck erweckt, er sei in Berlin nur auf der Durchreise. Zermürbt von quälenden Richtungsstreitigkeiten und desaströsen Umfragewerten beging der 59jährige im Februar einen schweren strategischen Fehler, dessen Außenwirkungen mittlerweile auch an der heimatlichen Basis spürbar werden. Während eines Kamingesprächs mit einem Kreis ausgewählter Journalisten ließ Beck die Möglichkeiten einer Kooperation mit der Linkspartei anklingen und ging damit auf Distanz zu den zuvor während des hessischen Landtagswahlkampfs getroffenen Aussagen. Problematisch wurde die Sache freilich erst, nachdem sich ein anwesender Medienvertreter nicht an die zuvor vereinbare Vertraulichkeit gehalten hatte.  Becks Aussagen wurden öffentlich, und da nutzte es wenig, daß der SPD-Chef lauthals über die journalistische Hinterhältigkeit jammerte. Seitdem gilt der Mainzer Regierungschef als Wortbrecher, wie sich anhand der neuesten Umfragen in seiner Heimat belegen läßt. Gerade gleichauf mit einer schwachen Landes-Union befindet sich die allein regierende SPD auf Sinkflut weit unter die 40-Prozent-Hürde. Und bei der Frage nach dem beliebtesten Landespolitiker ist der Abonnement-Sieger Beck mittlerweile deutlich hinter den FDP-Landesvorsitzenden Rainer Brüderle zurückgefallen. Am schlimmsten aber ist der Glaubwürdigkeitsverlust. Mehr als die Hälfte der Befragten halten Beck für unglaubwürdig, und bei der Frage nach dem optimalen Kanzlerkandidaten der SPD schneidet Außenminister Frank-Walter Steinmeier sogar in Becks Heimat mittlerweile besser ab als der Ministerpräsident. Der reagiert nach einem fast schon zur Methode gewordenen Strickmuster. Er beschimpft Journalisten und Meinungsforschungsinstitute und beklagt den Verfall der politischen Kultur. Es steht außer Frage, daß Beck als Parteivorsitzender spätestens seit dem mißglückten Kamingespräch schwer angeschlagen ist. In seiner Heimat wäre das dem Strippenzieher nicht passiert. Wenn er den Chefredakteuren der Rheinpfalz oder der Mainzer Allgemeinen seine nächsten Schachzüge bei einem Schoppen Pfälzer Wein präsentierte, konnte er sich auf Vertraulichkeit verlassen. Doch das System Beck funktioniert in Mainz und nicht in Berlin. Und genau dieses Scheitern wird nun auch im Hinblick auf seine weitere Karriere in Rheinland-Pfalz zum Problem. Zweifelsohne ist der Landesvater immer noch populär. Während seine Amtskollegen große Politik zu machen pflegen und sich in Live-Sendungen einem Millionenpublikum geradezu aufdrängen, tingelt Beck über Weinfeste, kürt Schönheitsköniginnen und besucht mittelständische Unternehmer.  Er läßt sich duzen, wenn er bei Heimspielen des 1. FC Kaiserslautern leutselig an der Würstchenbude steht, und wenn der sportlich und finanziell kriselnde Zweitligist mal wieder Steuermittel zur Konsolidierung benötigt, setzt Beck dies über alle Parteigrenzen hinweg durch. Die Menschen mochten ihn bisher, weil er als Macher und nicht als Visionär gilt. „Bei uns gilt das Wort ’sofort‘ und nicht die Frage nach der Zukunft“, ließ Beck neulich verlauten und verbreitet fast beschwörend, daß die Stimmung an der Basis, bei den normalen Menschen eine andere sei, als es die Meinungsforscher und Journalisten suggerieren würden. Aus diesen persönlichen Erfahrungen schöpfen die Genossen am Rhein und in der Pfalz ihre Hoffnung. Immerhin ist es Beck 2006 gelungen, die damals noch unter dem Namen WASG angetretene Linke aus dem Landtag herauszuhalten und der SPD eine absolute Mehrheit zu besorgen. Die Pfälzer lieben Bodenständigkeit und Verläßlichkeit. Und hierin liegt Becks Dilemma. Nach allen Umfragen werden sich im nächsten Landtag fünf statt bisher drei Parteien wiederfinden. Und eine rote Regierungsmehrheit scheint zweieinhalb Jahre vor dem Wahltermin nur mit Hilfe der Linkspartei möglich. Dem Ministerpräsidenten bleibt derzeit nur die Hoffnung, daß sich die politische Großwetterlage ändern und er nicht in die Situation geraten wird, in seiner Heimat eine Koalitionsaussage gegen die Linkspartei treffen zu müssen. Sprichwörter wie „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht“ haben in der Pfalz spätestens seit dem verpatzten Kamingespräch Hochkonjunktur. Und das ist Kurt Becks größte Niederlage. Foto: Beck auf einem heimatlichen Weinfest: Als Landesvater populär

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