Brutale Methoden der Entführung

Am 2. Juli konnte der Verteidigungsminister Juan Manuel Santos Calderón die Befreiung der berühmten Geisel verkünden: Íngrid Betancourt Pulecio kam – zusammen mit drei US-Bürgern und elf kolumbianischen Soldaten – nach einem spektakulären Coup des Militärs frei. Für die Freilassung der 46jährigen kolumbianischen Ex-Präsidentschaftskandidatin, die auch den französischen Paß besitzt, sollen angeblich 20 Millionen Dollar Lösegeld an die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) geflossen sein, berichteten französischsprachige Medien. Was Santos heftig dementierte. Er gab aber zu, daß „einige Guerilla-Mitglieder“ dem kolumbianischen Militär „geholfen“ hätten. Hinweise soll der Computer des im März bei einem Angriff auf ein Lager in Ecuador getöteten Farc-Führers Luis Edgar Devia Silva (Kampfname: „Raúl Reyes“) für die Aktion geliefert haben. Wie dem auch sei – die Farc, neben der „Nationalen Befreiungsarmee“ (ELN) die bedeutendste Guerilla-Organisation Kolumbiens, scheint zusehends geschwächt. Ihre Gesamtstärke wird auf 10.000 bis 15.000 Angehörige geschätzt, die zumeist unter der Landbevölkerung zwangsrekrutiert werden. Die Farc entstand 1964 als militärischer Arm der Kommunistischen Partei (PCC). Sie forderte eine „revolutionäre Landreform“ zu Lasten der Großgrundbesitzer. Die Farc beherrscht einen großen Teil des ländlichen Kolumbiens, wo sie aktiv den Drogenanbau schützt und daraus hohe Gewinne erzielt. Die Einnahmen der „Narcoguerilla“ haben längst deren traditionelle Erwerbsquelle überflügelt: Lösegeld für Entführte. Der legendäre Farc-Gründer Pedro Antonio Marín („Manuel Marulanda Vélez“) war im März im Alter von 80 Jahren im Dschungel verstorben. Über vier Jahrzehnte führte der „Tirofijo“ („Sicherer Schuß“) genannte älteste Guerillaführer der Welt einen unerbittlichen Kampf gegen die kolumbianische Oligarchie. Die zunächst primitiv bewaffnete Truppe hat sich seither zu einer hochgerüsteten Miniarmee entwickelt. Die Farc verfügt über Waffen von Heckler & Koch, die uniformierten Farc-Kombattanten sind äußerlich kaum von Kolumbiens Militär zu unterscheiden. Farc-„Kontrollposten“ auf Überlandstraßen sind oft nicht als solche zu erkennen. Eine Fahrt durch „ihre“ Landesteile ist ein unkalkulierbares Risiko. Allerdings steht der Farc mit den sogenannten paramilitärischen Verbänden ein erbitterter Gegner gegenüber, der sich in der Wahl der eingesetzten Mittel nicht von dieser unterscheidet. In einem Punkt herrscht Einmütigkeit: sie arbeiten beide der Drogenmafia zu. Der Farc ist es teilweise sogar gelungen, eine infrastrukturelle Verwaltung zu errichten. Dies veranlaßte den früheren Präsidenten Andrés Pastrana Arango, der Farc im Rahmen einer Friedensoffensive ein Gebiet ein Gebiet von der Größe der Schweiz zu überlassen. Doch das Projekt scheiterte unweigerlich. Unter den brutalen Kämpfen leidet besonders die Landbevölkerung. Von der Guerilla zur Versorgung mit Lebensmitteln gezwungen, wird sie dafür vom kolumbianischen Militär mit drakonischen Sanktionen abgestraft. Die Farc-Strategie erinnert an die vom Vietcong praktizierte Kriegführung. So führen – ähnlich dem Ho-Chi-Minh-Pfad – zwei Verbindungswege durch das Land, die sich in der Nähe der Hauptstadt Bogotá kreuzen. Der Farc gelang es sogar, ein kolumbianisches Militärbataillon gefangenzunehmen. 200 Soldaten verschwanden, auch für Satelliten unauffindbar, monatelang in einem unterirdischen Versteck. Selbst Fidel Castro sind die Farc-Methoden suspekt. Am Sonntag forderte Kubas Revolutionsführer erneut, bedingungslos alle Geiseln freizulassen. „Ich habe stets energisch die brutalen Methoden der Entführung und das Halten von Gefangenen im Wald kritisiert“, schrieb der Máximo Líder in seiner Kolumne „Gedanken des Genossen Fidel“ in der Juventud Rebelde. Die Farc müsse ihren Kampf aber dennoch fortsetzen.

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