Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Altern, ohne reich zu sein

Hamburg im China-Rausch — nicht erst seit den gerade laufenden China-Wochen inklusive Rummel auf dem Rathausplatz, sondern schon seit 1980, als der erste rotchinesische Handelsrepräsentant sich hier ansiedelte. Die Konrad-Adenauer-Stiftung kam dem Interesse durch die Einladung Heinrich Krefts nach. Der Politologe ist derzeit von seiner eigentlichen Aufgabe im Planungsstab des Auswärtigen Amts beurlaubt, um der Unionsfraktion im Bundestag als außenpolitischer Berater zu dienen. Chinas Aufstieg sei ein „epochales Ereignis“. Daß es Deutschland von Platz 3 in der Rangliste der größten Volkswirtschaften verdränge, sei „nur noch eine Frage von Monaten“, was bei — seit 25 Jahren — zweistelligen Wachstumsraten auch kein Wunder sei. Doch Kreft wollte das Publikum nicht verschrecken. Keine Angst vor China war seine These, denn „unser Interesse ist der Erfolg Chinas“, und so kaprizierte er sich auf die Schattenseiten des rasanten Aufstieges. Die „Weltmacht im Werden“ habe vor allem ein entscheidendes Problem: „China altert, ohne reich geworden zu sein.“ 200 Millionen Wanderarbeiter Der Lehrbeauftragte von der Uni Siegen skizzierte die Lage anhand ökonomischer und demographischer Daten. China sei „kein reiches Land“, 100 Millionen Chinesen müßten mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Der durchschnittliche Jahresverdienst liege bei 1.500 Dollar. Die Spreizung der Einkommen nehme zudem rapide zu, so verdienen die oberen zwanzig Prozent heute bereits dreizehn Mal soviel wie die unteren zwanzig Prozent. China sei von einer der egalitärsten Gesellschaften auf dem Weg zu einer der größten sozialen Unterschiede. Zwar gebe es in China keine Slums — auch weil „rabiat geräumt“ würde, doch das Sozialsystem sei „notleidend“. Nicht nur die 200 Millionen Wanderarbeiter, die es in die boomenden Städte zieht, sondern auch die Städter selbst fielen zunehmend aus den sozialen Sicherungs­sytemen. Diese hatten sich bisher hauptsächlich auf die betriebliche Absicherung gestützt, doch mit der steigenden Anzahl insolventer Staatsbetriebe klaffe nun eine Lücke. Daß vor diesem Hintergrund 2005 selbst nach offizieller Statistik 87.000 Massenproteste, getragen von 3,8 Millionen Menschen gezählt werden, werde von der KP nicht nur mit Verfolgung beantwortet. Sie nutze vielmehr nicht nur deren Ventilfunktion, sondern sehe die Proteste auch als Instrument der Gegensteuerung gegen die „sytemische Korruption“ lokaler Behörden.

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