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„Die Mullahs sind keine Selbstmörder“

Sari Nusseibeh sagt von sich selbst, daß er betont rational und kühl an die israelisch-palästinensische Konfliktlösung herangehe. Dabei verschont der Präsident der arabischen Al-Quds-Universität in Jerusalem auch nicht seine politischen Freunde bei der PLO, respektive Fatah, denen er nahesteht. Schon 1917 hätten die Araber auf die Balfour-Deklaration aus Nusseibehs retrospektiver Sicht anders, nämlich verhandlungsbereit anstatt konfrontativ agieren sollen. Daß es mit dem Faisal-Weizmann-Abkommen, welches nie in Kraft trat, eine solche Verhandlungsstrategie der Araber gab, erwähnte Nusseibeh allerdings nicht. Auch in den folgenden Jahren bis heute hätten die Palästinenser immer wieder strategisch falsch und damit gegen ihre eigenen Interessen gehandelt, sagte Nusseibeh kürzlich auf dem Forum der Hamburger Körber-Stiftung. Immer wieder habe man sich von israelischen Hardlinern provozieren lassen und darauf zum eigenen Nachteil reagiert. So sei der Boykott der Palästinenser gegen die Wahlen in Jerusalem eine Fehlentscheidung gewesen. Der palästinensische Intellektuelle verwies darauf, daß man von arabischer Seite mindestens ein Drittel der Stimmen stelle und so auch den Bürgermeister mitbestimmen könne. Ob er dabei selbst als Kandidat antreten wolle, ließ er vielsagend lächelnd offen. „Iran als Partner und nicht als Gegner begreifen“ Für „eine andere Iran-Politik, die den Iran als Partner und nicht als Gegner begreift“, wirbt derzeit Christoph Bertram. Unter Helmut Schmidt am Aufbau des Planungsstabes des Verteidigungsministeriums beteiligt, gehörte er von 1982 an der Zeit 16 Jahre lang als Chef des Ressorts Politik und als diplomatischer Korrespondent an. Danach avancierte er zum Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Derzeit ist er Vorstandsvorsitzender des Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Als Stichwortgeber auf dem Forum der Körber-Stiftung fungierte dabei sein Herausgeber, der streitbare Schweizer Publizist und Ex-Zeit-Chefredakteur Roger de Weck. Bertram kritisierte in Hamburg scharf die bisherige Strategie des Westens gegenüber dem Iran, der er Versagen attestierte. Viel zu sehr kapriziere sich der Westen auf die „nukleare Frage“, womit er einerseits das iranische Regime nach innen stabilisiere und andererseits in einer diplomatischen Sackgasse lande. Lange hielt sich Bertram daran auf, eine mögliche Strategie zu entwickeln, mit der dem Iran der Verzicht auf die Atombombe schmackhaft gemacht werden könnte. Doch im Kern hat Bertram kaum Befürchtungen für den Fall, daß die iranischen Theokraten tatsächlich in den Besitz atomwaffenfähigen Materials gelangen. Das Regime sei seit 1979 an der Macht und mithin „gefestigt“ und „die Mullahs keine Selbstmörder“. Auf die dadurch bei weiten Teilen des Auditoriums ausgelöste Assoziation mit den durch den Iran unterstützten Selbstmord­attentätern von Hamas und Hisbollah ging er nicht direkt ein. Ohnehin mußte Bertram erhebliche Widerworte im Publikum überwinden, um seinen „bewußten Gegenentwurf zum Mainstream“ argumentativ durchzuhalten. So gab er einem Exil-Iraner mit auf den Weg, daß das Regime im Iran zwar unerfreulich, aber kein Polizeistaat sei. Einem besorgten Juden, der darauf hinwies, daß in Anlehnung an die Worte Rafsandschanis „eine einzige Bombe ausreicht, um Israel zu vernichten“, erklärte er, daß sich die iranischen Machthaber in „hohem Maße rational“ verhielten. Zwar hätte der Iran „18 Jahre lang getrickst“, doch sich danach auch verhandlungsbereit gezeigt. Das Nuklearprogramm sei nun zu einem „Dollpunkt des Nationalstolzes“ geworden und werde selbst von weiten Teilen der iranischen Opposition unterstützt. Er glaube nicht, daß der Iran eine Atombombe wirklich einsetzen würde, und verwies darauf, daß andere Länder, die im Besitz von Atomwaffen sind, diese auch nicht eingesetzt hätten. Das Existenzrecht Israels hält Bertram für ein Ziel von Verhandlungen mit dem Iran, zur Vorbedingung dürfe es aber nicht gemacht werden. Daß er sich damit dem Verdacht des Appeasement aussetze, bestritt Bertram. Er sehe sich mit seinen Vorschlägen für eine neue Iran-Politik in der Tradi­tion der Entspannungspolitik der 1970er Jahre, die doch gezeigt habe, daß man der Sowjetunion nicht ausschließlich konfrontativ beikommen konnte, sondern mit einem Mix aus Entspannung und Abschreckung. Sari Nusseibeh, Anthony David: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina. Verlag Antje Kunstmann, München 2008, gebunden, 528 Seiten, 24,90 Euro Christoph Bertram: Partner, nicht Gegner. Für eine andere Iran-Politik. Verlag Edition Körber Stiftung, Hamburg 2008, broschiert, 100 Seiten, 10 Euro

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