Joachim Kuhs

 

Gefängnis um Gefängnis abgeklappert

Das Kairoer soziologische Forschungsinstitut „Ibn Khaldun Zentrum für Entwicklungsstudien“ (ICDS) ist schon wieder im Visier der ägyptischen Justiz: Seit Ende Mai sitzen fünf seiner Wissenschaftler in Untersuchungshaft. Noch im vergangenen Monat meldete das ICDS das spurlose Verschwinden seiner Mitarbeiter, denen zunächst jeglicher Kontakt nach außen – ob zu Verwandten oder Anwälten – versagt blieb. Jetzt kam heraus, daß ihnen Beleidigung der Religion vorgeworfen werde. Bei den fünf Inhaftierten handelt es sich um den 25jährigen Amr Tharwat, den 26jährigen Abdelhamed Abdelrahman, den 40jährigen Adellatif Mohamed Saied sowie den 30jährigen Ahmed Dahmash. Wochenlang hatten Menschenrechtsaktivisten Gefängnis um Gefängnis abgeklappert, um die fünf zu finden. Bereits im Juni 2000 sind 28 ICDS-Mitarbeiter verhaftet worden. Sie mußten jahrelang um ein gerechtes Urteil kämpfen. Ihre Forschungseinrichtung blieb derweil geschlossen und eröffnete erst wieder im Juni 2003. Die Einrichtung beschäftigt sich mit mehreren heißen Eisen zugleich: Sie ist Vorreiter in der Erforschung des islamischen Fundamentalismus, ihre Studien dazu werden weltweit von Politikwissenschaftlern zitiert. Zugleich gehen Wissenschaftler des Zentrums den Ursachen der Benachteiligung der orthodoxen Kopten (der autochthonen ägyptischen Christen) auf den Grund. Saad Eddin Ibrahim, der Leiter des ICDS, hatte zudem Mitte des Jahres 2000 angekündigt, die Wahlen zum ägyptischen Parlament im darauffolgenden Herbst auf mögliche Manipulationen hin überprüfen zu wollen. Dazu kam es nicht: Zusammen mit seinen Mitarbeitern wurde er eingesperrt und ein Jahr später zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das Urteil wurde aufgehoben, jedoch kam es noch zu einer weiteren Verurteilung, die wiederum aufgehoben wurde. Rund 14 Monate mußte der inzwischen 68jährige Professor, der neben der ägyptischen auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, hinter Gittern verbringen (JF 21/02). Seither bewegt Ibrahim sich nur schwerfällig: Ein Nervenleiden war während der Zeit der Haft nicht genügend behandelt worden, was motorische Störungen auslöste. Den ICDS-Aktivisten war vorgeworfen worden, von der EU-Kommission Projektgelder angenommen und damit gegen ägyptische Gesetze verstoßen zu haben. Zudem soll die ICDS-Leitung in einem Fax an eine evangelische Organisation in Deutschland das politische System in Ägypten kritisiert und so das Ansehen des Landes im Ausland geschädigt haben. Saad Eddin Ibrahim, obwohl ein gefragter Ratgeber der ägyptischen Regierung, legt oftmals allein durch seine Präsenz bei internationalen Foren den Finger in die Wunde des ägyptischen Regimes: Als Redner bei der Internationalen Koptischen Konferenz Ende 2005 in Washington ebenso wie bei einem internationalen Dissidententreffen mit US-Präsident George W. Bush Anfang Juni diesen Jahres in Prag. Der inhaftierte Amr Tharwat tut es seinem Chef offenbar nach: Er war Koordinator eines ICDS-Projekts zur Überwachung der Wahlen für das ägyptische Oberhaus. Zugleich ist er, wie seine vier Kollegen, Mitglied der Quranic Group, die sein im US-Exil lebender Onkel begründete. Die Bewegung möchte durch die „Förderung friedlicher Reformen in der muslimischen Welt auf Basis demokratischer Werte und der Achtung der Menschenrechte“ dem Einfluß militanter islamistischer Gruppen begegnen. Sie erhalten Drohungen seitens dieser Gruppen, aber auch staatlicherseits, wie auf der ICDS-Internetseite zu lesen ist. Die Arabische Republik Ägypten ist zwar seit der außenpolitischen Wende unter Präsident Anwar as-Sadat (1981 von einem Islamisten ermordet) seit Ende der siebziger Jahre ein strategischer Verbündeter der USA. Zugleich wird die ägyptische Gesellschaft jedoch seit dem Tode des arabisch-linksnationalistischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (1970) von Fundamentalisten (speziell der Muslimbruderschaft) erfolgreich unterwandert. Nur so ist zu verstehen, daß staatliche Institutionen immer öfter den islamistischen Erwartungen entsprechen. Obwohl er selbst inzwischen ernstzunehmende Morddrohungen erhält, plädiert Saad Eddin Ibrahim dafür, die islamistischen Aktivisten bei einer Demokratisierung mit einzubinden. Er erwarte bei ihnen eine Entwicklung wie bei den Christlich-Konservativen in Europa, die seit Jahrzehnten die freiheitliche Demokratie stützten. Sein Berater Moheb Zaki, der ihm regelmäßig in der ICDS-Zeitschrift Civil Society widersprechen darf, hält dem entgegen: „Der Erfolg der Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft ist besonders auffallend.“ Während das Regime die institutionalisierte Diskriminierung der Kopten aufrechterhalte, versuche es, die Islamisten durch Zugeständnisse an deren „engherzige Werte“ zu kontrollieren. Das Ibn Khaldun Zentrum für Entwicklungsstudien im Internet: www.eicds.org .

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