Zivile Objekte mit Raketen beschossen

Ähnlich wie vorher schon mit einer Untersuchung über die Methoden der israelischen Kriegführung im jüngsten Libanonkrieg (JF 36/06) hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) nun auch der radikal-schiitischen libanesischen Hisbollah-Miliz Kriegsverbrechen im Konflikt mit Israel vorgeworfen. Die Hisbollah habe „absichtlich Zivilisten und zivile Objekte mit Raketen beschossen“ und dabei teilweise eine Art „Streumunition“ eingesetzt, berichtete Amnesty Ende letzter Woche in London. Etwa jede vierte der 3.970 Raketen, die die Hisbollah während des jüngsten Kriegs auf Israel abgefeuert habe, sei in Wohngebieten eingeschlagen. Eine ungenannte Zahl Katjuscha-Raketen sei mit Gefechtsköpfen ausgestattet gewesen, deren Sprengladung „mit Tausenden kleinen Stahlkugeln“ versehen gewesen sei, „um beim Einschlag größtmöglichen Personenschaden zu erzielen“. „Nicht nur wir werden einen Preis bezahlen“ Amnesty hebt hervor, daß gerade Katjuscha-Raketen „insbesondere auf größere Entfernungen nur sehr ungenau gezielt werden können“. Das mache sie zu einer „indiscriminate weapon“, einer „wahllosen Waffe“, die „schon aufgrund ihrer Eigenschaften nicht in der Lage ist, zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden“. Interviewte Hisbollah-Sprecher hätten zwar ausgeführt, es sei „die erklärte Politik der Hisbollah, nicht gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen“, und die Organisation halte sich „nach wie vor an die 1996 mit Israel erzielte Vereinbarung, Zivilisten zu schonen“. Dennoch nimmt sich der Bericht – wohl in dem erkennbaren Bemühen, sich keine „Einseitigkeit“ vorwerfen zu lassen – auch die Freiheit, aus einer Fernsehrede des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah vom 14. Juli zu zitieren, in der er unverblümt von Repressalien spricht: „Nicht nur wir werden einen Preis bezahlen. Nicht nur unsere Häuser werden zerstört werden. Nicht nur unsere Kinder werden umkommen …“ Aus den genannten Gründen bestehe kein Zweifel daran, „daß auch die Hisbollah gegen die Gesetze des Krieges verstoßen hat“, erklärte die aus dem heutigen Bangladesch stammende AI-Generalsekretärin Irene Zubaida Khan bei der Vorstellung des Berichts. „Die Tatsache, daß auch Israel ernsthafte Verstöße begangen hat, rechtfertigt die Verstöße der Hisbollah nicht.“ Die Zivilbevölkerung dürfe nicht den Preis für Kriegsverbrechen der jeweils anderen Seite bezahlen. Nach Angaben von AI stützt sich der zwölfseitige Bericht „auf Informationen aus erster Hand“, die eine Kommission der Organisation „bei Besuchen in Israel und im Libanon, durch Interviews mit Dutzenden von Opfern, aus offiziellen Verlautbarungen, aus Gesprächen mit Militär- und Regierungsmitarbeitern, aber auch mit Führungskräften der Hisbollah, aus Mitteilungen von Nichtregierungs-Organisationen und aus Medienberichten“ gewonnen hat. In seinen elf Kapiteln gibt der Bericht einen Eindruck davon, was „auf der anderen Seite“ geschehen ist. Allein schon wegen der kaum vergleichbaren „Killing Capacities“ der israelischen Luftwaffe und der Hisbollah-Miliz waren die Schäden und Menschenverluste auf der israelischen Seite zwar ungleich geringer als auf der libanesischen, doch was das Leid der Zivilisten angehe, so Khan, höben sich „die Kriegsverbrechen Israels und der Hisbollah nicht gegenseitig auf“. Demnach schlugen in den mehr als vier Kriegswochen vom 12. Juli bis zum 14. August täglich über hundert Raketen in Nordisrael ein, an manchen Tagen bis zu 240. Dabei starben 43 Zivilisten, davon sieben Kinder. Auch zwölf israelische Soldaten, die sich bei einer Reservistenmeldestelle eingefunden hatten, kamen bei einem Raketeneinschlag ums Leben. 4.262 Zivilisten wurden verletzt und mußten in Krankenhäusern stationär oder ambulant behandelt werden, so der AI-Bericht. In der betroffenen Region, in der mehr als 1,2 Millionen Menschen leben, waren zeitweise mindestens 350.000 Bewohner evakuiert, 5.000 Kinder wurden in Sommerlager einer Art „Kinderlandverschickung“ in Sicherheit gebracht. Der AI-Bericht enthält eine Reihe von Augenzeugenberichten: „Alles, was wir tun, tun wir mit Angst. Wir essen in Angst, wir sitzen in Angst. Wir duschen in Angst. Wir schlafen in Angst.“ Der Bericht befaßt sich nicht nur mit den Auswirkungen auf die Menschen, sondern gibt auch interessante Informationen über die wirtschaftlichen Einbußen, die Israel hinzunehmen hatte: Die Verluste betrafen vor allem die Sektoren Tourismus mit 1,2 Milliarden Dollar und Handel und Gewerbe mit 1,4 Milliarden Dollar. Ein Viertel der Kleinunternehmen in diesem Bereich konnte nur durch staatliche Sofortmaßnahmen den Konkurs abwenden. Schäden an Gebäuden und an Infrastruktureinrichtungen sollen in einer Höhe von 1,8 Milliarden Dollar entstanden sein. Zum Vergleich: Im Libanon sollen die Kriegsschäden nach Schätzungen 3,5 Milliarden Dollar betragen. Libanons wichtigste Tageszeitung, Daily Star wies jedoch darauf hin, daß die Schadenskalkulationen auf Basis der sehr unterschiedlichen Arbeitskosten erfolgten. Bei Zugrundelegung gleich hoher Arbeitskosten belaufe sich der entstandene Schaden im Libanon auf etwa sechs Milliarden Dollar. Foto: Haus in Nahariya nach Katjuscha-Angriff der Hisbollah: An manchen Tagen bis zu 240 Raketen Die AI-Studie “ Israel/Lebanon – Under fire: Hizbullah’s attacks on northern Israel “ findet sich im Internet: https://web.amnesty.org/library/index/engmde020252006

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