Wege aus der Bildungskrise

Es gibt in Deutschland eine Merkwürdigkeit. Einerseits rühmt sich das Land einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Andererseits kann der Eindruck entstehen, es herrsche ein Schulsystem, welches einst in einem Obrigkeitsstaat gebildet wurde und den mündigen Bürger nicht kennt. So ist es nicht verwunderlich, wenn gerade in jüngerer Zeit sich Schulinitiativen um Alternativen bemühen. Zwar ist das Recht auf Privatschulen im Grundgesetz garantiert, allerdings sieht die Wirklichkeit meist anders aus (JF 28/06). Vor diesem Hintergrund ist der 2. Bundeskongreß Evangelischer Schulen, der unter dem Motto „Spitzen schaffen Bewegung“ am 12. und 13. Oktober in Berlin stattfand, von besonderer Bedeutung. Hier konnte das große Potential erahnt werden, welches Schulen in freier Trägerschaft besitzen können. Gleichzeitig wurde aber in der begleitenden Podiumsdiskussion auch ersichtlich, mit welchen Problemen diese zu kämpfen haben. Dabei ist die unsichere Finanzierung zwar ein gewichtiges, jedoch sicher nicht das wichtigste Problem. Die Debatte zeigte, daß vielmehr ein tiefgreifender Bewußtseinswandel nötig wäre, um die tatsächliche Bedeutung freier Schulen für die Gesellschaft überhaupt zu erkennen. Denn sie scheinen häufig die richtige Antwort auf eine lebendige, vielfältige und selbstbewußte Zivilgesellschaft zu sein. Damit könnten Privatschulen schlicht und ergreifend die Zukunft des deutschen Bildungssystems sein. Diese immense Bedeutung für ein zukunftsfähiges Kulturleben wird derzeit aber selbst von den Beteiligten kaum wahrgenommen. Vorwurf der sozialen Selektion So stellte die Abteilungsleiterin im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium, Beate Scheffler, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Frage in den Raum, ob wir uns angesichts der muslimischen Gemeinden in Deutschland überhaupt mehr Schulen in freier Trägerschaft wünschen sollten. Nun ist es aber die Frage, ob Koranschulen wirklich das Problem einer offenen, freiheitlich demokratischen und plural ausdifferenzierten deutschen Gesellschaft sind – oder nicht vielmehr das Problem einer muslimischen Kultur, die das alles nicht ist. Einen gerne pauschal gegen Privatschulen erhobenen Vorwurf, den der sozialen Selektion, entkräftete Kirchenschulrat Manfred Hermann ganz nebenbei, eigentlich unbeabsichtigt, mit seiner eingängigen Schilderung aus der Arbeit der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. In dem Ringen der Stiftung wurde deutlich, wie die evangelischen Schulen darum bemüht sind, gerade in sozialen Brennpunkten durch Schulneugründungen Zeichen zu setzen und möglichst vielen Menschen die Türen zu öffnen. Denn nicht eine elitäre Gesinnung von Privatschulen ist der Grund, daß eher Kinder aus wohlhabenden und gebildeten Familien diese besuchen – eine Gesinnung, die angeblich jene ausschließt, um die sich dann ein aufopferungsvoller Staat kümmert. Sondern ebenjener Staat selbst ist dafür verantwortlich, indem er durch ungerechte Finanzierung Staatsschulen prinzipiell besserstellt und freien Schulen gar nicht die Möglichkeit läßt, auf Schulgeld zu verzichten. In der Gegenwart neigt der Staat angesichts einer klammen Haushaltslage dazu, die Privatisierung auf Gebieten fortzutreiben, welche bisher ganz selbstverständlich ihm vorbehalten waren. Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant zu wissen, daß – wie Manfred Hermann berichtete – in Berlin der Schüler einer freien Schule dem Land nur 60 Prozent der Kosten eines Staatsschülers verursacht. Trotzdem streicht das Land Berlin die Zuwendungen, so daß Schulneugründungen unmöglich sind und bestehende freie Schulen an den Rand des Ruins gebracht werden. Dieser finanzpolitische Unsinn demaskiert den staatlichen Widerstand und zeigt nach Ansicht von Kritikern, worum es sich hierbei handelt: um das eifersüchtige Beharren auf den alten Machtrefugien eines Obrigkeitsstaates, der in Wirklichkeit gar nichts von einer Zivilgesellschaft wissen will. Freie Schulen mit geringer Schülerzahl Auf die vergleichsweise geringe Zahl von Schülern freier Schulen angesprochen, entgegnete Michael Ebling (SPD), Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium, mit dem Bild, daß ein scharfer Stachel oft mehr bewegen kann als ein morscher Stamm. Derzeit erleben wir das bildungspolitische Desaster eines Staates, der versucht, in seinen Anstalten ein freies Geistesleben abzubilden. Angesichts dieser deutschen Bildungsmisere scheint es höchste Zeit, daß ein breites Bewußtsein dafür entsteht, wer ein scharfer Stachel ist – und wer ein morscher Stamm.

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