Was blieb, war Leere

In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen steht in Artikel 13: „Jeder hat das Recht, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen“. Und: „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen“. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der Zementierung der Teilung Deutschlands hat die DDR dieses Menschenrecht zutiefst verletzt, was 1.067 Menschen sogar das Leben kostete. Peter Fechter, der am 17. August 1962 in der Nähe des Checkpoint Charlie verblutete, und Burkhard Niering, der am 5. Januar 1974 an diesem Grenzübergang erschossen wurde, sind nur zwei von über tausend Todesfällen, für die das DDR-Grenzregime die Verantwortung trägt und derer die Stadt Berlin bislang nicht in geeigneter Form gedenken wollte. Weil die Stadt fast 15 Jahre lang kein Denkmal für diese Opfer aufstellte, hatte Alexandra Hildebrandt, die Leiterin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft 13. August im Herbst 2004 ein privates Mahnmal für die Opfer des Unrechtregimes errichtet. Jedes der 1.067 drei Meter hohen Holzkreuze trug den Namen von einem Menschen, der durch den „antifaschistischen Schutzwall“ starb oder getötet wurde. Das Denkmal wurde als vorübergehende Kunstaktion von der Stadt genehmigt und auf einem vom Mauermuseum gepachteten Grundstück am Checkpoint Charlie errichtet. Neben den Kreuzen wurden auch zahlreiche originale Mauersegmente aufgestellt. Trotz der Begeisterung der Touristen sorgte das Mahnmal für heftigen Streit in der Berliner Politik. Für den regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war das Denkmal „ohne Baugenehmigung“ und „unter falschen Vorgaben“ errichtet worden. Auch PDS-Kultursenator Thomas Flierl war strikt gegen das Mahnmal. Freimütig erklärte er sogar, daß er beim Anblick der Kreuze Ekel empfinde. Daß die Politiker eines Senats, in welchem ehemalige SED-Mitglieder jetzt als salonfähige PDS-Politiker sitzen, gegen ein derartiges Mahnmal sind, dürfte keine große Überraschung sein. Aber auch angeblich neutrale Medien beschimpften das Mahnmal als „Inszenierung“, „Hollywood-Gedenkstätte“ oder gar als neues „Disneyland“, weil die Mauersegmente nicht authentisch seien und außerdem an der falschen Stelle stünden. Am 5. Juli 2005 wurden die Holzkreuze gefällt und das Gelände geräumt (JF 28/05). Vor einem Jahr traten die Bauarbeiter unter Polizeischutz an, um die Gedenkstätte abzuräumen. Rund hundert Demonstranten hatten sich vergeblich an jenem frühen Morgen versammelt, um gegen die Demontage der Kreuze zu protestieren. Sie sagten, daß die Opfer der deutschen Teilung durch die Räumung zum zweiten Mal ermordet würden. Aber das interessierte die Berliner Volksbank nicht, mit der Alexandra Hildebrandt zwei Jahre zuvor einen Pachtvertrag für das Grundstück geschlossen hatte. Die Bank kündigte den Vertrag und ließ ihn trotz zahlreicher Proteste nicht verlängern. Kritiker vermuten hinter der Kündigung des Vertrages politischen Druck. Der Vorstandsvorsitzende Karl Kauermann habe womöglich auf Geheiß politischer Freunde aus dem Senat die Kündigung vorangetrieben. Alles natürlich nur Spekulation, aber die einzelnen Teile der Geschichte formen sich leicht zu einem skandalösen Gesamtbild zusammen. Jetzt, wenige Tage vor dem Jahrestag der Mahnmalräumung, steht das Gelände immer noch leer. Damit macht die Berliner Volksbank einen monatlichen Verlust von stolzen 29.000 Euro Pacht, die Hildebrandt der Bank gezahlt hatte. Offensichtlich hat die Bank gute Gründe, diesen finanziellen Schaden zu tragen. Flierl will keinem auf die Füße treten In der vergangenen Woche beschloß der Berliner Senat nun ein eigenes Konzept für eine Mauergedenkstätte mit dem sperrigen Titel „Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer: Dokumentation, Information und Gedenken“. Hinter dem ganzen Plan steht allerdings derselbe Mann, der so vehement gegen Hildebrandts Mauermahnmal protestierte, nämlich PDS-Kultursenator Flierl. Der neue Entwurf erschließe alle zentralen Orte der Berliner Mauer, beziehe diese acht Orte aufeinander und verknüpfe sie mit verschiedenen Medien sowie dem öffentlichen Nahverkehr, sagte der Kultursenator bei der Vorstellung des Konzepts. Unter den als wichtig aufgelisteten Orten, zu denen das Brandenburger Tor, die East Side Gallery und die Bernauer Straße zählen, ist auch der Checkpoint Charlie aufgeführt. Ziel sei es, auch den nachfolgenden Generationen die Geschichte der deutschen Teilung im Stadtbild Berlins sichtbar und begreifbar zu machen, sagte Flierl. Geplant ist, daß das Gesamtmahnmal zum fünfzigsten Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August 2011 fertiggestellt sein soll. Der 65 Seiten lange Entwurf dazu werde nun dem Abgeordnetenhaus und dem Bundestag vorgelegt. Der Bund sei aufgefordert, Finanzierungsmodelle zu erarbeiten. Offenbar tritt Flierl mit seinem Entwurf keinem in Berlin unangenehm auf die Füße, denn alle scheinen von der Konzeption des Kultursenators begeistert. Nur einer sträubt sich dagegen. Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Uwe Lehmann-Brauns, hat den Plan harsch kritisiert. Das Papier leide unter „Realisierungsmangel“, da es bisher nicht mit der Bundesregierung abgesprochen sei. Außerdem beklagte Lehmann-Brauns, daß die verschiedenen Opferverbände nicht an der Erstellung des Konzepts beteiligt wurden. Auch Hildebrandt ist dazu nicht gefragt worden. „Ich habe kein Konzept des Senats gesehen“, sagte die Museumsleiterin der JUNGEN FREIHEIT. „Niemand hat uns gefragt.“ Ihrer Meinung nach sei das ganze Mahnmalkonzept von Flierl ein Versuch, echtes Gedenken zu verhindern – nicht etwa zu fördern. Lehmann-Brauns steht nun unter heftigem Beschuß seitens Berliner Medien. Die PDS-nahe Berliner Zeitung, schrieb zu den Äußerungen des CDU-Politikers, daß er nur zu bemitleiden sei. Außerdem könne man nicht sicher sein, ob Lehmann-Brauns überhaupt noch „sachlichen Argumenten zugänglich“ sei. Eins ist sicher, und das zeigt der Beifall des Berliner Senats und der Medien: Ekel wird bei Flierls Konzept niemand verspüren – so wie der Kultursenator vor den damaligen Mauerkreuzen am Checkpoint Charlie. Ob dies aber das richtige Konzept für ein Mahnmal ist, mit dem an die über tausend Opfer der Deutschen Teilung erinnert werden soll, ist fraglich.

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