Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Verwirrende Vielfalt

Die Islamische Zeitung lobte die „nüchternen, ruhigen Reaktionen deutscher Muslime“ im Zusammenhang mit der Diskussion um die Muhammad-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten. In der Tat sparten die Vertreter der diversen Dachorganisationen zwar nicht mit Kritik an der „provokanten“ Veröffentlichung und bekannten sich zur Presse- und Meinungsfreiheit sowie zu deren Grenzen. Sie machten aber parallel dazu auch keinen Hehl aus ihrer Ablehnung der gewalttätigen Ausschreitungen in der islamischen Welt. Der Präsident der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), Rýdvan Çakýr, sah die „religiöse Sensibilität erneut übergangen“. Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, zeigte sich „enttäuscht und bestürzt“. Die Deutsche Muslimliga erinnerte an die „antisemitischen Karikaturen des Stürmer“, und der neu ins Amt gewählte Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Ayyub Axel Köhler, geißelte zum einen die Karikaturen als „blasphemisch, beleidigend und entwürdigend“, zum anderen die Gewalt als „unislamisch“. Wer aber steckt hinter dem Islamrat? Wer hinter dem Zentralrat oder dem Verein DITIB? Wie viele Muslime gibt es überhaupt in Deutschland? Die Zahlen schwanken erheblich. Denn anders als bei den christlichen Kirchen kann man sich bei der Erfassung der Muslime nur auf Schätzungen verlassen. Dennoch steht die Zahl von mehr als drei Millionen Muslimen im Raum, die derzeit in Deutschland leben. Davon sind mehr als zwei Drittel Türken, um die 110.000 konvertierte Muslime und 700.000 eingebürgerte – vielfach nicht-türkische – Muslime. Den Zahlen der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) zufolge waren im Jahr 2004 ganze 3,9 Prozent der Bundesbürger „Personen aus dem moslemischen Kulturkreis“. In Sonderheit seien, so fowid, „tatsächlich nur etwa 400.000 Personen Mitglied in einer muslimischen religiösen Vereinigung“. Von solchen Zahlen möchten die muslimischen Dachorganisationen allerdings wenig wissen. Sie übertrumpfen sich gegenseitig an Mitgliederstärke, beäugen sich vielfach mit Argwohn und haben jede den Anspruch, alle Muslime in Deutschland zu vertreten. An vorderster Front steht die DITIB. Unter der Leitung des staatlichen Türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten vertritt sie nach eigener Darstellung etwa 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. Siebzig Prozent, das wären exakt alle türkischen Muslime. Eine Statistik, die von der unabhängigen Wissenschaft bezweifelt wird. Deren Angaben zufolge wird die Mitgliederzahl der DITIB auf etwa 130.000 geschätzt. Diese Zahl ändert allerdings nichts daran, daß die sie die schlagkräftigste muslimische Organisation ist. So brachte sie im November 2004 in Köln 20.000 türkische Gläubige auf die Beine, um ein Zeichen gegen die Gewalt im Namen des Islam zu setzen. Dessenungeachtet sieht sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) als Dialog- und Ansprechpartner für den deutschen Staat. Diese Rolle hatte er auch dank der Eloquenz seines Vorsitzenden Nadeem Elyas über Jahre hinweg inne. Jüngst hat sich allerdings ein Wechsel in der ZMD-Führung vollzogen. Elyas verzichtete auf eine weitere Amtszeit, und nun muß der deutsche Konvertit Ayyub Axel Köhler zeigen, inwieweit er das schwierige Erbe weiterführt. Eigenen Angaben zufolge erreicht der ZMD 800.000 Muslime – eine Zahl, die ebenfalls deutlich übertrieben scheint. Der Austritt des starken Verbandes der Islamischen Kulturzentren e. V. (VIKZ) aus dem Zentralrat führte schon im Jahr 2000 vor Augen, daß der ZMD arg geschrumpft ist und nur noch eher kleinere Verbände wie die Deutsche Muslimliga zu ihm stehen. Der Islamrat will bis zu 600.000 Muslime vertreten Die Vielfalt der muslimischen Organisationen in Deutschland ist verwirrend. Der Islamrat behauptet von sich, in Deutschland bis zu 600.000 Muslime zu vertreten. Er ist eng mit der von mehreren Landesämtern für Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs mit ihren circa 30.000 Mitgliedern verbunden. Milli Görüs ist ebenfalls mit den Islamischen Föderationen auf Länderebene verknüpft. Und just die Islamische Föderation in Berlin hat sich vor Berliner Gerichten das Recht zur Erteilung von Islamunterricht an staatlichen Schulen erkämpft und unterweist nun um die 4.000 Berliner Grundschüler in den Koran – ein Umstand, der nicht nur der DITIB mißfällt. Moslems beten in der Leipziger Al-Rahman-Moschee: Mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland Foto: Picture-Alliance / DPA

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