Sportpolitische Altlasten

Alle vier Jahre versammelt sich anläßlich der Olympischen Spiele eine riesige Gemeinde von Interessierten – auch gerade in Deutschland – vor dem Bildschirm. Selbst viele derjenigen, die sich sonst relativ wenig vom Sport begeistern lassen, fühlen sich von der speziellen Atmosphäre dieser Großereignisse angesprochen. Nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender greifen zur Kommentierung solcher Höhepunkte gerne auf die erfolgreichsten Stars von gestern zurück. Sie erklären Millionen Laien die speziellen Regeln, deren Entwicklung in der Sportgeschichte und stellen heutige Favoriten ihrer Disziplin vor. Gelegentlich geht es dabei freilich auch um Themen, die keineswegs allein nur etwas mit Sport zu tun haben – so etwa um Doping oder die frühere Mitarbeit von Sportlern und Trainern für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit in der DDR. In diesem Zusammenhang äußerte sich beispielsweise am vergangenen Samstag – dem ersten Tag der Olympischen Spiele in Turin – im ZDF die ehemalige Eiskunstläuferin Katharina Witt zum Fall des ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit Ingo Steuer, der die einzige deutsche Hoffnung in dieser Sportart trainiert. Steuer war zunächst vom Nationalen Olympischen Komitee (NOK) die Reise nach Turin untersagt worden, doch dann erwirkte er mittels einer Eilentscheidung vor Gericht seine Teilnahme. Witt meinte in diesem Interview, man dürfe nicht vergessen, daß sich Steuer – „wie auch andere Sportler“, die für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit (MfS) intimste Berichte über ihre eigenen Mannschafts- und Trainingskameraden anfertigten – einem „anderen deutschen Staat als heute“ verpflichtet habe, einem „Staat mit anderen Gesetzen, Regeln und einem anderen Gesellschaftsbild“. Da dieser Staat heute „nun einmal nicht mehr existiert“, solle „diese Geschichte damit doch nun endlich vorbei sein“. Was damals mehr oder weniger „normal“ gewesen sei, dürfe heute die ehemaligen Sportler und ihre Anhänger nicht immer noch „spalten“, sagte Witt. Außerdem – so die „Eislaufkönigin“ – habe die Bundesrepublik die Vorleistungen für Sportler in der DDR, die sich nach der Wiedervereinigung in Medaillen für das geeinte Deutschland niederschlugen, nach 1990 ja gerne für sich selbst in Anspruch genommen. Witt hatte in ihren Ausführungen nicht nur unterschlagen, daß sich viele Sportler in der DDR dem MfS nicht verpflichtet und derartige Ansinnen zurückgewiesen hatten. Ebenso hatte sie vergessen, daß die DDR keineswegs nur ein „anderer Staat“, sondern bis zu ihrem Ende eine Diktatur war. Weit gravierender war jedoch, daß sie ein vollkommen verzerrtes Bild der Grundlagen des DDR-Sports zeichnete. Die erfolgreiche Teilnahme des westdeutschen Fußballteams an der Weltmeisterschaft von 1954 hatte nicht nur eine bedeutende Hebung des weitestgehend zerstörten Selbstbewußtseins der Deutschen nach dem Krieg ermöglicht. Vielmehr bedeutete der Titel auch einen erheblichen internationalen Ansehensgewinn. Da die DDR schon in diesen Jahren weder mit ihrem Gesellschaftsmodell noch auf wirtschaftlichem Gebiet ernsthaftes Prestige für sich einfangen konnte, setzte sie ganz auf diese Vermarktungsform. Mit aller Macht und allen Mitteln wurde versucht, Sportstars als Werbeträger des sozialistischen Teilstaates aufzubauen. An dieser Prämisse richtete sich die gesamte Sportförderung aus. Statt Gelder in den Massensport zu investieren, flossen die meisten Mittel in den Hochleistungssport. Die Förderung der potentiellen Talente an den Sportschulen war brutal: Wer sich trotz intensivsten Trainings im internationalen Maßstab nicht schnell genug behaupten konnte, wurde genötigt, mit den bekannten unsportlichen Mitteln, etwa der Einnahme von Anabolika, „nachzuhelfen“. Doch die daraus resultierenden Langzeitschäden, die bei zahlreichen Athleten eine Dauerinvalidität verursachten, verschwiegen die zumeist mit dem MfS eng kooperierenden Mischer der Giftcocktails. Sobald ein Sportler auch auf diesem Wege nicht mehr tauglich schien, wurde er ausgemustert und sah in eine unabgesicherte Zukunft. Diese Tatsachen sind spätestens seit den neunziger Jahren gut bekannt, als einige der ehemaligen „Ausgemusterten“ endlich offen über ihr Schicksal äußern konnten. Doch leider scheinen auch die Sportreporter der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diese Fakten nur oberflächlich oder gar nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Denn immer wieder erhalten einige anscheinend unbelehrbare DDR-Spitzenathleten – wie Witt – Gelegenheit, diese dunkle Vergangenheit des DDR-Sports beharrlich zu leugnen oder zu beschönigen. Es ist verständlich, daß sich viele Sportler in ihrer aktiven Zeit ganz auf ihre Laufbahn konzentrieren. Dies trifft auf heutige Athleten ebenso zu wie auf ihre Kollegen aus der einstigen DDR. Niemand macht ihnen deshalb automatisch einen Vorwurf. Andererseits bedeutet dies jedoch nicht, daß man über die persönliche Entscheidung, einer Diktatur aktiv zu dienen, einfach hinweggehen kann. Jeder, der Vorbild für viele Jugendliche ist, trägt eine besondere Verantwortung und muß an dieser gemessen werden. Die Mindestanforderung ist jedoch, daß sich die Betreffenden spätestens dann, wenn ihre aktive Zeit schon lange vorüber ist, kritisch mit der eigenen Rolle und der Funktion der eigenen Erfolge in einer Diktatur auseinandersetzen, soweit die Fakten derart eindeutig auf dem Tisch liegen. Diese Anforderung haben weder Witt noch Steuer erfüllt. Solange dies so bleibt, stellt sich die Frage, was sie bei einem öffentlichen-rechtlichen Sender verloren haben. Ex-Stasi-Mann Ingo Steuer in Turin: Besondere Verantwortung Foto: Picture-Alliance / dpa

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